Handball-WM Drecksack und Dieb

Die SZ-Mannschaft der Vorrunde der Handball-WM führt kreative Athleten und schillernde Charaktere zusammen. Zudem wird ein Spieler nominiert, der die Hauptrunde verpasst hat.

Von SZ-Autoren

Der Komplette

Ein Beispiel: Als Aron Palmarsson von den spanischen Abwehrhünen Viran Morros und Gedeon Guardiola in die Zange genommen wird, spielt er, kurz bevor er auf den Boden knallt, mit dem Rücken zum Tor einen Pass aus dem Handgelenk, der präzise den freien Kollegen am Kreis findet - Freyr Arnarsson kann problemlos vollenden. Es sind nicht die 17 erzielten Tore, die Palmarssons Klasse belegen (Islands zweitbester Wert hinter Rechtsaußen Arnor Thor Gunnarsson mit 20), es sind diese Momente, in denen der Regisseur mit Übersicht und Spielverständnis begeistert. Dass Aron Palmarsson zudem torgefährlich ist, macht ihn zu einem kompletten Rückraumspieler. Der 28-Jährige ist Takt- und Ideengeber seiner Auswahl, er bestimmt das Tempo. Sind knifflige Phasen zu überstehen, wird der Spieler des FC Barcelona gesucht. Dass die Kollegen ziemlich oft die Verantwortung an ihn weiterreichen, könnte jedoch zum Problem werden. Ralf Tögel

Stirnbandträger

Immer wieder Mikkel Hansen! Es geht nichts ohne ihn bei dieser WM, die bei Co-Gastgeber Dänemark ganz auf das 98-Kilo-Muskelpaket von Paris Saint-Germain zugeschnitten ist. Dänemark will den Titel, Mikkel Hansen schreitet mit Urkraft voran - und läuft es einmal nicht so, wie in der Vorrunde gegen Österreich, als der Stirnbandträger eine Halbzeit lang nicht traf (und einige Landsleute bereits die Stirn runzelten), kommt er mit der besten Antwort zurück: 14 Tore im Skandinavienknaller gegen starke Norweger. Mit 35 Treffern geht Hansen, 31, als führender WM-Schütze in die Hauptrunde; schwer vorstellbar, dass ihn Ungarn, Ägypter oder Schweden dort stoppen können. Das Halbfinale in Hamburg scheint fest gebucht zu sein, im Finale in Herning will Hansen dann den letzten großen Titel gewinnen, der ihm in der Sammlung fehlt. Und danach? Schnell nach Hause zur Familie, denn kurz vor der WM kam Sohnemann Eddie Max zur Welt. Carsten Scheele

Kleine Gemeinheiten

Es war die liebevollste Beleidigung der WM. Andreas Wolff nannte Kentin Mahé einen "kleinen Drecksack", immer neue Gemeinheiten denke sich der Franzose beim Siebenmeterwerfen gegen ihn aus. So kam es, dass die Deutschen durch einen verwandelten Strafwurf von Mahé doch noch in Bedrängnis gerieten, neun Tore hat er ihnen insgesamt eingeschenkt. Böse war Wolff ihm kaum: Schon in der Jugend waren sie Gegner, mit neun Jahren kam Mahé aus Nizza nach Dormagen. Obwohl er im Durchschnitt kaum 18 Minuten pro Partie absolvierte, kommt Mahé mit 22 Treffern auf die beste Torausbeute seines Teams, auch gegen Russland brachten seine drei finalen Treffer den Sieg. Was nicht so schlecht ist, wenn man Nikola Karabatic, 34, den Kapitän und langjährigen Inspirator des Titelverteidigers, beerben soll. Kentin Mahé, 27, gibt sich als fähiger Spielgestalter, der im Rückraum vielfältig einsetzbar ist und aus allen Lagen trifft. Mit 17 keimte in ihm kurz der Gedanke, sich in Deutschland einbürgern zu lassen, doch die familiäre Verbundenheit war größer: Vater Pascal wurde 1995 Weltmeister mit Frankreich. Das hat Kentin 2015 und 2017 nachgemacht, er spielte dabei sogar auf Linksaußen. Prädikat: Multitalent. Saskia Aleythe

Schattenmann

Marin wer? Kein Wunder, dass Kroatiens Torhüter Marin Sego nicht so populär ist. Der Däne Landin, der Norweger Christensen und der Deutsche Wolff haben statistisch bessere WM-Werte. Zudem hält dieses Trio in der Bundesliga. Sego, 33, vom ungarischen Meister Pick Szeged, führt seit jeher ein Torhüterdasein im Schatten, meist ist er zweiter Mann. Zur EM 2018 in seiner Heimat wurde er gar nicht nominiert, nun aber war Sego im wegweisenden Gruppenspiel gegen Europameister Spanien (23:19) der große Rückhalt. Trainer Lino Cervar und Kapitän Domagoj Duvnjak übertrafen sich gegenseitig in den Hymnen, die sie auf ihren 1,98 Meter großen und 100 Kilo schweren Schlussmann anstimmten. Der begeisterte die 12000 Münchner Zuschauer (die Hälfte Kroaten, mindestens) mit Paraden und ließ Spaniens Rückraum-Garde verzweifeln. Fast unbekannt, trotzdem erfolgreich: Sego gewann in Ungarn mehrmals Meisterschaft und Pokal, zuvor 2016 mit KS Kielce/Polen sogar die Champions League. Übrigens: Das gelang Landin, Christensen und Wolff noch nie. Ralf Tögel

Zentraler Außenseiter

Da, wo sich Uwe Gensheimer bewegt, ist er ein Außenseiter - der 32-Jährige rennt an der linken Seitenlinie entlang. Im deutschen Team aber hat er eine zentrale Rolle. "Er nimmt emotional das Publikum mit, geht vorneweg, macht in der Abwehr seine Aufgabe hervorragend, spielt sehr effizient", lobt Bundestrainer Prokop seinen Kapitän. Mit 31 Toren ist Gensheimer zweitbester Schütze der WM - obwohl er zuletzt früh vom Feld ging, damit auch sein Ersatzmann Matthias Musche Spielzeit bekommt. Der ist aktuell bester Bundesliga-Torjäger, das zeigt, wie gut Gensheimer gerade ist. Joachim Mölter

Gestohlene Bälle

Norwegens Kreisläufer sind eine Macht, nicht nur im Angriff, wenn sie gefährlich nah an der verbotenen Zone wandeln und in artistischer Schräglage Bälle ins Tor zischen lassen. Nein, Kreisläufer sind auch hervorragende Abwehrspieler, und das trifft bei dieser WM besonders auf Magnus Gullerud zu, den 1,94-Meter-Hünen, der in der Bundesliga für GWD Minden spielt. Es gibt noch längere Abwehrspieler in diesem Turnier, aber kaum schnellere. Zehn sogenannte "Steals" hat Gullerud, 27, in der Vorrunde ergattert; abgefangene, gestohlene Bälle also, die seine Mannschaft in einfache Tempogegenstoßtore ummünzen kann. Auch bei den geblockten Bällen ist Gullerud in der Statistik weit vorne; da ist es okay, wenn er Glanzmomente im Angriff oft seinem Kollegen Bjarte Myrhol überlässt. Der ist 37 Jahre alt, fliegt aber wie ein junger Wikinger durch den gegnerischen Kreis. Auf beide kommt es an in der Hauptrunde, wenn Norwegen Punkte auf Dänemark und Schweden gutmachen muss. Ein paar "Steals" von Gullerud würden helfen. Carsten Scheele

Pfeilschnell

Eine beinharte Abwehr, Ballgewinne und blitzschnelles Umschalten, "das ist unser Spiel", sagt Spaniens Trainer Jordi Ribera. Was im Idealfall per Konter und sicherem Abschluss zu einem leichten Treffer führt. Und hierfür ist Ferran Sole erster Kandidat des Trainers, den pfeilschnellen Rechtsaußen zeichnet Leichtfüßigkeit beim Tempogegenstoß sowie eine hohe Effizienz beim Torwurf aus. Zudem ist er ein sicherer Siebenmeterschütze. Ribera holte den 26-Jährigen in seine Auswahl, die EM in Kroatien vor einem Jahr war sein erstes großes Turnier, das die Iberer auch dank seiner Tore mit dem Titelgewinn beendeten - Sole wurde als bester Rechtsaußen ausgezeichnet. Der Linkshänder verdient sein Geld beim französischen Erstligisten Toulouse, ist also bei keinem europäischen Topklub notiert. Wenn er so weiterspielt, könnte sich das schnell ändern, aktuell ist er mit 21 Toren wieder unter den besten Schützen. Sole steht trotz der Niederlage gegen Kroatien stellvertretend für sein Team: Spanien sollte man nie abschreiben. Ralf Tögel

Trostpreis

Russlands aktuell größter Handballer kommt gerade recht klein daher. Die 1,80 Meter, mit denen der Linksaußen Timur Dibirow in den Personalakten geführt wird, sind optimistisch hochgerechnet. Und nun ist er vermutlich noch geschrumpft, weil er seiner Mannschaft das Weiterkommen in die Hauptrunde vermasselt hat, ausgerechnet er, der ausgefuchst und pfiffig ist wie nur wenige und auffällig wie kaum ein anderer mit seinem kahlen Kopf und seinem Rauschebart. Dibirow ist in Russlands Kader jedenfalls derjenige, "zu dem alle aufschauen", wie sein Zwei-Meter-Mitspieler Sergei Gorpischin, 21, sagt. Dibirows Wurfvarianten sind zirkusreif, wann immer sein Team in Bedrängnis geriet, spielten ihm die Kollegen Ball und Verantwortung in die Hände. Und Dibirow hielt sie im Spiel, gegen Serbien, gegen Deutschland, nur gegen Brasilien nicht, den Außenseiter. Deren Torwart provozierte mit theatralischem Umfaller eine rote Karte für Dibirow - und der fehlte in der Schlussphase. Brasilien gewann und ist weiter, Russland verlor und ist draußen. Naja, fast. Die Russen müssen wie elf andere Teams weiterspielen, um den President's Cup, einen Trostpreis, mit dem Dibirow und seine Russen kaum zu trösten sein werden. Für den Olympiasieger von 1992 und 2000 ist das ein Rückschlag bei der angestrebten Rückkehr zu alter Größe. Joachim Mölter