Hendrik Wüst hat früher selbst Handball gespielt. Der 50-Jährige kennt sich also ein wenig aus. Am Dienstagabend in der Dortmunder Westfalenhalle hatte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident den deutschen Handballerinnen vor dem Spiel über das Hallenmikrofon ein „28:22“ prognostiziert. Die Handballerinnen aber sind bei der Heim-Weltmeisterschaft sogar noch besser als sonst: energischer, selbstbewusster und zielstrebiger.
Nachdem sie in der Vorrunde in Stuttgart bereits alle drei Spiele deutlich gewonnen hatten, besiegten sie zum Auftakt der Hauptrunde in Dortmund auch die Mannschaft der Färöer. Sie toppten mit dem 36:26 gar noch den Wüst-Tipp. Und haben an diesem Donnerstag gegen Montenegro (18 Uhr) die Chance, sich mit dem fünften Sieg im fünften Spiel als Gruppensieger für jenes Viertelfinale zu qualifizieren, in dem der Gegner am nächsten Dienstag in Dortmund (17.15 Uhr) Brasilien oder Schweden lauten dürfte. Dann übrigens live übertragen im Free-TV, im ZDF.

Deutschland bei der Handball-WM:Gierig in die Hauptrunde
Die deutschen Handballerinnen wecken mit Platz eins nach der WM-Vorrunde große Erwartungen. Bundestrainer Gaugisch dämpft die Euphorie – er weiß aber um die Chance, die sich diesem Team bietet.
Ganz unerwartet kommt der deutsche Siegeszug freilich nicht. Island, Uruguay, Serbien und Färöer sowie jetzt noch Montenegro und schließlich Spanien (Samstag, 18 Uhr) bilden eigentlich eine Art Countdown für das Viertelfinale. Die deutschen Handballerinnen zählen bei diesem Turnier von sechs gewissermaßen herunter, weil das Viertelfinale das Minimalziel ist und die Tür zu jenem Halbfinale, in dem deutsche Handballerinnen bei einem großen Turnier seit 2008 bei der EM nicht mehr standen. Letztmals eine Medaille gewann Deutschland 2007 bei der WM (Bronze).
Deutschland gehört bei dieser WM zu den treffsichersten und abwehrstärksten Mannschaften
Das größte Manko deutscher Handballerinnen bei großen Turnieren seither war eine gewisse Verkopftheit, eine phasenweise Nervosität, die sich in eine regelrechte Blockade auswachsen konnte. Dann verspielten diese Handballerinnen in entscheidenden Spielen binnen Minuten das komplette Turnierziel. Solche Blockade-Phasen hat man bei dieser WM bislang nicht von ihnen gesehen. Der Bundestrainer Markus Gaugisch hat das Gefühl, dass die Mannschaft durch die vier Siege vor frenetischem Heimpublikum Zuversicht aufgebaut, Selbstvertrauen entwickelt und eine positive Lockerheit freigesetzt hat. Die Spielerinnen entwickeln sich mental und emotional. „Sie sind wahnsinnig locker, machen viel miteinander, spielen Tischtennis und Darts“, sagt Gaugisch. Er nehme eine gelöste und positive Atmosphäre wahr, „aber immer, wenn wir arbeiten, ist es megafokussiert“.
Man gebe den Spielerinnen „sehr, sehr viel Input“, sagt der Trainer. Sie schauen viele Spielszenen an und müssen viel lesen: „Sie diskutieren auch viel untereinander.“ Das freut den Trainer: „Sie sprechen viel über Handball und einzelne Szenen – das ist etwas, wodurch sich eine Mannschaft entwickelt.“ Darüber sei er „sehr happy“.

Deutschland gehört bei dieser WM zu den treffsichersten und abwehrstärksten Mannschaften. Die älteste deutsche Spielerin Antje Döll, 37, ist als Linksaußen und Siebenmeterwerferin mit 23 Treffern die bislang beste deutsche Torschützin. Ihr folgen mit 17 und 14 Treffern die jungen Rückraumspielerinnen Nieke Kühne, 21, und Nina Engel, 22. Auch in der Abwehr herrscht Balance aus Abgeklärtheit und Courage: Die routinierten Nationalspielerinnen Xenia Smits und Emily Vogel (vormals Bölk) verteidigen neben jungen Spielerinnen wie Viola Leuchter und Nieke Kühne. Zudem wird die Torhüterin Katharina Filter von Spiel zu Spiel besser.
Als „Player of the Match“ wurde in jedem der vier deutschen Spiele die jeweils erfolgreichste Torschützin ausgezeichnet – das waren: gegen Island Alina Grijseels, gegen Uruguay Nieke Kühne sowie gegen Serbien und Färöer jeweils Antje Döll. Die Kapitänin spielt mit geradezu juvenilem Elan das wohl beste Turnier ihrer Karriere. „Antje hat kein ganz einfaches halbes Jahr hinter sich“, sagt Bundestrainer Gaugisch über Döll, die im Sommer wie vier weitere deutsche WM-Spielerinnen vom kurzfristigen Rückzug des Meisters HB Ludwigsburg betroffen war und kurz vor Saisonbeginn beim Bundesligisten Sport-Union Neckarsulm unterkam. „Sie spielt jetzt nur noch Bundesliga und nicht mehr international und präsentiert sich hier trotzdem in absoluter Topform“, sagt ihr Trainer. Die Auszeichnung zur besten Spielerin der Partie hielt Gaugisch nach dem Sieg gegen Färöer für eine „absolut gute Wahl“.
Auf dem Weg in ein mögliches Halbfinale, das die Mannschaft von Stuttgart aus über Dortmund nach Rotterdam führen würde, ist bislang aber erst der halbe Weg bestritten. „Wir lehnen uns nicht zurück“, sagt Gaugisch. Ob der Gegner im Viertelfinale Brasilien oder Schweden lautet, weiß Gaugisch nicht – aber es ist auch unerheblich: „Wir machen unseren Job, wir wollen Gruppenerster werden – was dann kommt, werden wir sehen.“
Sowohl von sich selbst als auch von der Stimmung in der Westfalenhalle erhoffen sich die Handballerinnen eine weitere Steigerung. Nachdem die Arena in Stuttgart dreimal ausverkauft war mit allerdings nur 5527 Zuschauern, blieben am Dienstag in Dortmund bei 7122 Zuschauern noch knapp 5000 Plätze frei. Schon gegen Montenegro, aber erst recht am Samstag gegen Spanien soll die Halle voll werden. „Die Stimmung war schon gut, aber ich glaube, mit mehr Zuschauern geht noch mehr“, sagte Rückraumspielerin Grijseels. Sie darf das sagen in dieser Stadt. Sie ist neben der Torhüterin Sarah Wachter und der Kreisläuferin Lisa Antl eine von drei Handballerinnen vom örtlichen Bundesligisten Borussia Dortmund.

