Handball-WM Die Halle verstummt - und Deutschland weint

Deutsche Trauer: Patrick Groetzki (l.) nach dem WM-Aus.

(Foto: REUTERS)
  • Deutschland scheitert im Halbfinale der Heim-WM mit 25:31 (12:14) an Norwegen.
  • In den letzten Minuten weicht die gewohnte Leichtigkeit der Ernüchterung.
  • Am Sonntag spielt das Team um Bronze gegen Frankreich (14.30 Uhr).
Von Saskia Aleythe, Hamburg

Die Halle wird brennen. Fabian Böhm hatte das schon angekündigt, und mit den Temperaturen dieser WM kennt sich der Rückraumspieler aus: Die Hitze von den Zuschauerrängen in Form von Gejohle, Gesang und Applaus hatte die deutsche Handball-Nationalmannschaft in den vergangenen 15 Tagen von Berlin über Köln nach Hamburg getragen. Von Sieg zu Remis zu Sieg, von der Vorrunde bis ins Halbfinale. Und nun, wo man in der Arena im Altonaer Volkspark angekommen war? Entfachte das deutsche Team das nächste Feuer - und musste es am Ende doch erlöschen lassen.

Es war ja tatsächlich eine Leichtigkeit gewesen, die das Team von Christian Prokop in den vergangenen zwei Wochen gezeigt hatte: wie es unter der Anspannung Tausender Zuschauer in den Arenen der Nervosität keinen Platz machte. Doch im Halbfinale gegen Norwegen wich die Leichtigkeit Minuten vor Schluss der Ernüchterung: Mit einem 25:31 verlor die deutsche Auswahl gegen die Norweger. Der Traum vom Titel wird sich nicht erfüllen, am Sonntag spielt das Team um Bronze. "Wir haben nicht unsere beste Leistung gebracht. Wir haben keine guten Lösungen gefunden und die Verunsicherung mit in den Angriff genommen", musste Prokop in der ARD feststellen.

Handball-WM Am Kapitän lag es nicht Bilder
Deutsche Handballer in der Einzelkritik

Am Kapitän lag es nicht

Uwe Gensheimer wirft sicher, Hendrik Pekeler sieht Rot, Patrick Wiencek entfacht einen Brüllorkan und Andreas Wolff ist sauer. Die deutschen Handballer in der Einzelkritik.

12 500 Zuschauer strömten in die Hamburger Halle, ein letztes Mal genossen die Handballer das Heimpublikum. "Sie haben uns in all den Spielen verzückt", hatte Angela Merkel vorab in einer Grußbotschaft an die Mannschaft geschickt, und verzücken wollten die Handballer nun auch die Hamburger. Uwe Gensheimer gelang der erste Treffer der Partie, Abwehrspieler Patrick Wiencek wippte schon nach zwei Minuten mit den Armen, um sich noch mehr Unterstützung von den Zuschauern zu holen. Per Konter erzielte Hendrik Pekeler das 3:1 (3.). Doch dann spielten die Norweger ihren schnellen Handball, der sie bei dieser WM bis ins Halbfinale gebracht hatte. "Wir versuchen, viel zu laufen. Nicht ins Eins-gegen-Eins zu gehen, sonst wird es sehr schwer", hatte Trainer Christian Berge am Vortag gesagt; dem deutschen Abwehrblock wollte man gerne aus dem Weg gehen.

Die zweite Hälfte beginnt mit dem nächsten Dämpfer

Fehlpässe, schlechte Würfe und eine Unterzahl der Deutschen nutzten die Norweger aus, um sich in Führung zu bringen. Doch dann war Andreas Wolff zur Stelle, der zwei Paraden zeigte (13.), Uwe Gensheimer verwandelte zwei Siebenmeter sicher und brachte das deutsche Team wieder 6:5 nach vorne (14.). Als "harten Brocken" hatte Kapitän Gensheimer die Norweger vorab bezeichnet, und das waren sie: Nach 21 Minuten spielten die Deutschen zur Abwechslung mal in Überzahl, Norwegens Ausnahmekönner Sander Sagosen preschte trotzdem durch die Abwehr und holte auch die Zwei-Minuten-Strafe für Pekeler heraus, da stand es dann 9:11.

Die zweite Hälfte begann mit einem Kontertor durch Wiede, aber auch mit einem erneuten Dämpfer: Jannik Kohlbacher holte sich seine zweite Zeitstrafe ab. Insgesamt sechs Mal hatten sich die Deutschen da schon in Unterzahl übers Parkett quälen müssen. Dennoch kam Pekeler am Kreis frei zum Wurf - und vergab. Ein Stürmerfoul von Wiencek und ein erneuter Konter der Norweger führte zum bis dahin größten Rückstand, nach 36 Minuten lagen die Deutschen 15:19 zurück. Prokop reagierte mit einer Auszeit. "Wir verteidigen in Unterzahl nicht gut", sagte der Trainer, "wir sind nicht auf dem Level. Ich möchte, dass wir vorne zwei Minuten holen. Werft auch mal aus dem Rückraum." Nachrücker Tim Suton ging nach der Ansprache voran und erzielte per Schlagwurf ein Tor, auch Fabian Böhm war nach einem Wurf der Norweger weit über den Kasten zur Stelle und machte seinen dritten Treffer. Uwe Gensheimer erzielte das 18:21 per Siebenmeter (31.) - das sah schon wieder besser aus.

Abwehrspieler Hendrik Pekeler kassiert die rote Karte

Im Tor bekam Silvio Heinevetter mehr Spielanteile und parierte einen Wurf, vorne hätte Böhm das 20:21 erzielen können, doch der Ball flog links am Tor vorbei. Die Norweger erfüllten ihre Aufgaben in der Abwehr bravourös und stellten vor allem die Rückraumspieler der deutschen Mannschaft immer wieder vor Probleme. Statt sich auf einen Ein-Tor-Rückstand heranzupirschen, kam es richtig bitter für die DHB-Auswahl: Pekeler wurde zum dritten Mal auf die Bank geschickt, es war seine dritte Zeitstrafe, rote Karte also. Auch Prokop sah Gelb, zu energisch hatte er sich über die Entscheidung der tschechischen Schiedsrichter beschwert.

22:25 stand nach 49 Minuten auf der Anzeigetafel, da forderte Wiencek die Menge noch mal zur Unterstützung auf. Heinevetter beflügelte es, er lenkte den Ball von Sagosen mit dem linken Fuß auf die Ränge. "Es gibt Verlängerung", machte Prokop seinen Spielern in einer Auszeit Mut, drei Minuten vor dem Schlusspfiff verwandelte Fabian Wiede per Konter zum 25:27. Magnus Rod, der mit sieben Toren erfolgreichste Norweger, verletzte sich bei einem Angriff, doch die Skandinavier behielten die Nerven und machten das 25:28. Da verstummte die Halle. Und die Hoffnung löste sich in Tränen auf.