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Handball-WM:"Also, was wolltet ihr spielen?"

Handball-Bundestrainer Christian Prokop beim WM-Vorrundenspiel gegen Brasilien.

(Foto: John Macdougall/AFP)
  • Handball-Bundestrainer Christian Prokop hat seinen Stil verändert.
  • Beim hohen Erfolg gegen Brasilien zeigt sich das vor allem an seiner Ansprache in einer Auszeit.
  • Prokop geht mit seinen Spielern in den Dialog und wirkt außerdem klarer in der Vermittlung seiner Pläne.

Zu viel Öffentlichkeit kann weh tun. Christian Prokop hat das vor einem Jahr gespürt, bei seinem ersten Turnier als Bundestrainer der deutschen Handballer. Kameras und Mikrofone sind ja immer dabei in den Auszeiten, Millionen TV-Zuschauer können sehen, wie gut der Mann seine Truppe im Griff hat - oder eben nicht. Es lief das dritte Gruppenspiel gegen Mazedonien, Auszeit Deutschland in den letzten Sekunden der Partie. Prokop versuchte, seinen Spielern einen Plan mitzugeben, um aus dem 25:25 einen Sieg zu machen - doch manch einer hörte gar nicht zu.

Rückraumspieler Philipp Weber tat dann exakt das Gegenteil von dem, was Prokop wollte, wählte einen sinnlosen Diagonalpass auf Rechtsaußen, Chance vertan. Bedient trat Prokop danach vor die Mikrofone und sagte noch recht diplomatisch: "Von allen Optionen, die wir hatten, war das sicher die schlechteste." Und es festigte sich der Eindruck, dass es rumort im Team.

Der neue Weg des Bundestrainers heißt: Integration

Ein Jahr später ist der Leipziger Weber nicht mehr dabei, aber man sieht auch einen anderen Prokop, wenn er mit seiner Mannschaft spricht. Er hat seinen Stil verändert, was am Samstagabend in einer bemerkenswerten Szene mündete. 22 Minuten waren gegen Brasilien gespielt, es stand 12:5 für die Deutschen, da kam die Auswahl zusammen, Martin Strobel setzte an zum Austausch mit Patrick Wiencek. "Ihr könnt gleich besprechen, was ihr spielen wolltet", sagte Prokop ruhig. Er würde Paul Drux jetzt in die Partie bringen, sagte der Trainer und fragte dann, an die beiden Spieler gerichtet: "Also, was wolltet ihr spielen?" Der neue Weg des Bundestrainers heißt: Integration.

Die Taktiktafel, mit der er früher eiligst Magnete verschoben hat in den wenigen Sekunden zur Besprechung - sie ist verschwunden. Was dann schon mal ein anderes Bild ergibt, wenn einer nicht mehr Frontalunterricht gibt, sondern tatsächlich mit seinen Spielern in den Dialog geht. Das wiederum bietet sich ja auch an: Schließlich ist der Großteil seiner Spieler 2016 Europameister geworden, ohne Prokop. So ein bisschen Ahnung vom Handballspielen haben die dann ja auch selber. Prokop wirkt außerdem klarer in der Vermittlung seiner Pläne, die noch immer hoch komplex sind, aber er lässt den Spielern heute mehr Raum zur Interpretation. Und: Tatsächlich gibt es jetzt vom Bundestrainer immer wieder mal ein Lob zu hören in den Auszeiten. "Das mit dem Kempa war spitze", sagte Prokop zu Fabian Böhm, obwohl dieser Handball-Spezialtrick nicht mal funktioniert hatte. Die Idee reichte ihm schon.

Wie gut die Mannschaft mit Prokop tatsächlich harmoniert, wird sich erst in den Stressmomenten zeigen, die dem Team bei der WM noch bevorstehen. Aber dass Kommunikation im Moment eher kein Problem darstellt, bestätigte auch Steffen Fäth, der nach schwierigen Bundesliga-Monaten auf der Bank der Rhein-Neckar Löwen nun schon zwei starke Spiele zeigte. "Ich habe viel mit ihm gesprochen", sagte Fäth über die Zusammenarbeit mit Prokop, "ich merke auch, dass er mir sehr vertraut." Und das klingt dann schon nach einer ganz guten Basis.

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