Deutsche Handballer:Eine Absage jagt die nächste

Handball-EM: Deutschland verliert gegen Spanien

Verzichtet auch auf die WM: Finn Lemke.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Einen Monat vor dem ersten WM-Spiel laufen Bundestrainer Alfred Gislason die Spieler davon - ganz besonders im Mittelblock ist die Lage brenzlig.

Von Carsten Scheele

Ob Klaus-Dieter Petersen noch mal nervös wird? Der 340-malige Nationalspieler gilt als prägender Abwehrspieler des deutschen Handballs, ist aber schon 52 Jahre alt, weshalb die Fahndung nach einem Defensivchef für die Weltmeisterschaft im Januar gerade so an ihm vorbeiziehen wird. Doch die Lage wird immer verzwickter: Von den jüngsten Absagen, die Bundestrainer Alfred Gislason ereilt haben, ist die Mittelblockposition am nachhaltigsten betroffen. Zur Weigerung des Kieler Kapitäns Patrick Wiencek, die umstrittene WM in Ägypten zu spielen, gesellten sich am Dienstag die Absagen von Hendrik Pekeler (ebenfalls THW Kiel) und Finn Lemke (MT Melsungen). Drei baumlange Männer mit kräftigen Armen, drei potentielle Abwehrchefs, die lieber zu Hause bleiben.

Jahrelang galten die deutschen Handballer offensiv als wankelmütig, in der Abwehr aber als stark. Jetzt entsteht eine neue Problemzone: In Steffen Weinhold (Kiel) und Fabian Wiede (Füchse Berlin) haben auch zwei defensiv standfeste Halbspieler ihren Verzicht mitgeteilt, was die Situation noch verschlimmert. Wiede traut seiner Schulter die Dauerbelastung einer WM nicht zu, Pekeler, Lemke und Weinhold verzichten aus persönlichen Gründen.

"Ich kann meine Frau und meine Töchter in dieser Zeit nicht über vier Wochen allein lassen", sagt Pekeler. Nicht für ein Turnier, bei dem während einer Pandemie Nationalspieler aus 32 Ländern zusammenkommen; und bei dem nach den Plänen der Organisatoren Zuschauer in die Hallen gelassen werden. Auch Weinhold ist Familienvater, er sagt, er wolle mit der Situation verantwortungsvoll umgehen: "Da gibt es am Ende keine andere Wahl, als die WM-Teilnahme abzusagen."

Gislason muss auf seinen "Kieler Block" verzichten

Wer soll nun verteidigen, wenn pfeilschnelle Franzosen, wuchtige Dänen oder kantige Kroaten bei der WM auf die deutsche Abwehr zustapfen? Gislasons Frust über das ihm anvertraute Amt nimmt weiter zu. Erst musste er - pandemiebedingt - neun Monate auf sein erstes Länderspiel warten; jetzt laufen ihm die Spieler davon. Einen Monat vor dem ersten WM-Spiel gegen Uruguay hat der Bundestrainer die Gewissheit, dass er seinen kompletten Defensivblock des THW Kiel ersetzen muss, was in etwa so fatal ist, wie alle Spieler des FC Bayern aus der Fußball-Nationalmannschaft herauszuoperieren.

Der Kieler Block, sagte Gislason stets, sei das Gerüst der Mannschaft; dieses fällt nun weg. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch der Flensburger Franz Semper und der Lemgoer Tim Suton wegen ihrer Kreuzbandrisse sicher fehlen werden.

Also läuft die Suche nach neuen Abwehrbossen, viele Möglichkeiten bleiben Gislason nicht. Neben Johannes Golla (Flensburg) ist Christian Dissinger (früher Kiel, jetzt Skopje) ein Kandidat, dazu der junge Göppinger Sebastian Heymann. Und der Berliner Marian Michalczik, bei dem sich aber eine weitere Problematik ergibt: Er hat seit seiner Corona-Erkrankung noch kein Bundesliga-Spiel absolviert.

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MeinungEditorial
:Außer Atem

Die Debatte um die Handball-WM betrifft nur vordergründig Corona-Bedenken: Den Spielern geht die Luft aus, weil sie an der Grenze der Belastbarkeit balancieren.

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