Martin Strobel bei der Handball-WM Ein Zweitligaspieler mischt die Welt auf

Hin und wieder zeigt Martin Strobel (l.), dass er auch torgefährlich sein kann.

(Foto: REUTERS)
  • Martin Strobel gelingt in der deutschen Handball-Nationalmannschaft ein Comeback, das die Umschreibung märchenhaft durchaus verdient.
  • Den Angriff, der zuvor das größte Problem des deutschen Teams darstellte, lenkt er mit großem Geschick und Selbstlosigkeit.
  • Trainer, Mitspieler und Offizielle geraten aufgrund seiner Spielweise ins Schwärmen.
Von Saskia Aleythe, Berlin

Normalerweise wäre Martin Strobel bei dieser WM wieder vor dem Fernseher gelandet. Wie in den vergangenen zwei Jahren, als er die Turniere der deutschen Nationalmannschaft nur noch als Fan verfolgt hat, "da habe ich mitgelitten, wenn es mal nicht so lief", erzählte der 32-Jährige noch vor ein paar Tagen. Ende 2016 hatte Strobel seine Karriere im deutschen Trikot mit dem Gewinn von EM-Gold und Olympia-Bronze schon abgehakt, doch nun feiert er ein Comeback, das die Umschreibung märchenhaft durchaus verdient. "Er ist in der Lage, das zu tun für die Spieler, was wichtig ist", sagt Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), und beschreibt damit die perfekte Eigenschaft eines Spielgestalters. Dabei hatte man wenige Monate vor der WM noch genau mit dieser Position die größten Bauchschmerzen - große Talente drängten sich nicht auf.

Im Herbst klingelte deshalb bei Strobel das Telefon, Bundestrainer Christian Prokop fragte, ob er sich eine Rückkehr in die Mannschaft vorstellen könne, es fehle ihm die gewichtige Alternative. "Ich habe mir das nach dem ersten Anruf schon noch überlegt", sagte Strobel, natürlich war der Familienvater überrascht: Mit seinem Verein Balingen-Weilstetten spielt er seit 2017 nur noch in der zweiten Bundesliga, allerdings inzwischen wieder als Tabellenführer. Dennoch ist dies nicht die klassische Ausgangslage, um in einen WM-Kader zu rutschen und auch noch Stammspieler auf der Position zu werden, die im Handball meist über ein gutes oder schlechtes Spiel entscheidet. "Aber wenn so ein Event ansteht wie eine Heim-WM, ist die Freude extrem groß", sagte er - und hat sich doch noch mal kitzeln lassen von der Herausforderung. Ausgerechnet gegen Weltmeister Frankreich glückte ihm im 145. Länderspiel seine beste Leistung der WM - diesem Zweitligaspieler gegen aktuelle Champions-League-Sieger. "Wir wollten dieses Spiel, wir haben es angenommen, jede Situation", sagte Strobel. Sich selbst in den Fokus rücken, das würde er nie. Deswegen macht es Hanning, der Strobels Aufritt mit einem Wort umschrieb: "Großartig".

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Strobel glänzt in heiklen Augenblicken

Beim verkorksten EM-Turnier vor einem Jahr in Kroatien galt Philipp Weber auf der Mittelposition nach starker Hinrunde beim SC DHfK Leipzig zu Recht als große Hoffnung, er konnte sich jedoch nicht behaupten. "Wir haben es nicht geschafft, eine Struktur ins Spiel zu kriegen", erinnert sich Hanning, jetzt sieht er im reformierten Angriff um Strobel "die größte Erneuerung" im Team. Strobel gilt als klassischer Spielmacher, der Lücken reißen und Mitspieler in Position bringen kann, damit sie möglichst frei zum Wurf kommen. Gleichzeitig sei er in der Lage, "innerhalb eines Systems aufgrund seiner unfassbaren Erfahrung umzuschalten", so Hanning.

Und das tat Strobel gegen Frankreich. Als er merkte, dass sich der Gegner auf Steffen Fäth auf der linken Seite gut eingestellt hatte, suchte er die Torgefahr über die Kreisläufer. Dafür lobte ihn Prokop: "Er war heute ganz wichtig für uns."

Auch als Torschütze glänzte er in heiklen Augenblicken, vier Treffer sind für den sonst so Selbstlosen eine erstaunliche Quote. "Nur weil er in der zweiten Liga spielt, hat er nichts von seiner Qualität verloren", sagt sein Zimmergenosse Fabian Böhm. Und das ist ja auch eine schöne Erkenntnis: Dass manche Perle im Verborgenen liegt, nicht immer in der glänzendsten Muschel. Man muss sie nur finden. Manchmal auch ein zweites Mal.

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