Aus buddhistischer Sicht haben die deutschen Handballerinnen Alina Grijseels und Xenia Smits bei der Weltmeisterschaft in Spanien bereits das Nonplusultra erreicht. Sie haben beide den Karma-Award erhalten. Die Spielmacherin Grijseels von Borussia Dortmund bekam ihn nach dem Auftaktsieg gegen Tschechien, die Abwehrchefin Smits von der SG Bietigheim nach dem zweiten Erfolg gegen die Slowakei.
Der ethisch und moralisch belastete Begriff Karma steht im Buddhismus für die Konsequenzen allen eigenen Handelns und Denkens. Da klingt so ein Karma-Award nach einer hohen Auszeichnung, leider ist er bei der Handball-WM bloß ein Sponsoren-Gag. Die beste Spielerin jedes Spiels bekommt ein Karma-Diplom und eine Geschenktüte. Darüber haben sich die deutschen Rückraumspielerinnen Grijseels und Smits zwar gefreut, über ihre Gestalt nach der Wiedergeburt sagt dieses Diplom aber leider gar nichts aus.

Nach dem 25:24-Sieg im gegen Ungarn dritten deutschen Gruppen- und letzten Vorrundenspiel am Montagabend hat den Karma-Award die ungarische Torhüterin Blanka Biro erhalten. Man weiß nichts über den Lebenswandel der 27-Jährigen aus Budapest, aber wenn die gegnerische Torfrau als beste Spielerin des Spiels ausgezeichnet wird, dann kann das für die deutschen Werferinnen kein allzu gutes Zeichen sein. Nicht mal, wenn sie trotzdem gewonnen haben.
Nach den deutschen Siegen jagten sie jedes Mal "Viva Colonia" über die Hallen-Lautsprecher
Und tatschlich: Abgesehen davon, dass man sich beim normal fairen Handballspiel weder moralisch noch ethisch versündigen kann, müssen die deutschen Spielerinnen vor dem Beginn der Hauptrunde an diesem Mittwoch gegen Kongo (18 Uhr, sportdeutschland.tv) streng mit sich ins Gericht gehen. Trotz der drei Vorrundensiege gegen Tschechien (31:21), die Slowakei (36:22) und Ungarn (25:24) ist ihre Torwurf-Verwertung nämlich miserabel. 65 Prozent im ersten, 64 Prozent im zweiten und 53 Prozent im dritten Spiel bedeuteten nicht nur eine rapide sinkende Trefferquote, sondern verheißen auch, dass man mit solchen Quoten am Freitag gegen Südkorea (15.30 Uhr) und am Sonntag gegen Dänemark (20.30) höchstwahrscheinlich nicht gewinnt. Einen Sieg gegen Kongo vorausgesetzt, müsste aber eine dieser Partien gewonnen werden, um als einer der beiden Ersten der Sechsergruppe ins Viertelfinale einzuziehen.
Ihre drei Vorrundenspiele haben die deutschen Handballerinnen in dem Städtchen Lliria nahe der Mittelmeerküstenstadt Valencia bestritten. Lliria ist eine offizielle Unesco-Stadt der Musik. Das muss der Grund dafür gewesen sein, dass sie nach den deutschen Siegen jedes Mal "Viva Colonia" über die Hallen-Lautsprecher gejagt haben. Den Spielerinnen war das aber ganz recht, zu diesem Lied kann man sehr gut hopsen. Und genau das haben sie dann auch drei Mal getan, am begeistertsten nach dem hauchdünnen Sieg gegen Ungarn, bei dem sie ihre gute Ausgangssituation für die Hauptrunde beinahe noch verspielt hätten.
Mit jedem neuen Spiel zeigte sich das Manko dieser deutschen Mannschaft immer deutlicher. Sie vergab derart viele Torchancen, dass man befürchten muss, sie erhalte am Ende des Turniers dafür den Fairness-Preis. Dabei haben die Spielerinnen gar nicht Mitleid mit den Kontrahentinnen. Warum sie aber so oft selbst klarste Torwürfe, bei denen ihnen nur noch die Torhüterin im Weg steht, nicht verwerten können, ist schon seit einigen Jahren ein Geheimnis, das so recht niemand lüften kann.
Die nächsten drei Gruppenspiele bestreiten die deutschen Handballerinnen in Granollers
Die Karma-Diplom-Trägerinnen Grijseels, 25, und Smits, 27, sind zusammen mit der im rumänischen Bistrita spielenden Kreisläuferin Meike Schmelzer die effektivsten deutschen Werferinnen. Grijseels als beste deutsche Torschützin kommt mit 14 Treffern in drei Spielen auf eine Verwertungsquote von 88 Prozent. Zusätzlich hat sie zehn Mal den letzten Pass vor einem Treffer gespielt. Schmelzer (elf Tore) kommt auf 85 Prozent Trefferquote, auch das ist hervorragend.
Seltsamerweise noch überhaupt nicht eingeworfen haben sich die beiden Ungarn-Legionärinnen Emily Bölk und Alicia Stolle. Gegen Ungarn hatten sie es im Tor zwar mit ihrer Ferencvaros-Vereinskollegin Biro zu tun, und die weiß vermutlich immer ganz genau, wo ihre Kolleginnen aus Deutschland hinwerfen - aber auch über die drei Vorrundenspiele hinweg zeigten sich Bölk (sechs Tore) und Stolle (vier Tore) angesichts ihrer Champions-League-Erfahrung mit Trefferquoten von 38 und 33 Prozent schon fast unterirdisch.
Mit dem Wissen um ihr bisheriges Manko sehen die Handballerinnen aber nicht nur Steigerungspotenzial, sondern dann auch Chancen aufs Viertelfinale. "Wenn wir in den nächsten Spielen ein paar mehr Chancen reinmachen, dann kann das auch in der Hauptrunde gut aussehen", sagt Bölk als Kapitänin. Mit zwölf Assists hatte sie in der Vorrunde auch einige starke Szenen.
Die Ballverteilerin Grijseels im zentralen Rückraum analysiert gerade die Nervenprobe gegen Ungarn positiv, als eine Art bestandener Psychologie-Prüfung: "Wir haben ein enges Spiel für uns entschieden, und diesen Rückenwind nehmen wir mit in die Hauptrunde." Die nächsten drei Gruppenspiele und dann möglicherweise auch das Viertelfinale bestreiten die deutschen Handballerinnen in Granollers nahe Barcelona. Vier Stunden sind sie am Dienstag mit dem Bus hingefahren. Das Gute: Auch dort droben im Nordosten Spaniens werden in den nächsten Tagen weitere Karma-Diplome verteilt.

