Handball-WM Als wäre es schon das Endspiel

Überragend in Form: Torhüter Andreas Wolff.

(Foto: REUTERS)
  • Beim lockeren 34:21-Sieg gegen Brasilien schaukeln sich die deutschen Handballer und das Publikum gegenseitig hoch.
  • Dabei kommen die richtigen Gegner bei dieser WM erst noch: Am Montag folgt die Partie gegen Russland.
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Von Joachim Mölter, Berlin

Am Anfang und am Ende des Spiels wurden Erinnerungen wach an die größten Momente des deutschen Handballs: Der Torhüter Andreas Wolff hielt, so wie er im EM-Finale 2016 in Krakau gehalten hatte, nämlich fast alles. Und noch ehe das Spektakel vorbei war, erhoben sich die Zuschauer in der vollbesetzten Halle und sangen schon "Oh, wie ist das schön...", so wie es im WM-Finale 2007 in Köln gewesen war.

Darsteller und Publikum schaukelten sich an diesem Samstagabend in der Berliner Arena gegenseitig hoch, als wären sie gerade im Endspiel dieser Heim-WM, dabei war es nur das zweite Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft. Die gewann 34:21 (15:8) gegen Brasilien, den Zweiten der Panamerika-Meisterschaft zwar, aber global gesehen doch eher eine kleine Nummer. "Es war eine fantastische Atmosphäre und ein fantastisches Spiel von uns", schwärmte Bundestrainer Christian Prokop. Torwart Wolff fand: "Die Zuschauer haben gefeiert, was wir geboten haben - und wir hatten auch allen Grund mitzufeiern."

Porträts der Handballer

Sanfte Riesen mit Killerinstinkt

Die 13 500 Zuschauer waren schon vor Spielbeginn hörbar in Partylaune, und der Pegel stieg noch einmal merklich an, als Wolff die ersten beiden Würfe parierte. Als dann Kapitän Uwe Gensheimer (insgesamt zehn Tore) und die Rückraumspieler Steffen Weinhold und Steffen Fäth (je vier) serienweise Treffer folgen ließen, war die Partie schnell auf den richtigen Weg gebracht: Nach einer Viertelstunde hieß es 9:2, fünf Minuten vor der Pause 14:5.

Prokops Idee zwingt die Brasilianer zur Zurückhaltung

Prokop hatte von seiner Mannschaft ein schnelles Umschaltspiel gefordert nach Ballgewinnen in der Abwehr. Er hatte nämlich beobachtet: "Der ein oder andere Brasilianer ist nicht ganz so ehrgeizig im Rückzug." Eine weitere Erkenntnis aus dem Videostudium war gewesen, dass die Brasilianer gern "versuchen, den gegnerischen Angriff ins Stocken zu bringen", nämlich mit einer sehr offensiven Abwehrvariante und bisweilen drei vorgezogenen Verteidigern; im Auftaktspiel gegen Titelverteidiger Frankreich tags zuvor waren sie damit recht erfolgreich gewesen, trotz der 22:24-Niederlage. Zwischenzeitlich hatten die Brasilianer den Angriffswirbel des Titelfavoriten fast vollkommen zum Erliegen gebracht und aus einem 13:19 binnen dreizehn Minuten ein 20:20 gemacht.

Dem steuerte Prokop früh entgegen, indem er bereits in der Anfangsphase einmal kurz zwei Kreisläufer in die Offensive schickte; das zwang Brasiliens Verteidiger zur Zurückhaltung. Auch ihren Angriff brachte er mit einem vorübergehenden Vorziehen von Hendrik Pekeler in eine 5-1-Formation aus dem Rhythmus. "Die erste Halbzeit haben wir überragend gespielt", fand der Berliner Fabian Wiede, "die war nicht mehr zu toppen." Sein Klubkollege Paul Drux bilanzierte: "Unsere Abwehr war richtig gut. Wir haben die Brasilianer zu vielen Fehlern gezwungen."

Auch Frankreich hatte am Freitag eine souveräne erste Halbzeit hingelegt und war dann noch in Bedrängnis geraten. Prokop hatte dieses Spiel zusammen mit seinem Co-Trainer Alexander Haase auf der Tribüne beobachtet, er war also gewarnt - und seine Mannschaft brachte die Partie konzentriert zu Ende. Die Brasilianer kamen nicht mehr näher als auf sechs Tore heran (22:16/45.). Als sie durch zwei Zeitstrafen dezimiert waren, erhöhte die DHB-Auswahl Tor um Tor, so dass der Erfolg am Ende noch sehr deutlich ausfiel. "Wir hatten natürlich den Vorteil, dass wir einen Tag Pause hatten und die Brasilianer gestern noch gespielt haben", gab Gensheimer zu bedenken, der aufgrund seiner Torausbeute als Spieler der Partie ausgezeichnet wurde: "Besonders ihre Abwehr mit vielen Eins-gegen-eins-Situationen ist natürlich sehr kräftezehrend."

Die Außenseiter sind bezwungen, jetzt kommt Russland

Während Brasilien die Duelle mit den vermeintlich stärksten Mannschaften der Gruppe A nun hinter und ein leichteres Restprogramm vor sich hat, wird es für die DHB-Auswahl schwieriger. Mit dem gemeinsamen Team von Süd- und Nordkorea im Eröffnungsspiel am Donnerstag (30:19) und nun Brasilien sind erst die beiden größten Außenseiter bezwungen. Nach einem spielfreien Tag wartet am Montag (18.15 Uhr/ARD) der erste wirklich ernstzunehmende Gegner: Russland.

"Da müssen wir uns gut darauf einstellen", mahnte Kapitän Gensheimer. So berauschend die Partie gegen Brasilien auch war, die nächsten Aufgaben wollen sie wieder nüchtern angehen. "Da werden wir noch ganz anders gefordert werden", sah auch Torwart Wolff den nächsten Begegnungen entgegen, "da müssen wir noch eine Schippe drauflegen können."

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