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Schweiz bei der Handball-WM:Dirigent mit Pianisten-Händen

Zentrale Figur der Schweizer Mannschaft: Spielmacher Andy Schmid, 37.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Die kurzfristig ins Turnier nachgerückten Schweizer wahren ihre kleine Chance auf das Viertelfinale. Zu verdanken haben sie das einem alten Meister.

Von Joachim Mölter

Andy Schmid ist müde, körperlich wie psychisch, und das schon seit vorigem Montag. Da hat der Schweizer Handballspieler bei der WM in Ägypten zehn Tore erzielt gegen die mächtige Abwehr des Rekord-Weltmeisters Frankreich, die 24:25-Niederlage aber nicht verhindern können und anschließend seine Erschöpfung dem in Zürich erscheinenden Tages-Anzeiger geklagt. Aber Andy Schmid darf sich jetzt nicht ausruhen, bis mindestens nächsten Montag braucht ihn sein Team, und wenn alles optimal läuft, sogar noch länger. Für kommenden Mittwoch sind die Viertelfinals terminiert, und die Schweizer haben ihre kleine Chance auf die K.-o.-Runde gewahrt durch das 20:18 über Island am Mittwoch. Auch da war Schmid wieder der erfolgreichste Torjäger seines Teams gewesen, diesmal mit sechs Treffern.

"Dieser Sieg fühlt sich an wie eine gelungene Revanche", fand der Schweizer Torhüter Nikola Portner, der mit 14 Paraden dazu beigetragen hatte. Ursprünglich hatte die Schweiz im Juni ja zwei WM-Playoff-Partien gegen Island bestreiten sollen, die fielen aber wegen der Corona-Pandemie aus. Als WM-Teilnehmer wurde Island bestimmt, weil es bei der EM 2020 als Elfter besser abgeschnitten hatten als die Schweiz (16.); die wurde auf Platz zwei der möglichen Nachrücker gesetzt.

Weil kurz vor WM-Beginn Tschechien und die USA wegen etlicher Corona-Infektionen in ihren Teams ihre Teilnahme absagten, durften die Schweizer dann tatsächlich nachrücken. Die Akteure wurden freilich so kurzfristig benachrichtigt, dass die Delegation erst am Morgen des ersten Spiels aus Zürich abflog, und wegen eines Schneesturms auch noch verspätet. In Kairo gelandet wurden alle erst mal auf Corona getestet, dann ging's per Bus vom Rollfeld des Flughafen direkt in die Halle, ohne Umweg übers Hotel. Trotz der Reisestrapazen besiegten die Schweizer ihre Nachbarn aus Österreich am vorigen Donnerstag 28:25 - das genügte, um sich für die Hauptrunde zu qualifizieren.

Der Hype ist Schmid etwas zu viel: "Wir sind nicht von einer Almhütte gekommen."

Ältere Beobachter des Sportgeschehens erinnerte das an die Fußball-EM 1992, als die Dänen für die wegen des damaligen Bürgerkriegs ausgeschlossenen Jugoslawen aus dem Urlaub zum Turnier kamen und sensationell den Titel holten. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte ist diesmal nicht zu erwarten, aber nach respektablen Leistungen gegen den zweimaligen WM-Zweiten Norwegen (25:31) und eben Frankreich feierten die heimischen Medien den Sieg über Island nun überschwänglich. "Was diese Schweizer Handballer in Ägypten leisten, ist phänomenal", fand der Tages-Anzeiger; die Boulevard-Zeitung Blick schrieb gar vom "größten Sieg in der Schweizer Handball-Geschichte".

Der seit zehn Jahren für die Rhein-Neckar Löwen in der Bundesliga tätige Schmid findet diesen Hype "fast ein wenig übertrieben", wie er dem Mannheimer Morgen sagte: "Wir sind nicht von einer Almhütte gekommen und zur WM gefahren. Wir haben schon vorher gute Spiele gezeigt." Tatsächlich machte die Auswahl zuletzt Fortschritte: 2020 gelang ihr die überhaupt erst zweite EM-Teilnahme, nun ist sie erstmals seit 1995 bei einer WM dabei. Maßgeblichen Anteil daran hat Andy Schmid, nicht nur wegen seiner Tore.

Der 37-Jährige ist einer der besten zentralen Rückraumspieler der Welt, nur wenige können eine Mannschaft so dirigieren wie er, auch wenn er den Zenit seines Könnens vermutlich überschritten hat. Zwischen 2014 und 2018 ist Schmid fünfmal nacheinander als Spieler des Jahres in der Bundesliga geehrt worden, der stärksten Liga der Welt. Einmal war er für die Wahl zum Welthandballer nominiert, 2017 war das, aber da fiel die Kür aus, wegen zu geringer Wahlbeteiligung, wie der Weltverband mitteilte.

Wenn er aufs Tor wirft, dann nicht mit Wucht, sondern ansatzlos - oft einfach aus dem Stand

Von all den großartigen Spielmachern des Handballs ist Schmid mit 1,90 Meter und 90 Kilo der kleinste und schmächtigste. Er ist dafür der eleganteste, geschmeidigste, kreativste. Er setzt seine Mitspieler überraschend ein, und wenn er selbst aufs Tor wirft, dann nicht mit Wucht und Sprunggewalt wie der Däne Mikkel Hansen oder der Norweger Sander Sagosen - sondern ansatzlos, oft einfach aus dem Stand.

Trotz seines Alters steht Schmid bei den Schweizern fast permanent auf dem Feld. Von den vier Stunden Spielzeit in den bisherigen Partien verbrachte er insgesamt nur sechseinhalb Minuten zur Erholung auf der Bank, zwei Minuten davon wegen einer Zeitstrafe. Geschont wird er bloß bei der Abwehrarbeit, wie bei seinem Klub verteidigt er da auf einer wenig strapaziösen Außenposition. Ein Mitspieler hat ihm ja einst zarte Pianisten-Hände bescheinigt, die soll er sich nicht bei einem Blockversuch wehtun.

"Die Belastung ist größer als in der Bundesliga", hat Schmid bei seiner ersten WM festgestellt und dem Mannheimer Morgen erklärt. "Für mich ist das so, als wenn ich jeden zweiten Tag gegen den THW Kiel spiele. Wir müssen immer ans Maximum gehen, um überhaupt eine Chance auf Punkte zu haben." Gegen Island sei "eigentlich schon nach fünf Minuten Schluss" gewesen mit der Kraft. Aber in der 60. Minute wand er sich noch einmal schlangengleich durch die isländische Abwehr und sicherte mit dem Tor zum 20:18 den Sieg. Er darf sich jetzt einfach nicht ausruhen.

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