Christian Prokop Die erstaunlichste Wandlung, die je ein Bundestrainer vollzogen hat

Unheimlich entspannt: Christian Prokop stand nach der vercoachten EM 2018 unter Druck, doch bei der WM hat er gezeigt, wie viel er in einem Jahr dazugelernt hat.

(Foto: Marco Wolf/imago/wolf-sportfoto)
  • Bundestrainer Christian Prokop spielt an diesem Sonntag mit Deutschland um den dritten Platz bei der Handball-WM.
  • Noch vor einem Jahr stand er nach der völlig verkorksten EM kurz vor der Entlassung.
  • Er hat es geschafft, sich als Trainer in kurzer Zeit auf erstaunliche Art und Weise zu wandeln.
Von Joachim Mölter

Seit diese Handball-Weltmeisterschaft begonnen hat, predigt der Bundestrainer Christian Prokop mantraartig, was ihm wichtig ist bei seiner Mannschaft: "den richtigen Mix aus Anspannung und Lockerheit zu finden". Wie schwierig das ist, wie schwer ihm das selbst fällt, offenbarte Prokop am Donnerstagabend in Hamburg, vor dem Halbfinale gegen Norwegen. Während der 40-Jährige am Anfang der obligatorischen Pressekonferenz noch herzhaft lachte bei Fragen ausländischer Medien, reagierte er später zunehmend gereizt. Bei einer harmlosen Nachfrage nach dem Tagesablauf bis zum Spiel kniff er die Lippen zusammen und blaffte: "Und vielleicht, was es noch zum Mittagessen gibt? Da haben Sie bitte Verständnis - das sind Sachen, die noch nie extern gemacht worden sind." Und auf den Wunsch, mal ganz allgemein die Tugenden zu nennen, auf die es gegen Norwegen ankomme, erwiderte er spitz: "Ich werde jetzt unseren Matchplan hier nicht verraten." Wieder presste er die Lippen zusammen.

Dabei hätte Christian Prokop doch so locker bleiben können vor dem bis dahin größten Spiel seiner Karriere: Er hatte längst alles erreicht, was man von ihm verlangt hatte, diese Weltmeisterschaft bleibt ein Erfolg aus deutscher Sicht, trotz der 25:31-Niederlage im Halbfinale am Freitagabend. Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) spielt immerhin gegen Frankreich um den dritten Platz, und über diesen sportlichen Erfolg hinaus hat Prokop mit seiner Mannschaft auch all das erfüllt, was sich DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem Turnier so gewünscht hatte. Nämlich, "dass wir begeisternden Handball spielen, dass man eine Handschrift sieht, dass der Funke aufs Publikum überspringt". Schon vor dem Finalwochenende der WM konnte Hanning zufrieden resümieren: "Wir waren von der Entwicklung überzeugt.

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Jetzt sind wir da, wo wir hinwollten." Fast auf den Tag genau vor einem Jahr ist Christian Prokop von der EM aus Kroatien abgereist als Bundestrainer auf Abruf. Bei seinem ersten großen Turnier hatte er mit seinen Spielern einen desolaten Eindruck hinterlassen, der Titelverteidiger war auf Platz neun abgestürzt. Trotz eines bis 2022 abgeschlossenen Vertrages drohte Prokop schon die Entlassung. 364 Tage später halten nun selbst große Kritiker das Vertrauen, das ihm die DHB-Führung erst nach wochenlangen Debatten und nur mit knapper Mehrheit ausgesprochen hat, für gerechtfertigt; und es gibt sogar Beobachter, die schon für eine Vertragsverlängerung bis 2024 plädieren - dann richtet der DHB hierzulande das nächste große Turnier aus, die Europameisterschaft.

In diesen 364 Tagen hat Christian Prokop die erstaunlichste Metamorphose durchgemacht, die man hierzulande bei einem Bundestrainer erlebt hat, egal in welcher Sportart. Selbst der Sinneswandel des Kollegen Jogi Löw zwischen EM-Aus 2012 und WM 2014 war bei Weitem nicht so radikal: Für den Titelgewinn der Fußballer in Brasilien hatte Löw seine Idee von der schönen Ballzirkulation zurückgestellt zugunsten einer Ochsenabwehr mit vier Innenverteidigern und dem Einstudieren von profanen Standardsituationen wie Eckbällen. Christian Prokop hingegen hat seinen Ansatz fast um 180 Grad gedreht.

"Ich wollte meine Spielphilosophie durchdrücken", sagte er rückblickend in einem Interview mit der Welt. Er hatte eine Vorstellung, ein System, ein Schema, in das er die Spieler pressen wollte. Nachdem das ordentlich schiefging, richtet er seine Taktik nun nach den Akteuren, die er zur Verfügung hat.

Bestes Beispiel ist die Abwehr, nach allgemeiner Einschätzung das Prunkstück der Deutschen bei diesem Turnier. Nachdem Prokop im vorigen Jahr eine komplizierte Defensive installieren wollte wie bei seinem früheren Verein in Leipzig, und er dafür drei seiner ehemaligen Spieler berief anstelle von drei Europameistern, greift er nun auf routiniertes Personal und erprobte Varianten des deutschen Rekordmeisters THW Kiel zurück: Dessen Kreisläufer Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek bilden auch in der DHB-Auswahl den Mittelblock vor ihrem Klubtorwart Andreas Wolff; im Idealfall ergänzt der zuletzt angeschlagene Halbrechte Steffen Weinhold dieses Trio. Die vier sind eingespielt, "sie haben mich angelernt", sagt Finn Lemke, der sporadisch im Abwehrzentrum hilft.

Viel schwieriger als taktische Fehler zu beheben, war, das zerrüttete Verhältnis zu den Spielern zu kitten. "Ich hatte Teile der Mannschaft verloren", bekannte er in dem Interview. Prokop, der international unerfahrene Trainer, wollte Europameistern und Champions-League-Gewinnern jeden Schritt vorschreiben. "Vielleicht musste er sich erst daran gewöhnen, dass er mit richtig guten Spielern zusammenarbeitet", sagt Rechtsaußen Patrick Groetzki.

Prokops Ansprachen sind nun kürzer, knackiger, präziser

Nachdem Prokop vom DHB-Präsidium als Bundestrainer bestätigt worden war, machte er sich als Erstes auf eine Ochsentour zu den Nationalspielern, er sprach mit ihnen, erklärte seine Sicht der Dinge, warb für seine Ideen und hörte sich ihre an. "Das haben wir auch noch nicht so erlebt", erzählte Groetzki über die vom Bundestrainer betriebene Annäherung, "das erkennen wir auch alle an." Steffen Weinhold formulierte es so: "Je länger man sich kennt, desto besser kann man auch mit verschiedenen Eigenschaften des anderen umgehen. Ich glaube, dass uns das jetzt auch hilft." Dass sich Team und Trainer zusammengerauft haben, hatte auch sehr viel mit der Aussicht auf eine bevorstehende Heim-WM zu tun. Dieses Erlebnis wollte sich keiner entgehen lassen. Und dem ordnen sie nun auch alles unter; was gewesen ist, scheint aufgearbeitet und abgehakt zu sein. "Man hat so das Gefühl, es passt alles zusammen mit Spielern und Trainern", fand Rückraumspieler Steffen Fäth, der für seine sensiblen Antennen bekannt ist. "Wir wollen nicht darüber reden", sagte Pekeler in diesen Tagen über die Vergangenheit: "Wir wollen eine erfolgreiche WM spielen."

Um das zu gewährleisten, hat Prokop seine Arbeit bei der EM 2018 extrem akribisch reflektiert. Er analysierte selbst die Aufzeichnungen von den Auszeiten während der Partien. "Ich konnte mich selbst nicht mehr hören", sagte er dem Spiegel in einem Interview. Nun sind seine Ansprachen kürzer, knackiger, präziser - er doziert nicht mehr detailbesessen wie ein Lehrer, sondern regt an wie ein Coach. Auch seine Körpersprache ist eine ganz andere, man merkt, dass er sich in den vergangenen Monaten Rat und Hilfe bei einem Medienprofi geholt hat.

Jedenfalls moderierte Christian Prokop auch das einzige Krisenherdchen souverän weg, das bei diesem Turnier entflammt ist. Der kurz vor WM-Beginn von ihm überraschend ausgemusterte Rechtsaußen Tobias Reichmann, einer der EM-Helden von 2016, hatte sich mit vieldeutigen Worten in einen Florida-Urlaub verabschiedet. "Letztes Jahr hat das ein bisschen zu viel Staub aufgewirbelt. Das war ein Prozess, aus dem wir gelernt haben als Mannschaft", sagte Groetzki über Prokops Personalentscheidungen, die vor der EM 2018 für Unruhe gesorgt hatten. "Das haben wir dieses Jahr deutlich ruhiger hingekriegt", fand der Mannheimer.

Dass Christian Prokop nun so unumstritten als Bundestrainer dasteht, hat für den DHB-Präsidenten Andreas Michelmann noch einen Grund: "Nichts hilft so sehr wie sportlicher Erfolg." Und so steht nun am Ende das Spiel um den dritten Platz.

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