Deutschland bei der Handball-WM Der mit den Gummigelenken

Uwe Gensheimer beim Auftakt gegen das vereinigte Korea.

(Foto: dpa)
  • Uwe Gensheimer führt die deutsche Nationalmannschaft als Kapitan an.
  • Bei Paris Saint-Germain hat sich der Ex-Mannheimer nochmals verbessert - er gilt als der beste Linksaußen der Welt.
  • Ihm fehlt aber ein großer internationaler Titel. Beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 saß er nur als Zuschauer in der Halle.
Von Joachim Mölter, Berlin

Zu den Aufgaben eines Kapitäns gehört es, den Kurs vorzugeben, und das tut Uwe Gensheimer bei dieser Handball-WM so beeindruckend wie noch nie in den fünf Jahren, in denen er der Auswahl des deutschen Verbandes (DHB) nun als Spielführer vorangeht. Nicht nur, weil er bei den Auftakterfolgen gegen Korea (30:19) und Brasilien (34:21) jeweils der beste Torschütze war, erst mit sieben, dann mit zehn Treffern. Wichtiger war, dass Gensheimer jeweils in den Anfangsphasen sein Team mit seinen Toren auf den richtigen Weg steuerte; dass er ihm Sicherheit gab, indem er alle acht Siebenmeter verwandelte, zu denen er bislang angetreten ist. Obendrein heizte er die Stimmung an in der mit 13 500 Zuschauern vollbesetzten Berliner Arena: Gerade am Samstag gegen Brasilien stachelte er das Publikum zu noch mehr Jubel, Trubel, Begeisterung an. "Ich wollte mich schon immer mal wie ein Popstar fühlen, der nur den Arm hebt, und schon schreien alle los", sagte Gensheimer danach.

Es fällt auf, wie selbstbewusst der in der Öffentlichkeit für gewöhnlich eher zurückhaltende Gensheimer bei dieser Heim-WM auftritt, ganz anders als noch bei der EM vor einem Jahr, als er in Kroatien inmitten einer allgemeinen Verunsicherung mit seiner Mannschaft unterging; als selbst er das Zittern an der Siebenmeter-Linie bekam und ein Drittel seiner Strafwürfe daneben ging. Auch Bundestrainer Christian Prokop hat bemerkt, wie entschlossen sein Kapitän ans Werk geht: "Das hat man schon zum Jahreswechsel gespürt, in welcher Form er ist. Er ist nicht nur sehr effektiv, sondern bringt auch Emotionen rein. Er puscht die Zuschauer und die Mannschaft." Torhüter Andreas Wolff, der selbst nicht schlecht gehalten hat bis jetzt, fand Gensheimers Leistungen ebenfalls "überragend".

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Der Mann hat ja auch eine Mission.

Uwe Gensheimer, 1,88 Meter groß, 88 Kilo schwer, gilt seit Jahren als bester Linksaußen der Welt; selbst Stefan Kretzschmar, einer seiner Vorgänger auf dieser Position und drittbester Torjäger der DHB-Geschichte, schwärmt regelmäßig von Gensheimers Gummigelenken, die es ihm ermöglichen, den Ball aus unmöglich erscheinenden Winkeln an den Torhütern vorbei zu zwirbeln. Der einzige Makel: Ihm fehlt noch ein großer internationaler Titel zur Abrundung seiner Karriere.

In seinem Lebenslauf hat Gensheimer bislang den deutschen Meistertitel 2016 mit den Rhein-Neckar Löwen stehen sowie den zweitrangigen EHF-Pokal von 2013; der angestrebte Champions-League-Gewinn mit seinem neuen Klub Paris-St. Germain ist ihm bislang verwehrt geblieben. Mit der Nationalmannschaft hat er einmal Bronze gewonnen, bei Olympia 2016 in Rio; beim überraschenden EM-Gewinn wenige Monate zuvor in Polen war er wegen einer Wadenverletzung nicht dabei. So wie auch schon bei der Heim-WM 2007, als er zwar zum erweiterten 28er-Kader gehörte, vom damaligen Bundestrainer Heiner Brand aber letztlich für noch zu jung befunden wurde. Immerhin erlebte Gensheimer das Finale als Zuschauer in der Halle, direkt hinter einem Tor. "Ich habe diese einmalige Stimmung förmlich aufgesogen. Das kribbelt heute noch, wenn ich daran denke" - er weiß also, welche Chance ihm sich nun bei dieser Heim-WM eröffnet.

Dass er sein Spiel noch mal auf ein neues Niveau gehoben hat, führt er auf seinen Wechsel nach Paris im Sommer 2016 zurück, "ein Schritt raus aus der Komfortzone", wie er sagt. Gensheimer ist im Mannheimer Ortsteil Neckarau geboren, er hat im Stadtteilklub TV 1892 Friedrichsfeld mit dem Handballspielen angefangen, ist im Vorortverein SG Kronau/Östringen, den späteren Rhein-Neckar Löwen, zum Profi geworden. In Mannheim war er längst der Held, sich dann bei Paris-St. Germain neu durchzusetzen, in einer dank finanzieller Zuwendungen aus Katar zusammengestellten Weltauswahl, "hat mir noch mehr Selbstvertrauen gegeben", sagte Gensheimer vor den bei dieser WM wegweisenden Berliner Duellen gegen Russland am Montag (18 Uhr/ARD) und Frankreich am Dienstag (20.30 Uhr/ZDF). Von seinen Klubkollegen bei PSG habe er vor allem gelernt, "in kritischen Situationen gelassen zu bleiben", findet er.

Uwe Gensheimer fühlt sich wohl bei PSG, er ist dort Torschützenkönig der französischen Liga und der Champions League geworden sowie Liebling des Pariser Publikums, trotz Nebenleuten wie dem Franzosen Nikola Karabatic, dem Dänen Mikkel Hansen, dem Norweger Sander Sagosen, den Besten der Besten im Rückraum. Gensheimer genießt es auch, dass er in der Weltstadt Paris trotz allem unerkannt und unbelästigt flanieren kann, was er in Mannheim nie konnte. Dennoch ist seine Rückkehr nach Ablauf seines Vertrages im kommenden Sommer beschlossene Sache, wenn auch noch nicht endgültig besiegelt. Gensheimers Sohn kommt demnächst in den Kindergarten, und das soll er in Mannheim tun.

Nach dem eindrucksvollen Erfolg über Brasilien zog Gensheimer zufrieden eine erste Zwischenbilanz: "Bislang fühlt sich die WM gut an." Die Abwehr stehe schon "richtig gut", das Angriffsspiel ging "leichter von der Hand, mit viel Tempo". Aber was sich aus den Siegen über die vermutlich leichtesten Gruppengegner für den weiteren Verlauf des Turniers ableiten lässt, wollte er nicht beurteilen. "Ich freue mich, dass es bei mir gut läuft und dass ich der Mannschaft helfen kann", sagte er, nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte. "Und weiter geht's", fügte er noch hinzu. Der Kapitän ist auf Kurs, aber noch längst nicht am Ziel.

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