Von der Handball-Torhüterin Katharina Filter gibt es ein spektakuläres Referenzvideo: die Aufzeichnung vom deutschen WM-Hauptrundenspiel gegen Montenegro. Beim 36:18-Sieg vergangene Woche in Dortmund ist der 26-Jährigen Unglaubliches gelungen. Sie blieb beim 9:0-Start der Deutschen die kompletten ersten 15 Minuten ohne Gegentor. Insgesamt kam sie auf 48 Prozent gehaltene Bälle. Und neben ihren elf Paraden bei 23 gegnerischen Schüssen erzielte sie sogar drei eigene Treffer ins leere Tor. Und das alles in einem Spiel!
Womöglich wäre sie in dieser Partie sogar beste deutsche Torschützin geworden, hätte sie der Spielverderber Markus Gaugisch nicht ausgewechselt. Dem Bundestrainer ist aber nicht wichtig, dass seine Torhüterin zugleich beste Torjägerin ist. Lieber hat er der zweiten Torfrau Sarah Wachter noch Spielzeit gegönnt. Und Filter wurde dann auch so als Spielerin des Spiels ausgezeichnet.
Die Hamburgerin Filter ist mal gefragt worden, warum sie eigentlich Torhüterin geworden sei, warum sie sich als Mädchen ins Tor hat stellen lassen – und sie hat geantwortet: „Weil ich keine Angst vor dem Ball hatte!“ Das muss man nämlich mögen: sich als lebende Zielscheibe in bis zu 100 km/h schnelle und harte Würfe der Gegnerinnen zu stellen. Manchmal, sagt Filter, tue so ein Ball schon auch weh und hinterlasse blaue Flecken. Das Adrenalin eines Spiels lindert aber den Schmerz. Wenn man davon ausgeht, dass ein WM-Spiel vor heimischem Publikum den Schmerz noch ein bisschen mehr lindert, dann ist es kein Wunder, dass Filter quasi schmerzfrei eine der stärksten Torhüterinnen bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und den Niederlanden ist: mit einer Paradenquote von 39 Prozent bei 164 gegnerischen Schüssen nach sieben Spielen.
Filters Lebensmotto lautet: „Es kommt, wie es kommen muss.“
An diesem Freitag steht die Torfrau, zuletzt bei Klubs in Kopenhagen und Brest und aktuell in Esbjerg beschäftigt, mit der deutschen Mannschaft in Rotterdam im Halbfinale (17.45 Uhr, ARD). Sie wird vermutlich eine noch bessere Leistung benötigen, damit deutsche Handballerinnen im ersten WM-Halbfinale seit 2007 das erste WM-Endspiel seit 1993 erreichen können. Vor 32 Jahren ist Deutschland in Norwegen Weltmeister geworden. Für die aktuelle Mannschaft wird schon das Halbfinale die ultimative Prüfung, denn es geht gegen den aktuellen Weltmeister Frankreich.
Nach sieben Siegen in sieben Spielen in Stuttgart und Dortmund ist die deutsche Mannschaft am Mittwoch mit großem Selbstvertrauen nach Rotterdam gefahren. Die Spielerinnen wissen, dass sie am Finalwochenende Außenseiterinnen sind, aber Filter sagt voller Selbstvertrauen: „Jetzt ist alles möglich, wir müssen nur einfach so weitermachen wie bisher.“ Ihr Lebensmotto lautet: „Es kommt, wie es kommen muss.“
Wie auch immer das Halbfinale ausgeht, am Sonntag in Rotterdam wird die Mannschaft die Chance auf eine Medaille erhalten. Sie spielt entweder um Gold (17.30 Uhr) oder um Bronze (14.30 Uhr). Die ARD überträgt live. Gegner wird der Olympiasieger Norwegen oder der Gastgeber Niederlande sein. Dieses Wochenende wird das aufregendste Erlebnis für die deutschen Handballerinnen seit Olympia 2024 in Paris. Dort hatten sie Deutschland erstmals nach 16-jähriger Olympiaabstinenz wieder vertreten.
Die Torfrau hat ihren Teamkameradinnen etwas voraus. Sie hat bereits Medaillen gewonnen – allerdings nicht in der Halle, sondern im Sand. Filter war Torhüterin der Beachhandball-Nationalmannschaft, als diese 2022 Weltmeister geworden ist, sowie 2021 und 2023 Europameister. In diese Sammlung würde sich eine Medaille bei der Hallen-WM unabhängig von der Farbe als Prunkstück einreihen.
Xenia Smits und Aimée von Pereira bilden den vielleicht stärksten zentralen Defensivblock der WM
Wenn es einen Grund gibt, dieser Mannschaft in Rotterdam eine Überraschung zuzutrauen, dann sind das Filter und die deutsche Deckung. Die Abwehrspezialistinnen Xenia Smits und Aimée von Pereira bilden den vielleicht stärksten zentralen Defensivblock dieser WM, jedenfalls haben sie von den vier Halbfinalisten binnen sieben Spielen die wenigsten Würfe aufs Tor zugelassen. Die niederländischen Torfrauen haben bislang insgesamt 243 Würfe aufs Tor bekommen, die französischen 233, die norwegischen 223 und die beiden deutschen Filter und Wachter 221. „Unsere starke Deckung in der Kombination mit Kathi Filter im Tor“ hat Bundestrainer Gaugisch im Laufe des Turniers mehrmals als Aspekt für die Siegesserie benannt.
48 Prozent gehaltene Bälle gegen Montenegro und 41 Prozent im Viertelfinale gegen Brasilien waren Filters beste Quoten. In den sieben Spielen insgesamt kommt sie auf 39 Prozent und reiht sich damit im Turnier hinter den Norwegerinnen Katrine Lunde (54 Prozent) und Eli Marie Raasok (45 Prozent) sowie der Niederländerin Yara ten Holte (40 Prozent) ein. Die mittlerweile 45 Jahre alte Lunde ist schon lange ein Vorbild für Filter.
Das Finalwochenende in Rotterdam wird auch von den Torhüterinnen entschieden. Gut möglich, dass Katharina Filter, die keine Angst vor dem Ball hat, zu einem entscheidenden Faktor wird.
