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Handball-Bundestrainer Gislason:Der Fels Alfred

Deutschland - Österreich

"Hier steckt keiner den Kopf in den Sand": Sagt zumindest Alfred Gislason.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Die deutschen Handballer gehen als aufgewühlter Haufen in die WM in Ägypten - deshalb kommt es besonders auf ihren schwer erfahrenen Chefcoach an.

Von Carsten Scheele

Das Handball-Universum hat dem Trainer Alfred Gislason in den vergangenen Monaten ein paar Prüfungen auferlegt, bei denen manch anderer Coach gezweifelt hätte, ob er in diesem Amt wirklich richtig ist. Gislason war erst wenige Wochen oberster Trainer des deutschen Handballs, als die Corona-Pandemie über den Kontinent hereingebrochen ist. Alle Trainingseinheiten: abgesagt. Alle Länderspiele: ebenfalls, darunter das Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin. Irgendwann war Gislason ein halbes Jahr Bundestrainer, ohne eine einzige Partie gecoacht zu haben.

Als er im November endlich ran durfte, ging auf der Reise nach Estland einiges schief: Das Team kehrte mit diversen Corona-Infektionen vom EM-Qualifikationsspiel zurück; mit den schlechten Nachrichten ging das so weiter. Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft, die gerade in Ägypten begonnen hat, sagten ihm so viele wichtige Spieler ab, dass Gislason erneut hätte fragen können: Ergibt es wirklich Sinn, dass ich Handball-Bundestrainer bin?

Doch Gislason blieb ruhig. Er hat all dies stoisch ertragen, die Absagen, die Corona-Wirren, die vielen umgeworfenen Pläne. Dass ihm Weltklassekräfte wie Hendrik Pekeler oder Patrick Wiencek bei der WM-Mission nicht zur Verfügung stehen, hat der Isländer als "schade" bezeichnet, aber gleich gesagt, dass er die persönlichen Gründe gut verstehen könne. Gislason hatte ursprünglich vor, um diese beiden Spieler herum eine starke Abwehr zu errichten, als Fundament fürs ganze Team. Ein neuer Plan musste her, mal wieder.

Er hätte vor der WM gerne mehr Zeit mit der Mannschaft gehabt, sagte Gislason, einige taktische Möglichkeiten würden deshalb nun wegfallen. Doch dann ein kurzes, aufmunterndes Lächeln: "Hier steckt keiner den Kopf in den Sand." Und: "Natürlich glaube ich an diese Mannschaft."

In einer Volte machte Schwenker seinen Trauzeugen zum Bundestrainer

Im aufgewühlten Haufen, den die deutschen Handballer derzeit in all den Corona-Wirren abgeben, wirkt Gislason wie der ruhende Felsbrocken, den nichts umstoßen kann. Die Situation, die Gislason im Handball noch nicht erlebt hat, muss wohl erst noch kreiert werden - das war ja die Idee, als Gislason im Februar 2020 in einer Hauruck-Aktion als Bundestrainer berufen wurde.

Diese Volte ist sehr deutlich seinem alten Weggefährten Uwe Schwenker zuzuordnen. Beide waren prägende Figuren beim THW Kiel, erst Schwenker als Manager, später Gislason als Trainer. Schwenker hatte Gislason sogar zu seinem Trauzeugen gemacht bei seiner zweiten Hochzeit 2012, und er hatte lange gelitten, wie manch anderer Handballfan in Deutschland auch, weil es mit dem Nationalteam unter Christian Prokop einfach nicht so recht laufen wollte. Prokop hatte viel probiert, mit Platz fünf bei der EM 2020 ein achtbares Ergebnis rausgeholt, doch Schwenker überraschte das Präsidium des Deutschen Handballbundes (DHB) mit einem Gedankenspiel.

Alfred Gislason sei doch auf dem Markt, und er habe gehört, dass dieser gerade Verhandlungen mit dem russischen Verband aufgenommen habe, erzählte Schwenker seinen Kollegen: "Ende der Woche steht Alfred nicht mehr zur Verfügung." Plötzlich ging es ganz schnell, gegen einen wie Gislason fanden selbst die Prokop-Freunde im Präsidium keine Gegenargumente. "Wir hatten einen jungen Systemtrainer, jetzt haben wir einen souveränen, charismatischen Trainer, der wie ein Fels in der Brandung steht", brachte Schwenker den Trainerwechsel damals auf den Punkt. Davon soll die Mannschaft in Ägypten nun profitieren.

Die Spieler loben Gislasons schier unerschöpfliche Erfahrung

Mit seinen 61 Jahren steht Gislason am Spielfeldrand wie einer, der alles erlebt hat - mit dem Unterschied zu anderen Trainern, über die das gesagt wird, dass Gislason wirklich schon fast alles erlebt hat. Als Spieler im linken Rückraum absolvierte er 190 Länderspiele für Island, mit Tusem Essen wurde er zweimal deutscher Meister. Als Trainer des SC Magdeburg holte er 2002 den ersten Champions-League-Titel nach Deutschland, danach prägte er die zweite große Ära des THW Kiel, sammelte über die Jahre sieben deutsche Meisterschaften, sechs Pokalsiege und zwei weitere Champions-League-Titel, 2010 und 2012.

Manchmal wirkt er streng, das täusche aber, sagt Gislason: "Ich bin der lockerste Trainer überhaupt." Denn was bringt es, auf Handballer einzuhauen, die ohnehin gerade verunsichert sind?

Die Spieler loben Gislasons Art, sie schätzen die schier unendliche Erfahrung, aus der ihr Trainer schöpft. Häufig sitzen selbst jene Männer, die weit mehr als 100 Länderspiele absolviert haben, einfach nur da und lauschen den Anekdoten ihres Coaches, beim Mittagessen, bei der Teambesprechung. "Er gibt uns Sicherheit", sagt der rechte Rückraumspieler Kai Häfner. "Er ist der richtige Mann, um aus unserem Haufen etwas Gutes zu zaubern", glaubt Rechtsaußen Timo Kastening.

Eine Sache hat Gislason vor einigen Tagen dann doch genervt: Die Kritik von Torwart Andreas Wolff in Richtung der Kieler Spieler, die nicht mit zur WM reisen wollten. So etwas störe die Vorbereitung, hat Gislason gesagt, doch dann, kurze Pause, ein Lächeln: Was solle er denn machen? Einer wie Wolff sage halt seine Meinung, den könne er gewiss nicht mehr ändern. Er ist in seiner Karriere schon mit ganz anderen Kalibern zurecht gekommen, da wird ihn ein ungestümer Wolff nicht aus der Reserve locken.

Gislason glaubt an diese Mannschaft. Und wenn er es tut, kann es nicht so verkehrt sein.

© SZ/moe/and
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