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Handball:Ein Denkmal für den Ober-Pharao

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Es ist angerichtet: Mitten in der Corona-Pandemie beginnt in Ägypten die Handball-WM der Männer.

(Foto: Shokry Hussien/Reuters)

Mit der WM in seiner Heimat Ägypten wollte Weltverbandschef Hassan Moustafa sein Lebenswerk krönen. Doch da kommt ihm nun die Corona-Pandemie dazwischen.

Von Joachim Mölter

Nur sehr wenige Menschen können von sich behaupten, dass ihnen bereits zu Lebzeiten ein Denkmal errichtet wurde, seit Kurzem gehört der Ägypter Hassan Moustafa dazu. Im vorigen Jahr ist ein zu Ehren des 76-Jährigen gebautes Monument enthüllt worden, das außergewöhnlich groß ist - zwar nicht ganz so groß wie die nahe gelegenen Pyramiden von Gizeh, aber ebenfalls begehbar. Und zudem bespielbar.

Der "Dr.-Hassan-Moustafa-Hallen-Sport-Komplex" ist einer der vier Schauplätze bei der Handball-Weltmeisterschaft der Männer, die an diesem Mittwoch beginnt mit dem Eröffnungsspiel der Gastgeber in Kairo gegen Chile. Die Moustafa-Halle steht in der "Stadt des 6. Oktober", einer von "Kairos lieblichen Vorstädten, die in den vergangenen Jahren in der Wüste erblüht sind", wie es lyrisch auf der WM-Homepage heißt. Nun ist die "Stadt des 6. Oktober" eher ein Vorort der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole Gizeh, aber die ist ja auch bloß durch den Nil von der Hauptstadt getrennt, also quasi selbst ein Vorort des Zehn-Millionen-Einwohner-Molochs Kairo.

Es trifft sich zufälligerweise ganz prima, dass auch die deutsche Mannschaft ihre Vorrundenspiele im "Dr.-Hassan-Moustafa-Hallen-Sport-Komplex" bestreitet. Denn seinen Doktortitel hat Moustafa in Leipzig erworben, an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK). Thema der Arbeit: "Elemente der Verwaltung für eine erfolgreiche Führung von Klubs und Verbänden". Diese Theorie hat Moustafa erfolgreich in die Praxis umgesetzt: Seit 20 Jahren führt er die Internationale Handball-Föderation (IHF) als Präsident an. Diese Weltmeisterschaft sollte die Krönung seines Lebenswerks sein - und gleichzeitig seine Wiederwahl Ende des Jahres sichern. Bei alldem kommt ihm nun die Corona-Pandemie dazwischen, schon im Herbst ahnte er: "Das ganze Ereignis wird sicher herausfordernd."

IHF-Präsident Moustafa

Die Heim-WM als Krönung seines Lebenswerks: Hassan Moustafa, Präsident des Handball-Weltverbandes IHF.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Zehn Jahre hat Hassan Moustafa selbst Handball gespielt für Ägyptens Auswahl, zehn Jahre war er ihr Trainer, fast ein Vierteljahrhundert leitete er den nationalen Verband. Ihm ist Ägyptens Aufstieg im Welthandball zu verdanken, das honorierte sein Land nun mit der Namensgebung der Arena bei Gizeh.

Sieht man einmal von Südkorea ab, das bei seinen olympischen Heimspielen 1988 sogar Silber gewann, dann war es jedenfalls Ägypten, das als erstes Land in die von Europäern besetzte Beletage des Handballs eindrang: Die Pharaonen, wie die Spieler genannt wurden, waren die ersten Außereuropäer, die bei Weltmeisterschaften ein Viertel- und ein Halbfinale erreichten, erst 1995, dann 2001. Dazwischen organisierte der Ober-Pharao Moustafa 1999 in seiner Heimat das erste globale Turnier auf afrikanischem Boden - darauf gründete er seinen Aufstieg an die IHF-Spitze ein Jahr später.

Bei der WM 1999 hatte der geschäftstüchtige Moustafa einen neuen Zuschauerrekord organisiert, dank seiner guten Beziehung zur Regierung und der vielen Soldaten, die täglich die Plätze vor allem in der 17 000 Menschen fassenden Haupthalle von Kairo einnahmen. Auch bei der diesjährigen WM-Auflage hatte er mit neuen Höchstmarken glänzen wollen: Es war ihm schon gelungen, das Teilnehmerfeld von 24 auf 32 aufzustocken, aber mit den erhofften Zuschauermassen wird es nichts.

Drei Hallen hat das Land Ägypten neu für die WM gebaut - nun bleiben alle leer

Am Sonntag entschieden das örtliche Organisationskomitee und die IHF, keine Zuschauer in die Arenen zu lassen angesichts der Corona-Pandemie. Vor allem aus Europa waren Ängste kommuniziert worden: Die Kapitäne der 14 europäischen Teilnehmer hatten in einem offenen Brief ihre Sorgen mitgeteilt. "Wir wollten bewusst keinen Druck machen und haben kein Ultimatum gestellt", erklärte der deutsche Nationaltorwart Johannes Bitter, einer der Initiatoren der Aktion.

Den Ägyptern ist es sichtlich schwergefallen, auf die Zuschauer zu verzichten. Noch im Sommer hatten sie fest mit Einnahmen durch die Touristen gerechnet, nur schrittweise hatten sie der Bedrohung durch das Virus nachgegeben. Erst wollten sie noch 30 Prozent der Zuschauerkapazitäten ausschöpfen, zuletzt waren es wenigstens 20 gewesen. Nun also: null.

Dabei hatte das Land eigens für die WM drei neue Arenen gebaut: in Alexandria mit einem Fassungsvermögen von 5000 Zuschauern, in der Stadt des 6. Oktober (5200) und in einem Reißbrett-Projekt 50 Kilometer östlich von Kairo, das vorläufig noch keinen Namen hat außer "New Capital" - "Neue Hauptstadt". Die Halle dort wurde für 7500 Besucher geplant, bleibt aber nun wie alle anderen auch leer bei diesem Turnier. Dabei war es durchaus eine Sache von höchstem nationalen Interesse: Zu den Sitzungen des Organisationskomitees schickte die Regierung nicht bloß niedere Ränge oder Staatssekretäre, sondern tatsächlich zwei Minister - den Premier Mostafa Madbouly sowie den für Jugend und Sport zuständigen Ashraf Sobhy.

Auch sportlich hatten die Ägypter keine Kosten und Mühen gescheut und für ihre Auswahl einen namhaften Coach engagiert, den Spanier Roberto Garcia Parrondo. Der 41-Jährige kam als Welttrainer des Jahres zu den Pharaonen, nachdem er 2019 mit Vardar Skopje die Champions League gewonnen hatte. Er coacht eine Auswahl, die nach Jahren im Mittelmaß wieder Hoffnungen weckt, an die früheren Erfolge anknüpfen zu können. Nebst einigen Routiniers basiert der Kader auf jungen Spielern, die 2019 die Jugend-WM oder im gleichen Jahr Bronze bei der Junioren-WM gewonnen haben. Es hätte alles so schön aufgehen können für Hassan Moustafa. Zum Glück hat er sein Denkmal schon.

© SZ/tbr
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