Deutsche Abwehr An den Riesen darf niemand vorbei

In einer anderen Etage: Mittelblocker Finn Lemke ist 2,10 Meter groß - die meisten Koreaner waren zwanzig Zentimeter kleiner, mindestens.

(Foto: nordphoto)
  • Einer der wichtigsten Mannschaftsteile der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist der Mittelblock.
  • Dort ist das Team mit Finn Lemke (2,10 Meter groß), Hendrik Pekeler (2,03) oder Patrick Wiencek (2,00) stark besetzt.
  • Bundestrainer Prokop hat mehrere Abwehr-Varianten einstudieren lassen. Funktionieren sie, kann die Mannschaft Erfolg haben.
Von Carsten Scheele

Ein gewisser Ruf eilt den deutschen Abwehr-Riesen voraus, deshalb haben sich die Koreaner im WM-Eröffnungsspiel zeitig von der Idee verabschiedet, Bälle über den deutschen Mittelblock werfen zu wollen. In Finn Lemke (2,10 Meter groß), Hendrik Pekeler (2,03) oder Patrick Wiencek (2,00) stehen da ein paar besondere Lulatsche, die nur darauf warten, ihre Hände in die Flugbahn hoch fliegender Geschosse zu halten. Und da Park Young-jun, der am höchsten gewachsene Rückraumspieler des Gegners, nur 1,88 Meter misst, versuchten es die Koreaner doch eher unten herum. Einmal hatte Lemke Glück, als ein Koreaner die Absprache missachtete und vor dem Mittelblock zum Sprungwurf ansetzte. Sein Ball krachte gegen Lemkes Pranken.

Die Koreaner waren für keinen deutschen Mannschaftsteil eine Herausforderung, schon gar nicht für die Abwehr. Dabei wird es auf diese, sofern die Prognosen zutreffen, im Verlauf dieser WM besonders ankommen. Bundestrainer Christian Prokop proklamiert stets, die Mannschaft könne offensiv nur erfolgreich sein, wenn hinten eine kräftig zupackende Verteidigung steht. Beim Titelgewinn 2007 bildeten der heutige Teamchef Oliver Roggisch, Sebastian Preiß und der nachnominierte Christian Schwarzer den Mittelblock. Sie waren das Fundament, auf dem eine Weltmeistermannschaft wuchs.

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Dieses Fundament sollen diesmal Lemke, Pekeler und Wiencek sein. Greift der Gegner an, sollen meist zwei von ihnen auf der Platte stehen - wobei es nicht so wichtig ist, wer genau das Duo bildet. Pekeler, 27, und Wiencek, 29, haben den Vorteil, dass sie auch im Verein zusammen spielen, beim THW Kiel. Wenn dann auch noch Torwart Andreas Wolff und Rückraummann Steffen Weinhold auf dem Feld sind, ist die Kieler Fraktion noch größer. "Wir wissen genau, was der andere macht", sagt Pekeler über seine Kollegen. Doch Lemke fügt sich nahtlos ein, wenn er eingewechselt wird. Im Januar 2018 wurde das Trio auseinandergerissen, weil Lemke zunächst für die EM in Kroatien nicht nominiert war - ein Fehler, der die Statik der deutschen Mannschaft negativ beeinflusste, wie Trainer Prokop schnell begriff. Lemke weilte mit seinem Verein MT Melsungen bereits im Trainingslager auf Fuerteventura, als Bundestrainer Prokop ihn nachts anrief und doch nachnominierte.

Jetzt sind sie von Beginn an zu dritt, und die gegenseitige Wertschätzung ist hoch. Lemke, 26, bringt mit seinem Gardemaß und 115 Kilo Gewicht eine besondere Körperlichkeit ins Spiel, im normalen Leben hat er manchen Nachteil: Türen sind zu niedrig, das Bett im Hotel ist zu kurz, doch Lemke braucht keine Sonderanfertigung. Er hat sich daran gewöhnt, dass beim Schlafen die Füße unten rausgucken. "Finn ist am ehesten der, der es mag, auf sechs Meter zu stehen. Er hat ein gutes Timing und ein unglaublich gutes Auge für den Block", sagt Pekeler über Lemke. Heißt: Lemke stellt die Fersen an den Kreis und verteidigt fast aus dem Stand heraus. Der Gelobte gibt zurück, er kenne keinen Mittelblocker, der wie Pekeler "so agil auf den Beinen ist und so ein Antizipationsverhalten hat". Während Pekeler und Wiencek auch offensiv am Kreis spielen, geht Lemke zunächst als reiner Abwehrspieler ins Turnier. Ist ein Angriff abgewehrt, wechselt er meist schnell auf die Bank.

Zwei Defensivkonzepte hat Prokop für die WM einüben lassen. Eine 6:0-Formation, bei der alle sechs Spieler auf einer Linie agieren, sich versetzt nach vorne schieben, immer darauf bedacht, ein lückenloses Bollwerk zu bilden. Es ist die Ur-Abwehrformation des Handballs. Gegen die Koreaner testete Prokop aber auch die offensivere 3-2-1-Abwehr, bei der die Halbspieler auf neun Meter heraustreten, noch weiter Wiencek, der den gegnerischen Mittelmann bei zehn bis zwölf Metern stören soll. Es ist die Risiko-Variante und eine fordernde Aufgabe für die Abwehrchefs. "Da müssen wir unsere Nebenleute richtig leiten", sagt Pekeler. Risikoreich ist das Konzept allerdings auch für den Gegner: Leisteten sich die Koreaner einfache Ballverluste, standen die deutschen Angreifer schnell vor ihrem Tor. Das funktionierte in der zweiten Halbzeit ziemlich gut, als Deutschland etliche Tempogegenstoßtore erzielte. "Wir haben zwei funktionierende Systeme, die greifen", glaubt Prokop.

Die Brasilianer, zweiter DHB-Gegner am Samstag, werden Lemke und seinen Teamkollegen vermutlich mehr Bälle zum Blocken servieren - weil sie generell mutiger spielen als die Koreaner und im Rückraum mit Spielern jenseits der 1,90-Meter-Marke besetzt sind. Schwerstarbeit droht spätestens am Dienstag gegen Weltmeister Frankreich; dann wird es krachen in der Abwehr, wenn Lemke, Pekeler und Wiencek auf Kreisläufer Nicolas Tournat (2,00 Meter, 116 Kilo) oder Rückraumspieler wie Timothey N'Guessan (1,96 Meter/105 Kilo) und Adrien Dipanda (2,02 Meter, 102 Kilo) treffen. Wer standfest bleibt, gewinnt das Spiel.

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