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Handball-WM:Genervt vom Corona-Thema

Handball-WM in Ägypten - Spielfreier Tag für Deutschland

Nur anschauen, nicht hingehen: Die deutschen Handballer, hier der Rückraumspieler Kai Häfner, können nicht alle Annehmlichkeiten ihres Hotels in Anspruch nehmen.

(Foto: Sascha Klahn/dpa)

Bundestrainer Alfred Gislason will am liebsten nur noch über Sport sprechen, doch das Coronavirus lässt die WM nicht los. Dabei ist der nächste deutsche Gegner einige Worte wert.

Von Joachim Mölter

Jeden Abend klagt der Bundestrainer Alfred Gislason dem Kommunikationschef des Deutschen Handballbundes (DHB) sein Leid. "Ich möchte keine Fragen mehr zu Covid beantworten, sondern mich nur auf Handball konzentrieren", seufzt Gislason, "ich wäre sehr, sehr glücklich, wenn ich nur Handball-Fragen beantworten könnte." Aber das geht natürlich nicht bei dieser Weltmeisterschaft in Ägypten, jeden Morgen aufs Neue muss der Isländer Fragen zur aktuellen Corona-Lage beantworten, wenn er sich zur virtuellen Pressekonferenz vor einen Bildschirm setzt.

Manchmal kommt Gislason glimpflich davon, am Montag zum Beispiel war er längst schon wieder weg und in Gedanken bei der Vorbereitung auf das Spiel gegen Ungarn am Dienstagabend (18 Uhr, ZDF), als der Verzicht des WM-Neulings Kap Verde auf die weitere Turnierteilnahme bekannt wurde. Weil das Team wegen diverser Corona-Fälle während der Vorbereitung und in den ersten WM-Tagen nicht mehr genügend einsatzfähige Spieler zur Verfügung hatte, war bereits das für Sonntagabend geplante Match gegen Deutschland abgesagt und mit 10:0 Toren sowie 2:0 Punkten für die DHB-Auswahl gewertet worden. Die kapverdischen Funktionäre hatten da noch gehofft, kurzfristig gesunde Spieler einfliegen lassen zu können, um in der Partie gegen Uruguay am Dienstag zumindest die Chance aufs Vorrücken in die Hauptrunde zu wahren. Das war aber nicht mehr rechtzeitig möglich, also zogen sie ihr Team komplett von der WM zurück - und Uruguay kommt kampflos weiter.

Auch Karl Lauterbach meldet sich jetzt wegen der WM zu Wort

Es sind Nachrichten wie diese, die das Thema vor allem in Deutschland am Köcheln halten. Mittlerweile hat selbst der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in einem Interview mit den Fernsehsendern RTL und n-tv kritisiert, dass in Ägypten eine Handball-WM ausgetragen wird: "Es ist insgesamt das falsche Turnier zu dieser Zeit", fand er und fügte hinzu: "Das Turnier macht mir wesentlich mehr Sorgen als die Geisterspiele in der Bundesliga."

Ob ihm die im Februar in Oberstdorf geplante WM der Nordischen Skisportler auch irgendwelche Sorgen bereitet, ist Lauterbach offensichtlich nicht gefragt worden. Die Gewissheit, dass in Deutschland sportliche Ereignisse mit internationaler Beteiligung sicherer organisiert werden können, wird aber wohl auch er nicht hegen angesichts von 24 Corona-Fällen, die in den vergangenen beiden Wochen von den Biathlon-Weltcups in Oberhof gemeldet wurden. Das sind sechs mehr als bei allen vorherigen Weltcup-Stationen dieses Winters zusammen, hat aber bei weitem nicht zu einer so großen Aufregung geführt, wie sie nun die Handballer in ihrer von der Außenwelt abgeschotteten Blase in Ägypten erleben.

Es ist auch dieser ungleiche Bewertungsmaßstab, der die DHB-Delegation gerade nervt. Alfred Gislason versuchte jedenfalls auch am Montag wieder, die Debatte zu beenden. "Es gab am Anfang einiges, was die Teams hier bemängelt haben", berichtete er im Teamhotel in Gizeh, in Sichtweite der Pyramiden, "aber die Verantwortlichen haben alles so schnell wie möglich behoben." Und Sportvorstand Axel Kromer bestätigte: "Inzwischen ist alles so, dass wir sagen können: ,Jo, jetzt geht's los!'"

Die möglichen Hauptrundengegner haben alle schon Punkte verloren, selbst Europameister Spanien

Die ersten fünf Turniertage sind ja vorbei, wenn das Hygienekonzept von allen Blasen-Bewohnern befolgt und eingehalten wird, dürfte es theoretisch von nun an keine Corona-Fälle mehr geben bei dieser WM. Und Alfred Gislason könnte sich ausschließlich den sportlichen Themen widmen, gerade rechtzeitig.

Ungarn ist dem Spielplan nach der letzte Gegner in der Vorrunde, aber weil beide Mannschaften bereits für die Hauptrunde qualifiziert sind und die Ergebnisse mitgenommen werden auf den weiteren Weg "ist es im Endeffekt schon das erste Hauptrunden-Spiel", findet Paul Drux, der Rückraummann von den Füchsen Berlin. Gislason sagt: "Es geht um zwei extrem wichtige Punkte." In der Parallelgruppe, aus der die nächsten Gegner kommen, haben ja alle Teams schon Zähler verloren, sogar Europameister Spanien (beim 29:29 gegen Außenseiter Brasilien). Ein Sieg gegen Ungarn würde den deutschen Handballern die volle Punktzahl bescheren und somit einen minimalen Vorsprung im Rennen um die angestrebte Viertelfinal-Teilnahme.

Dumm nur, dass Alfred Gislason nicht wirklich weiß, wie weit er mit der Entwicklung seiner jungen Auswahl schon fortgeschritten ist. Mit den jüngsten Auftritten war er zwar durchaus zufrieden, aber die Gegner Österreich in der EM-Qualifikation vor der WM sowie Uruguay zum WM-Auftakt waren nicht wirklich eine harte Prüfung. "Ungarn ist ein ganz anderes Kaliber", sagt Gislason, "der erste richtig starke Gegner", stimmt Drux zu.

Gut in Abwehr und im Angriff, schnelles Spiel nach vorne, kaum Schwächen - so hat Gislason die Ungarn analysiert. "Sie können deutlich über unseren Innenblock werfen", hat er außerdem beim Videostudium gesehen und daraus gefolgert: "Unsere Abwehr muss deutlich aggressiver nach vorne arbeiten als bisher." So munter und engagiert, wie er da redete, spürte man, dass der Isländer in seinem Element war: Es ging um Handball und nur um Handball und um nichts anderes.

© SZ/klef
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