Handball Zu 80 Prozent Meister

Freie Bahn: Anders Zachariassen, einer der dänischen Weltmeister im Flensburger Team, kommt ungehindert zum Wurf, die Rhein-Neckar Löwen Jannik Kohlbacher (links) und Patrick Groetzki können nur zuschauen.

(Foto: Simon Hofmann/Getty Images)

Der SG Flensburg-Handewitt gelingt mit dem Sieg bei den Rhein-Neckar Löwen ein großer Schritt zur Titelverteidigung - doch Kapitän Karlsson warnt vor Leichtsinn.

Von Michael Wilkening, Mannheim

Tobias Karlsson wird seine Karriere als Handballprofi in ein paar Wochen beenden, am 9. Juni ist sie vorüber, aber das bedeutet nicht, dass der Schwede die Sache geruhsam ausklingen lässt. Der Kapitän und Abwehrchef der SG Flensburg-Handewitt mahnte seine Kollegen jedenfalls eindringlich, im Kampf um die Meisterschaft jetzt nicht leichtsinnig zu werden. "Das wäre lebensgefährlich", sagte Karlsson am Ostersonntag in Mannheim.

Mit seiner Mannschaft hatte der 37-Jährige kurz zuvor das Bundesliga-Spitzenspiel bei den Rhein-Neckar Löwen 26:23 gewonnen und damit nach Einschätzung der meisten Handball-Experten den entscheidenden Schritt zum neuerlichen Titelgewinn gemacht. Selbst Flensburgs Torwart Benjamin Buric, der zwölf Paraden zum Erfolg beigetragen hatte, fand: "Zu 80 Prozent sind wir deutscher Meister."

In der Tabelle liegen die Flensburger nach dem 26. Sieg im 27. Saisonspiel weiterhin vier Punkte vor Rekordmeister THW Kiel (48:6). Sie wirken zudem so stabil, dass nach dem Sieg in Mannheim, beim Meister der Jahre 2016 und 2017, der Chor der Gratulanten anschwoll und dem Titelverteidiger souffliert wurde, dass er mit den Vorbereitungen für die Meisterfeier beginnen könne. Vorsichtshalber wiederholte Karlsson noch einmal: "Das wäre lebensgefährlich, sich damit zu beschäftigen."

Die Flensburger befinden sich ja in einer ungewohnten Situation: Um den Titel zu kämpfen, ist der Klub von der dänischen Grenze zwar gewohnt, aber bislang immer nur als Jäger. Auf dem Weg zur zweiten Meisterschaft nach 2004 eroberte die SG in der vergangenen Saison erst am drittletzten Spieltag die Tabellenspitze; diesmal waren die Flensburger vom ersten Spieltag an vorne. "Das ist eine neue Rolle", sagte Karlsson; er ist selbst neugierig, wie seine Kollegen und er damit umgehen, dass nun die Konkurrenz auf Fehler von ihnen lauert - und nicht mehr umgekehrt.

Die Voraussetzungen sind allerdings gut für Flensburg, angesichts des Restprogramms: Neben Heimspielen gegen Leipzig, Melsungen und Berlin stehen Spiele in Kiel, Göppingen, Stuttgart und beim Aufsteiger Bergischer HC an. Dank des Sieges bei den Löwen kann sich Flensburg sogar eine Niederlage beim Gipfeltreffen mit dem Rivalen Kiel am 12. Mai leisten.

Für Löwen-Regisseur Schmid ist die Sache schon entschieden: "Die spielen einfach gut."

Auf dem Papier verfügen die Flensburger über den am stärksten besetzten Kader aller 18 Bundesligisten. Vier SG-Profis wurden im Januar mit Dänemark Weltmeister, vier weitere standen ihnen im Trikot von Norwegen im Endspiel gegenüber. Hinzu kommen vier Schweden, darunter Jim Gottfridsson, bester Spieler der EM 2018, und Karlsson, der trotz seines bevorstehenden Karriere-Endes immer noch als bester Abwehrspieler der Liga gilt.

Die Flensburger haben in den zurückliegenden Jahren offensichtlich sehr viel richtig gemacht, als sie ihren Kader zusammenbastelten. Weil sie bei weitem nicht über das größte Budget der Bundesliga verfügen, holen die SG-Verantwortlichen regelmäßig Profis aus Skandinavien; gestandene deutsche Nationalspieler sind schlichtweg nicht zu finanzieren. Die spielen in Kiel oder Mannheim und werden neuerdings auch verstärkt von der aufstrebenden MT Melsungen verpflichtet. Flensburg muss es mit Talenten probieren: Im vergangenen Jahr kam Kreisläufer Johannes Golla, 21; im nächsten Sommer folgt der gleichaltrige Leipziger Franz Semper, der dann Holger Glandorf, 36, im rechten Rückraum ersetzen soll.

Auf deutsche Spitzenkräfte auf dem Feld müssen sie in Flensburg noch verzichten, dafür haben sie eine angehende deutsche Spitzenkraft auf der Trainerbank. Als Maik Machulla nach dem Weggang von Ljubomir Vranjes im Sommer 2017 vom Assistenz- zum Chefcoach befördert wurde, gab es Zweifel, ob er das Format habe, das Niveau der Mannschaft zu halten. Die Leistung wurde unter Machulla sogar stärker. Trotzdem mahnt auch der 42-Jährige: "Es ist brutal in der Bundesliga. Alle wollen uns schlagen. Deshalb muss man überall wach sein. Es ist noch nichts entschieden."

Da erntet der ehemalige Spielgestalter freilich Widerspruch von einem aktuellen Regisseur: "Flensburg wird Meister, weil sie den besten Handball spielen", sagte Andy Schmid überzeugt. Der Spielmacher der Löwen kann sich nicht vorstellen, dass die SG die Tabellenführung noch abgibt: "Die spielen einfach gut, haben einen so starken Kader und sind konstant." Für den Schweizer ist die Sache entschieden.

Somit bliebe für die Flensburger noch das Ziel, die deutsche Malaise in der Champions League zu beenden. Im Viertelfinal-Hinspiel der Königsklasse treffen sie am Mittwoch auf KC Veszprem, das Rückspiel in Ungarn findet zehn Tage später statt. In den vergangenen zwei Jahren hat kein deutscher Klub das Final Four in Köln erreicht. "Es ist eine große Herausforderung, aber wir freuen uns darauf", sagte Maik Machulla über die internationale Aufgabe, die er zuversichtlich angeht: "Es ist die Qualität dieser Mannschaft, jeden dritten Tag zu liefern und ans Limit zu gehen. Wir sind im Flow und haben sehr viel Selbstvertrauen."