Süddeutsche Zeitung

Zeugnis zur Handball-WM:Versetzung gefährdet

Nur Platz zwölf bei der WM, die Olympia-Qualifikation vor der Nase: Was läuft gut bei den deutschen Handballern, was muss besser werden? Zeit für ein Zwischenzeugnis.

Von Joachim Mölter, Carsten Scheele und Ralf Tögel

Die Torhüter

Die offizielle Uhr zeigte 59 gespielte Minuten an und dazu 59 Sekunden, es war also tatsächlich in letzter Sekunde, als Andreas Wolff die deutschen Handballer vor dem Schlimmsten bewahrte. Die zahlenmäßig gerade unterlegenen Polen hatten noch einen Gegenangriff gestartet, ihr Kreisläufer Patryk Walczak war völlig frei am deutschen Kreis aufgetaucht - doch mit einer Glanzparade wehrte Torhüter Wolff den Ball ab.

Er verhinderte zwar nicht mehr die schlechteste WM-Platzierung deutscher Handballer, nämlich Rang zwölf. Aber er rettete zumindest das Unentschieden (23:23) und bewahrte sein Team so davor, das Turnier mit einer Niederlage zu beenden wie der ebenfalls gescheiterte EM-Zweite Kroatien. Der war zum Schluss von Außenseiter Argentinien (19:23) und Titelverteidiger Dänemark (26:38) regelrecht demontiert worden. Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) sieht der Olympia-Qualifikation im März also nicht völlig zerrupft entgegen, und auch wenn die Torhüter nicht immer so gut dastanden wie Wolff in der letzten Szene: Sie konnten am wenigsten dazu, dass es nichts wurde mit dem angestrebten Viertelfinale.

Die Shooter

Die Partie gegen Spanien war für 15 Minuten eine Blaupause, wie die deutsche Mannschaft mit der Weltspitze mithalten kann. Einen Vier-Tore-Vorsprung erwirtschaftete das Team da, ehe es wieder losging mit der Chancenvernichtung. Allzu oft versammelte Gislason seine Spieler in Auszeiten um sich, um anzumahnen, doch bitte "die leichten Dinger" reinzumachen. In früheren Zeiten eine Kernkompetenz deutscher Auswahlen, die traditionell starke Rückraumshooter hatte. Hansi Schmid in der Siebzigern, der in jeder Beziehung große Erhard Wunderlich in den Achtzigern, Daniel Stephan und Volker Zerbe in den Nullern oder zuletzt Pascal Hens. Spieler, die mit einfachen Tore in wichtigen Situationen Druck vom Team nehmen; ganz abgesehen davon, dass allein die Präsenz solcher Shooter Lücken in der gegnerischen Abwehr provoziert.

In Ägypten liefen die deutschen Rückraumspieler meist quer, ein Zeichen fehlender Torgefahr. Dabei ist Julius Kühn der Prototyp des Shooters, ein Zwei-Meter-Brocken mit enormer Hebelkraft, der aber allzu oft vergisst, dass er den Torwart nicht treffen muss - sondern an ihm vorbeiwerfen. Auch Paul Drux, der Eins-gegen-eins-Situationen bevorzugt, scheiterte viel zu oft mit freien Würfen.

Der Mittelmann

Es gab im deutschen Handball zwei große Spielgestalter in den vergangenen 20 Jahren, der eine war Markus Baur, Weltmeister von 2007, der andere Daniel Stephan, Europameister von 2004 und sogar einmal Welthandballer, 1998 war das. Und wenn Stephan, 47, über Philipp Weber spricht, dann wird er euphorisch. Einen solchen Mittelmann habe das Nationalteam seit Jahren nicht erlebt, Weber sei "sehr athletisch und sehr torgefährlich", verfüge dazu über das komplette Repertoire: Sprungwurf, Stemmwurf, über den falschen Fuß - kann er alles. Vor allem aber, sagt Stephan, sei der Leipziger "mental auf einer anderen Stufe" angelangt als vor ein paar Jahren. Unter dem Bundestrainer Christian Prokop war Weber zwar immer da, aber nie gesetzt. Manch einer fragte sich: Explodiert der noch?

Vielleicht brauchte Weber erst den passenden Bundestrainer: Wie Stephan in den späten Neunzigern von Heiner Brand zur Nummer eins gemacht wurde, setzt Gislason nun eindeutig auf Weber. Dem tut das Vertrauen gut, Weber zieht die Regie an sich, leitet Spielzüge ein, passt fintenreich den Kreis an oder zieht selbst ab - das klappte in vier WM-Spielen gut bis sehr gut, nur gegen die Polen nicht so sehr. Zuletzt galt die Rückraummitte immer als Problemstelle vor großen Turnieren - mit einem wie Weber kann Gislason aber sorgenfrei in die Olympia-Qualifikation starten.

Der Gegenstoß

Eine Schwachstelle beschert Weber dem deutschen Team aber auch: Er spielt nicht in der Abwehr, muss also immer raus, direkt nach dem Angriff. Und bei Ballgewinn immer erst auf die Platte, um mitwirken zu können. Für den Tempogegenstoß, die einfachste Waffe im Handball, um schnell ein Tor zu erwirken, fällt Weber als Pendelspieler nahezu aus. Ein Problem? Unbedingt, aber keines, das Gislason exklusiv zu verantworten hätte. Das Zaudern der Deutschen vor dem Gegenstoß ist eine Schwäche, die von Bundestrainer zu Bundestrainer weitergegeben wird. Die Spitzennationen können das alle, haben das Tempospiel zu einem Teil ihrer Spielidentität erhoben, die Spanier, die Dänen, die Schweden und Norweger.

Die Deutschen dagegen sind zögerlich im Aufbruch. In der Sekunde, in der es darum geht, ob ein Gegenstoß gelaufen werden sollte oder nicht, schalten die anderen schneller. Bis zum Ende der Hauptrunde sind die Dänen 52 schnelle Gegenstöße gelaufen (heraus kamen 37 Tore), die Spanier 48 (36 Tore) , die Schweden auch noch 43 (36 Tore). Fürs deutsche Team zählten die Statistiker nur 33 Tempogegenstöße (26 Tore), trotz prädestinierter Tempospieler wie Timo Kastening oder Uwe Gensheimer.

Der Kapitän

Mit den sogenannten "einfachen Toren", wie sie bei Gegenstößen möglich sind, holt man sich Selbstvertrauen, der deutsche Kapitän Uwe Gensheimer hätte ruhig ein wenig mehr davon vertragen können. Der 34-Jährige spielte eine unterdurchschnittliche WM, gemessen an seinen Möglichkeiten; auf Linksaußen gilt der Mannheimer ja als einer der Besten der Welt. Die Erwartungen an ihn gehen deshalb stets in Richtung Wunderdinge, und wenn er dann keine zehn Tore wirft und keine Kunststückchen mit seinem Gummihandgelenk vorführt, wird's unruhig im Publikum.

So schlecht, wie er von einigen Beobachtern gesehen wurde, war er freilich auch nicht. Die immer wiederkehrende Kritik an seinen Leistungen geht Gensheimer sichtlich auf die Nerven, zumal er sieht, dass das Spiel in der Nationalmannschaft wenig auf seine Person zugeschnitten ist. Das läuft viel häufiger über rechts, wo die Melsunger Timo Kastening und Kai Häfner ein eingespieltes Duo abgeben und Gensheimer nur aus der Ferne zuschauen kann. Also reagierte er bei einigen TV-Interviews dünnhäutig, formulierte unglücklich, drückte sich missverständlich aus, fühlte sich falsch zitiert - und sorgte so für Debatten, welche die sowieso verunsicherte Mannschaft nicht gebraucht hat.

Die Abwehr

Die Polen taten es, die Ungarn auch, die Spanier sowieso: Sie initiierten ihre Angriffe, ließen den Ball nach links und rechts wandern, und steuerten irgendwann schnurstracks auf die deutsche Mitte zu. Dort brach zielsicher das Chaos aus, zwar mühten sich Johannes Golla und Sebastian Firnhaber redlich, "den Laden dicht zu bekommen", wie man sagt. Die legendäre deutsche Abwehrwand war diesmal aber eher ein poröses Mäuerchen. Golla steht bei 18 Länderspielen, Firnhaber bei sieben, ihre fehlende internationale Erfahrung im Mittelblock war ersichtlich; bei Firnhaber schlug sie sich zudem im Sammeln überflüssiger Zeitstrafen nieder.

Oft stand der gegnerischen Kreisläufer blank, oder es tat sich eine Lücke auf, groß wie das Brandenburger Tor, durch die der Mittelmann oder Halbspieler nur hindurchschlüpfen musste. Die Ungarn kamen so mit ein und demselben Trick zu etlichen baugleichen Treffern - es war wirklich schmerzhaft anzusehen. "Es sind billige Tore, die wir uns einfangen, in allen Spielen", grantelte Gislason. Er weiß: Bald kommen Spieler zurück, die schon massive Betonmauern errichtet haben. Die Olympia-Quali in Berlin wird ganz im Zeichen der Maurermeister stehen.

Die Rückkehrer

Bisweilen schien es bei der WM so zu sein, als werde mehr über abwesende Spieler gesprochen als über die anwesenden. Ständig war die Rede von fehlender Stabilität und Erfahrung im Innenblock, mangelnder Routine in entscheidenden Situationen und schon war das Idiom "Kieler Loch" geboren. Den angesprochenen Spielern wurde für folgende Aufgaben so die größtmögliche Hypothek aufgeladen, doch Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler, der gerade zum Handballer des Jahres gekürt wurde, wissen mit derlei Druck klarzukommen. Mit dem ebenfalls in Ägypten fehlenden Steffen Weinhold haben sie gerade die Champions League gewonnen. Ein Wettbewerb mit Teams, die so manche Auswahl in Ägypten düpiert hätten - womit nicht die zu klein und rund geratenen Uruguayer gemeint sind.

In Finn Lemke, der wie die drei Kieler pandemiebedingt verzichtet hatte, fehlte ein weiterer gesetzter Abwehrspieler, der wie der verletzte Jannik Kohlbacher eine Abwehr stabilisieren kann. Gislason hielt sich mit Was-wäre-wenn-Spekulationen zurück, doch nur mal so gefragt: Wie weit wären die deutschen Kicker bei der WM 2014 ohne Boateng, Lahm, Hummels und Mertesacker gekommen? Sicher nicht bis zum Titel. In Ägypten fehlten zudem noch die verletzten Fabian Wiede, Franz Semper, Tim Suton und Sebastian Heymann, wichtige Alternativen im Angriff. Gerade der Berliner Wiede wurde im Spielaufbau und als Torschütze vermisst. Für das Olympia-Qualifikationsturnier kann Gislason mit fast allen planen, dann wird nicht mehr über abwesende Spieler gesprochen.

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