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Handball-WM der Frauen:Die Zeit wird knapp

Kim Naidzinavicius verpasste die WM 2017 im eigenen Land wegen einer Verletzung. Nun will sie in Japan ihrem Olympia-Traum näher kommen. Sie sagt: "Für einige ist es wohl die letzte Chance."

Die guten Zeiten sind schon etwas her. 2008 war das bislang letzte erfolgreiche Jahr für den deutschen Frauenhandball. Bei der damaligen Europameisterschaft erreichten die Handballerinnen zuletzt ein Halbfinale, in Peking durften sie letztmals bei Olympia mitspielen, und die U20-Juniorinnen wurde im selben Jahr sogar Weltmeister. Aus dieser Konstellation heraus hätte in den folgenden Jahren alles noch etwas besser werden können - wurde es aber nicht. Bei den anschließenden Turnieren war ein sechster Platz (EM 2016) das höchste der Gefühle, und von den U20-Weltmeisterinnen spielen heute nur Antje Lauenroth und Kim Naidzinavicius in der A-Nationalmannschaft. Als Kapitänin versucht Naidzinavicus ihr Team von Samstag an bei der Weltmeisterschaft in Japan unter die besten sieben Nationen zu führen, weil dies die Teilnahme an einem olympischen Qualifikationsturnier bedeuten würde. Falls die deutschen Frauen den Titel holen sollten, wären sie direkt für Olympia qualifiziert.

Als Junioren-Weltmeisterin hatte Naidzinavicius vor elf Jahren große Ziele, aber weder eine Medaille mit der A-Nationalmannschaft noch der Olympia-Traum hat sich bislang erfüllt. Nun wird die Zeit für die 28-Jährige langsam knapp. "Olympia ist ein Riesentraum von uns allen, aber für einige ist es wohl die letzte Chance", sagt sie mit Blick auf Tokio 2020. Vom WM-Titel in Kumamoto, im südlichsten Zipfel Japans, wagen die deutschen Handballerinnen kaum zu träumen, auch eine Medaille ist eher nicht zu erwarten. Bereits vor einem möglichen Halbfinale warten die stärksten Gegnerinnen: Frankreich, Norwegen und die Niederlande haben bei der WM 2017 die Medaillen gewonnen. Auf Frankreich trifft Deutschland schon in der Vorrunde, auf Norwegen und die Niederlande träfe man in der Zwischenrundengruppe. Von den vier stärksten Nationen der vergangenen vier Jahre ginge man bloß den Russinnen bis zum Halbfinale aus dem Weg - eine brutale Auslosung.

Stuttgart, Deutschland 21. November 2019: EHF Frauen Testspiel - Deutschland vs. Montenegro Kim Naidzinavicius (Deutschl

Letzte Vorbereitungen: Kapitänin Kim Naidzinavicius will mit ihrer Mannschaft bei der WM in Japan an frühere Erfolg der deutschen Handballerinnen anknüpfen.

(Foto: Marco Wolf/imago)

"Das Tolle ist, dass wir schon in der Vorrunde so starke Gegner haben", sagt Bundestrainer Henk Groener. Der Niederländer sagt es so, als meine er das ernst, dabei ist er bloß Realist und ärgert sich nicht über etwas, was eh nicht zu ändern ist.

Die WM 2017 in Deutschland hätte zu einem Karriere-Höhepunkt für Kim Naidzinavicius werden sollen, doch nach 140 Sekunden im Eröffnungsspiel riss ihr das Kreuzband im linken Knie. Ein Jahr später, als sie sich mühsam zurückgekämpft und neuen Mut für die EM 2018 geschöpft hatte, rissen ihr wenige Tage vor Turnierbeginn im selben Knie der Innen- und der Außenmeniskus. Viel schlimmer kann sich das Schicksal gegen eine Sportlerin kaum verschwören. Für die in Gelnhausen geborene Rückraumspielerin mit litauischen Wurzeln waren dies zwei der schlimmsten Tage ihres Lebens. Doch zum Resignieren ist die zweimalige deutsche Meisterin mit der SG Bietigheim noch zu jung. Sie kämpfte sich zurück und nimmt nun in Japan den nächsten Anlauf. Das linke Knie ist ausgeheilt und keine Belastung mehr, weder körperlich noch mental. "Nach hohen Belastungen", sagt sie grinsend, "tut mir schon mal der ganze Körper weh, aber das linke Knie nicht mehr als das rechte."

Naidzinavicius hat schon unter vier Bundestrainern gespielt: Heine Jensen, Jakob Vestergaard, Michael Biegler und nun Henk Groener. Auffällig war, dass keiner dieser Trainer die stets als talentiert gelobten (und stets unterschiedlichen) Mannschaften ins ersehnte Halbfinale hat führen können - mehrmals waren sie sogar ziemlich weit davon entfernt. Groener hat nun einen anderen Ansatz: Er setzt auf die individuellen Ambitionen der Spielerinnen, sagt, eine Medaille erhalte man nur, wenn man sein Leben ganz dem Handball verschreibe. "Halbprofis gewinnen keine Medaillen", lautet Groeners provokantes Credo. Dabei haben viele Nationalspielerinnen ja noch ein Parallel-Leben als Studentin oder Berufstätige.

Naidzinavicius schätzt die Art des Bundestrainers: "Wir haben eine extrem harmonische Truppe, es ist wirklich ein sehr angenehmes Arbeiten, jede Spielerin stellt das Team-Ziel in den Vordergrund." Das wissen die erfahreneren Nationalspielerinnen zu schätzen, weil das unter einigen von Groeners Vorgängern anders war. "Henk bindet uns in Entscheidungsfindungen ein, er legt viel Wert auf die Eigenverantwortung von uns Spielerinnen; es gibt keine stringenten Pläne, an die wir uns halten müssen, denn er will, dass wir uns vieles selbst erarbeiten, weil man es so auch besser lernt", sagt die Spielgestalterin.

Trotzdem muss auch die aktuelle Generation des deutschen Frauenhandballs unter dem so beliebten Bundestrainer nach einem zehnten Platz bei der EM 2018 erst noch beweisen, dass sich die Harmonie auch positiv auf Leistung und Ergebnisse auswirkt. An Zuversicht und Willen hat es den Handballerinnen schon in den vergangenen elf Jahren nie gemangelt - in den Spielen dann aber oft am nötigen Durchsetzungsvermögen. Mit dem Auftaktspiel gegen Brasilien, den Weltmeister von 2013, geht es am Samstag direkt zur Sache. Und danach wird alles vermutlich noch viel schwieriger.

© SZ vom 29.11.2019

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