Sie hüpften. Sie tanzten. Sie sprangen. Und sie weinten. Die überwältigten deutschen Handballerinnen haben ihr Viertelfinalspiel bei der Heim-Weltmeisterschaft am Dienstagabend vor 10 522 Zuschauern in der ausverkauften Westfalenhalle mit 30:23 (17:11) gegen Brasilien gewonnen. Sie sind mit dem siebten Sieg im siebten Turnierspiel erstmals seit 2007 ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft eingezogen. Nicht ein Mal haben sie in diesem Turnier relevant zurückgelegen. Alles läuft wie im Rausch. Erstmals seit dem Gewinn einer Bronzemedaille vor 18 Jahren haben deutsche Handballerinnen deshalb nach dem Halbfinale am Freitag am Sonntag die Chance, eine Medaille zu holen.
Nach sieben stimmungsvollen Heimsiegen – drei in Stuttgart, vier in Dortmund – müssen sie in den entscheidenden beiden Spielen nun allerdings auf heimische Unterstützung verzichten. Die Medaillen bei dieser gemeinsam von Deutschland und den Niederlanden ausgerichteten WM werden in der Ahoy-Arena in Rotterdam vergeben.
„Sooo unglaublich lange haben wir auf diesen Moment gewartet“, sagte mit brüchiger Stimme und geröteten Augen die Rückraumspielerin Emily Vogel. Schon in den letzten Sekunden des Spiels waren ihr die Tränen heruntergelaufen. All die Jahre, in denen es mit dem Einzug ins Halbfinale nicht geklappt hatte, waren ihr in Erinnerung. „Diese Spielerinnen sind durch tiefe Täler gegangen“, sagte der Bundestrainer Markus Gaugisch. „Aber diese Mannschaft hat inzwischen Selbstvertrauen entwickelt, die Spielerinnen sind an all diesen Spielen gewachsen.“

Handballerin Döll bei der WM:Oberkommissarin auf Torejagd
Duale Erfolgsgeschichte: Antje Döll ist Polizistin in Ludwigsburg, Abteilung Eigentumsdelikte. Bei der Handball-WM spielt die 37-Jährige eine andere Rolle – als Kapitänin, Antreiberin und bislang beste Torschützin der DHB-Auswahl.
Bevor es nun um eine Medaille geht, droht der Mannschaft am Freitag erst noch ein superschwieriges Halbfinale gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich, der sein Viertelfinale gegen Dänemark erst am Mittwochabend spielt. „Gegen Frankreich oder Dänemark sind wir Außenseiter“, sagt Gaugisch, fährt mit seiner Mannschaft aber voller Selbstvertrauen und mit großen Ambitionen am Mittwoch nach Rotterdam. Sowohl das deutsche Halbfinale am Freitag als auch die Partie am Sonntag entweder um Gold oder um Bronze werden live in der ARD übertragen.
„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, klang kurz vor dem Viertelfinale aus den Boxen der Westfalenhalle
Deutschlands Sieg gegen Brasilien übertrug das ZDF als erstes Spiel bei dieser WM live im Free-TV. Dafür musste eine Folge der Krimiserie Soko Köln weichen. Allerdings bekamen die Zuschauer mit der deutschen Linksaußen Antje Döll tatsächlich sogar eine echte Kriminaloberkommissarin zu sehen, denn die 37 Jahre alte Handballerin vom Bundesligisten Neckarsulm arbeitet nebenher im Polizeipräsidium Ludwigsburg. Döll ist bei dieser WM bislang die erfolgreichste deutsche Torschützin, auch deshalb, weil bei ihren 39 Treffern 16 Siebenmeter dabei waren. Die jungen deutschen Spielerinnen Nina Engel und Nieke Kühne folgen ihr mit 28 und 22 Turniertreffern. Kühne vom Bundesliga-Tabellenführer Blomberg-Lippe ist eine der Entdeckungen bei dieser WM und neben Viola Leuchter, die für Odense in Dänemark spielt, Kandidatin für die Wahl zur besten jungen Spielerin.
„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, hatte es kurz vor dem Viertelfinale aus den Boxen der Westfalenhalle geklungen. Dieses Lied haben die „Höhner“ 2007 anlässlich des Heim-WM-Titels der deutschen Handballer etabliert. Warum also sollte es für die Handballerinnen nicht genauso motivierend sein?
Entsprechend berauscht starteten die deutschen Frauen ins Spiel, führten nach 100 Sekunden 2:0 und nach vier Minuten 4:1. Brasiliens herausragende Spielerin Bruna De Paula erzielte die ersten drei Tore für ihre Mannschaft. Aber dann fuchste sich das deutsche Abwehrbollwerk mit Aimée von Pereira, Emily Vogel und Xenia Smits im Zentrum immer besser rein. Torhüterin Katharina Filter parierte darüber hinaus viel von dem, was dann noch durchkam. Sie wurde hinterher als Spielerin des Spiels ausgezeichnet. Zur Pause kam das deutsche Team auf eine respektable 17:11-Führung, obwohl es ein paar Chancen sogar noch hatte liegen lassen.
Bundestrainer Gaugisch hatte sich schon zum Ende der ersten Halbzeit erlaubt, die Rückraumspielerinnen Vogel, Leuchter und Alina Grijseels durch Kühne, Annika Lott und Nina Engel zu ersetzen. Gaugisch vertraut schon das ganze Turnier auf seinen Kader in der vollen Breite. Und bereute es bislang nicht.
Die ultimative Kaltblütigkeit in der Chancenverwertung, die sie am kommenden Wochenende in Rotterdam brauchen werden, ließen die Spielerinnen in Dortmund phasenweise noch vermissen. Sie ließen die Brasilianerinnen zehn Minuten vor dem Ende noch einmal auf 22:25 herankommen. In der Schlussphase aber bauten sie ihre Führung dann doch wieder aus. Eine „High-End“-Leistung hatte Gaugisch für das Viertelfinale gefordert. Nun ist sogar noch Platz für eine Steigerung, für eine Higher-End-Leistung im Halbfinale am kommenden Freitag in Rotterdam.

