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Deutsche Handballer bei WM:Ein Team in der Ausbildung

210119 Sebastian Firnhaber of Germany and Dominik Mathà of Hungary during the 2021 IHF World Handball Championship matc

Schwerstarbeit: Sebastian Firnhaber (li.) bekam es in seinem erst vierten Länderspiel für die DHB-Auswahl fast ausschließlich mit übermächtigen Gegnern zu tun.

(Foto: Mathias Bergeld/Imago)

Bei der knappen Niederlage gegen Ungarn offenbaren sich Defizite in der deutschen Abwehr. Vor den drei Spielen in der Hauptrunde ist der Druck nun groß.

Von Ralf Tögel

Ganz still saß Alfred Gislason auf einem der blauen Stühle am Spielfeldrand und beobachtete regungslos die vor Freude hüpfenden Ungarn. Ein paar Minuten vorher schien ihm noch jeder Gegentreffer einen Stromstoß durch den Körper zu jagen, so sehr zuckte und litt der Handball-Bundestrainer an der Seitenlinie. Und dann musste der Isländer auch noch den denkbar schmerzhaftesten Ausgang dieser zum ersten Härtetest erhobenen Vorrundenpartie bei der WM in Ägypten hinnehmen: das 29:28 für Ungarn fiel vier Sekunden vor Schluss.

Womit sich die Ausgangslage für die am Donnerstag mit dem Spiel gegen Europameister Spanien (20.30 Uhr, ZDF) beginnende Hauptrunde signifikant verschlechtert hat: Eine weitere Niederlage kann sich die deutsche Auswahl nicht leisten, um die Chance auf das Viertelfinale zu wahren.

Abwehr, Chancenverwertung, technische Fehler: Trainer Alfred Gislason bleibt noch Arbeit

"Wir bekommen keinen Zugriff in der Abwehr, wir müssen die Chancen besser nutzen und die Fehlpässe abstellen", teilte Gislason seinen Spielern eindringlich mit, als er nach 16 Minuten die erste Auszeit nahm. Es war bereits die passende Generalkritik an seiner Mannschaft, der man aus kämpferischer Sicht keinerlei Vorwurf machen konnte, die aber nicht in der Lage war, die vom Trainer angesprochenen Defizite nachhaltig abzustellen. Was indes wenig verwundert: Gislason ist mit einem Kader nach Ägypten geflogen, der sich angesichts zahlreicher Absagen von Stammspielern quasi noch in der Ausbildung befindet.

Einer wie Sebastian Firnhaber steht dabei exemplarisch für die ganze Mannschaft. Der Kreisläufer absolvierte sein viertes Länderspiel, bis Dienstagabend wähnte er sich in einem wunderbaren Traum, dann bekam er es erstmals mit einem Gegner von internationalem Format zu tun. Mit Johannes Golla, 23, der ebenfalls seine erste WM spielt, soll der 26-Jährige den Innenblock bilden, traditionell das Prunkstück deutscher Auswahlen.

Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler waren für diese Rolle vorgesehen, die Kreisläufer des THW Kiel haben aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt, ebenso wie Melsungens international erfahrener Abwehrchef Finn Lemke. Alle drei sind mehr als zwei Meter groß und bilden für gewöhnlich einen weltweit gefürchteten Innenblock in der Abwehr.

Gegen Ungarns Koloss Bence Banhidi am Kreis ist die deutsche Abwehr überfordert

Nun bekam es Firnhaber (1,98) mit dem 2,06-Meter-Mann Bence Banhidi zu tun, der ungarische Kreisläufer ist trotz seines Kampfgewichts von 120 Kilogramm beeindruckend flink. "Wir wussten schon, was da für ein Brecher auf uns zukommt", sagte Firnhaber zerknirscht, "aber wir haben ihn nicht in den Griff gekriegt." Was auch eine ambitionierte Aufgabe war, Banhidi spielt wie das Gros seiner Teamkollegen in der Champions League und zählt zu den derzeit Besten seines Fachs. Wenn er den Ball erst einmal zu fassen bekam, war er nicht mehr aufzuhalten. Achtmal feuerte der Brecher den Ball aufs deutsche Tor, achtmal zappelte dieser im Netz. Firnhaber versuchte mit allen Mitteln, Banhidi zu stoppen, er hing an ihm wie Lametta an einem Weihnachtsbaum und kassierte dafür zwei frühe Zeitstrafen.

Gislason wird dennoch weiter auf Firnhaber setzen, zumal er dessen Qualitäten aus gemeinsamen Kieler Zeiten kennt. Von dort war der Kreisläufer nach Erlangen gewechselt, die Aussichten als dritte Kraft hinter Pekeler und Wiencek waren nicht allzu rosig. Bei den Mittelfranken ist Firnhaber in kurzer Zeit zum Nationalspieler gereift, wobei er vom Zusammenspiel mit dem Norweger Petter Overby profitiert. Der weilt ebenfalls in Ägypten und stabilisiert dort den Innenblock des WM-Zweiten.

210119 Philipp Weber of Germany during the 2021 IHF World Handball Championship match between Germany and Hungary on Ja

Philipp Weber brachte die DHB-Auswahl mit 26:25 in Führung, letztlich waren aber auch die fünf Treffer des Spielmachers zu wenig.

(Foto: Mathias Bergeld/Imago)

Die Überforderung der deutschen Abwehr allein an Firnhaber festzumachen, tut dem Novizen freilich Unrecht: Sämtliche Abwehrkräfte kamen vor allem in der ersten Halbzeit meist einen Schritt zu spät. So warfen Ungarns Rückraumspieler um den achtfachen Torschützen Dominik Mathe immer wieder ungehindert aufs Tor, und der flinke Spielmacher Mate Lekai konnte seinen Partner Banhidi am Kreis wiederholt einsetzen. Oder er flitzte mit einer schnellen Körpertäuschung selbst durch die Abwehr - wie beim Siegtreffer. Als Fabian Böhm für den wegen der beiden Zeitstrafen von einer Disqualifikation bedrohten Firnhaber kam, wurde das Zusammenspiel mit Golla im Innenblock besser: Bis zur Pause verkürzte das deutsche Team von 10:15 auf 14:15.

Es gibt Hoffnung: In der zweiten Halbzeit steigert sich die DHB-Auswahl und schafft fast die Wende

Dank eines leidenschaftlichen Auftritts, guten Szenen im Angriff und einer gefestigten Abwehr, in der Firnhaber in der Schlussphase wieder mitwirkte, erarbeiteten sich die Deutschen sogar die Chance zum Sieg. Paul Drux brachte mit seiner Wucht und seinen drei Treffern viel Schwung von der Bank, Spielmacher Philipp Weber traf mit seinem fünften Tor in der nervenaufreibenden Schlussphase zum 26:25, Patrick Groetzki mit seinem einzigen Wurf eine Minute vor dem Ende zum 28:28. Mehr gelang nicht, weil zu viele Gelegenheiten verpasst wurden.

Trotz der Niederlage bleibt Hoffnung, dem so erfahrenen wie erfolgreichen Gislason, 61, ist zuzutrauen, dass er mit seiner ruhigen und zielstrebigen Arbeit die unerfahrene Truppe bis zur Partie gegen Spanien wieder aufrichtet. Philipp Weber fand nach dem Spiel, dass man mit den Besten mithalten könne. Vielleicht eine ambitionierte Einschätzung, Ungarn hat zweifellos internationale Klasse, zur Weltspitze aber zählen eher die Teams aus Norwegen, Schweden und Dänemark, außerdem Kroatien, Frankreich und Spanien. Nach dem Europameister trifft die deutsche Auswahl noch auf Brasilien (am Samstag) und Polen (Montag). Die Aufgabe hat Co-Trainer Erik Wudtke klar formuliert: "Für das Viertelfinale müssen wir alle drei schlagen."

© SZ/tbr/klef/moe/pps
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Deutsche Handballer bei der WM
:Fünf Sekunden fehlen

Die deutschen Handballer liefern Ungarn einen großen Kampf und verlieren knapp 28:29 - ziehen aus der Niederlage aber frischen Mut für die Hauptrunde.

Von Carsten Scheele

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