Handballerin Döll bei der WMOberkommissarin auf Torejagd

Lesezeit: 3 Min.

Antje Döll hebt ab und trifft, so lief das bisher häufig bei der Handball-WM der Frauen.
Antje Döll hebt ab und trifft, so lief das bisher häufig bei der Handball-WM der Frauen. (Foto: Marijan Murat/dpa)
  • Antje Döll ist Kriminaloberkommissarin in Ludwigsburg und gleichzeitig Kapitänin der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der WM.
  • Die 37-Jährige führt Deutschland mit 28 Toren in fünf Spielen als beste Torschützin zum fünften Sieg im fünften WM-Spiel.
  • Nach dem insolvenzbedingten Rückzug ihres Klubs HB Ludwigsburg im Sommer wechselte sie zur Sport-Union Neckarsulm.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Duale Erfolgsgeschichte: Antje Döll ist Polizistin in Ludwigsburg, Abteilung Eigentumsdelikte. Bei der Handball-WM spielt die 37-Jährige eine andere Rolle – als Kapitänin, Antreiberin und bislang beste Torschützin der DHB-Auswahl.

Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Freie Bahn für Internet-Erpresser? Die Ermittlerin Antje Döll vom Dezernat 2 für Eigentumsdelikte jedenfalls ist vorübergehend außer Dienst. Sie spielt gerade bei der Handball-Weltmeisterschaft. „Ein paar Sachen werden vermutlich auf mich warten, aber akute Fälle übernehmen selbstverständlich die Kollegen“, sagt die 37 Jahre alte Kriminaloberkommissarin vom Polizeipräsidium Ludwigsburg. Sie sagt das lächelnd im strahlend weißen Trikot der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Keine Bange, die Verbrecherjagd im schwäbischen Cyberspace ruht nicht.

Am Donnerstag haben die Handballerinnen beim 36:18-Erfolg gegen Montenegro mit einer irren 9:0-Führung nach 15 Minuten den fünften Sieg im fünften WM-Spiel perfekt gemacht. Das finale Hauptrundenspiel gegen Spanien (Samstag, 18 Uhr) hat dadurch keine Bedeutung mehr. Sollten die Handballerinnen am Dienstag auch das Viertelfinale in Dortmund (17.15 Uhr, ZDF) gewinnen, dann stünden sie am Freitag darauf in Rotterdam im Halbfinale und spielten dort am folgenden Sonntag um eine Medaille. Das wäre der größte Erfolg für den deutschen Frauenhandball seit 17 Jahren. Die Linksaußen Döll hätte als Kapitänin und bislang beste deutsche Torschützin erheblichen Anteil daran.

Duale Karriere heißt in Deutschland die Doppelbelastung aus Beruf und Leistungssport. Aber im Fall Döll muss man wohl eher sagen: duale Erfolgsstory, oder noch besser: triale Erfolgsstory. Die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin hat über Jahre mit ihrem ehemaligen Verein Bietigheim 17 Titel geholt, stand 2024 mit diesem im Champions-League-Endspiel, war mit der Nationalmannschaft letztes Jahr bei den Olympischen Spielen und träumt jetzt von einer WM-Medaille. Als Polizistin geht sie anschließend wieder auf digitale Verbrecherjagd. Die Schurken sollten sich vorsehen.

Im Sommer war sie vom insolvenzbedingten Rückzug ihres langjährigen Klubs betroffen: „Ein Schock!“

Denn Döll hat eine beachtliche Trefferquote. In der Täterermittlung ebenso wie beim Handball. Etwa zehn Stunden pro Woche arbeitet sie als polizeiliche Ordnungshüterin, ansonsten tut sie alles dafür, um beim Handball in gegnerischen Abwehrreihen für Chaos zu sorgen. Natürlich immer mit legalen Mitteln! Das WM-Spiel gegen Montenegro war ihr 112. Länderspiel. Sie kommt auf nunmehr 302 Nationalmannschaftstore und allein bei dieser WM nach fünf Spielen auf 28. „Ich habe gerade einfach wahnsinnig viel Spaß“, sagt sie über ihre enorme Quote. Sie hoffe, dass es so weitergeht und sie der Mannschaft weiter helfen kann. „Wir haben ein super Teamgefüge und sind alle auf einer Wellenlänge.“

Dölls famose Verfassung ist umso erstaunlicher, als sie im Sommer vom insolvenzbedingten Rückzug ihres langjährigen Klubs betroffen war. HB Ludwigsburg, erst ein Jahr zuvor aus Bietigheim umgezogen und entsprechend umbenannt, konnte sich sein Starensemble kurz vor dem Saisonbeginn plötzlich nicht mehr leisten. „Ein Schock!“, fand Döll. Sie kam beim Bundesligisten Sport-Union Neckarsulm unter, 40 Kilometer von Ludwigsburg. Alles neu, alles anders kurz vor der Bundesliga-Saison und drei Monate vor der Heim-WM. „Antje hat kein leichtes halbes Jahr hinter sich“, sagt der Bundestrainer Markus Gaugisch. Umso bemerkenswerter seien ihre Leistungen gerade.

Doch Döll kennt sich aus mit Anpassung und Veränderungen. Am 3. Oktober 1988 auf den Tag genau zwei Jahre vor der deutschen Wiedervereinigung in Haldensleben geboren, ging sie mit zwölf Jahren schon aufs Sportinternat im nahen Magdeburg und wechselte mit 18 zur HSG Bensheim/Auerbach nach Südhessen. Damals hieß sie noch Antje Lauenroth und war Kreisläuferin. Später schulte sie zwecks besserer Chancen aufs Nationalteam zur Linksaußen um, debütierte erst 2017 mit 28 Jahren im deutschen Trikot und spielte als erstes Turnier gleich eine Heim-WM. Die deutsche Mannschaft spielte damals zunächst in Leipzig und schied bereits im Achtelfinale in Magdeburg aus. Mittlerweile spielt Döll im neunten Jahr Nationalmannschaft, ist Kapitänin, älteste Spielerin im deutschen WM-Kader und als eine der weltbesten Linksaußen auch beste deutsche Torschützin. Sie trägt dieselbe Rückennummer, die 29, wie ihr Mann Jan Döll beim Handball-Drittligisten Salamander Kornwestheim.

Den dualen Alltag zwischen Büro und Sporthalle genießt Döll so richtig. „Ich weiß, dass ich auch noch etwas anderes kann als Handballspielen“, sagt sie. Die stete Abwechslung ist reizvoll – aber auch anstrengend. Montags und mittwochs zum Beispiel ist sowohl vormittags als auch nachmittags Training in Neckarsulm. An anderen Tagen geht Döll erst in Ludwigsburg ins Büro und anschließend zum Krafttraining in Bietigheim. Da kommen jeden Monat schon ein paar Autokilometer zusammen. Am Wochenende sind Bundesligaspiele, ein paar Mal im Jahr kommen mehrtägige Nationalmannschafts-Lehrgänge hinzu. Jetzt die WM.

Seit 2016 genießt Döll die Spitzensportförderung der Landespolizei Baden-Württemberg. In der Polizeiarbeit liegt ihre Zukunft, denn im Profihandball läuft die Zeit irgendwann ab. Die Olympischen Spiele 2028 würde Antje Döll schon gerne noch mitspielen, das wäre dann kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Die Sommerspiele in drei Jahren sind in Los Angeles. Eine Handball spielende Kriminaloberkommissarin wäre sogar eine skurrile Geschichte für die Traumfabrik.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version war in der Überschrift versehentlich von der DBB-Auswahl anstatt von der DHB-Auswahl die Rede. Das haben wir korrigiert.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Handball-Bundestrainer Gaugisch
:„Frauensport läuft immer noch unter dem Radar“

Am Mittwoch beginnt die Handball-WM in Deutschland. Bundestrainer Markus Gaugisch spricht über den Stellenwert des Frauenhandballs, Probleme auf dem Fernsehmarkt und den Plan, bei der WM endlich eine Topnation zu besiegen.

SZ PlusInterview von Ulrich Hartmann

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: