Handball-WM:"Spielt doch, was ihr wollt"

Handball-WM: "Eine extrem gut eingespielte erste Formation, die sich sehr gut versteht": Bundestrainer Alfred Gislason muss sich weder über Angriff noch über Abwehr Sorgen machen.

"Eine extrem gut eingespielte erste Formation, die sich sehr gut versteht": Bundestrainer Alfred Gislason muss sich weder über Angriff noch über Abwehr Sorgen machen.

(Foto: Marco Wolf/wolf-sportfoto/Imago)

Selbst Bundestrainer Alfred Gislason ist überrascht vom fehlerfreien Auftritt des deutschen Nationalteams beim 39:19 gegen Argentinien - und warnt dennoch vor dem nächsten Gegner.

Von Ralf Tögel, Kattowitz

Alfred Gislason musste lachen, natürlich hatte er die Frage nach dem Viertelfinale antizipiert, und er wehrte sie locker ab: "Es ist immer schlecht, wenn man anfängt zu rechnen, das war immer falsch. Wir wollen einfach gegen Holland gewinnen, alles andere ist völlig unwichtig." Er werde sich wieder zum Videostudium auf sein Hotelzimmer zurückziehen, sich in gewohnter Manier auf die Niederländer vorbereiten und dies dann seiner Mannschaft vermitteln.

Bisher hat das hervorragend geklappt, mit der Vorbereitung auf den jeweiligen Gegner. Das jüngste Beispiel war der 39:19-Kantersieg gegen Argentinien. Dabei habe seine Mannschaft die wichtige erste Hauptrundenpartie mit zwei Fehlern begonnen, erzählte der Isländer entspannt. Sein Team ist mittlerweile derart gefestigt, dass derlei Missgeschicke keinerlei Eindruck hinterlassen. "Die Abwehr war überragend", sagte Gislason. "Und wenn man eine Torhüterleistung von fast 50 Prozent hat, von beiden Torhütern, dann kommt so ein Ergebnis zustande."

In der ersten Hälfte war es Andreas Wolff, der schon mit seiner ersten Aktion einen völlig freien Wurf vom Kreis abwehrte. Das war der Beginn einer Serie von erstklassigen Paraden in allen Variationen. Egal ob frei vom Kreis, frei von außen, Würfe aus dem Rückraum, Wolff entnervte die argentinischen Angreifer auf eine Art und Weise, die Spuren hinterließ.

Selbst Argentiniens Anführer Diego Simonet, Denker, Lenker und bester Torschütze der Südamerikaner, ein Handball-Messi sozusagen, zeigte sich bald beeindruckt von der Klasse des deutschen Torhüters. Der 33-Jährige, der beim französischen Topklub Montpellier spielt und bereits die Champions League gewonnen hat, machte zwar die ersten beiden Treffer für sein Team, einen weiteren ließen jedoch weder Wolff noch Joel Birlehm zu. Simonet bekam vielmehr für seine Verhältnisse ungewöhnlich viele Denkpausen auf der Bank.

Auf der argentinischen Bank macht sich zusehends Verzweiflung breit

Es erging ihm wie allen argentinischen Spielern, sie hatten dem Angriffswirbel ihrer Gegner nichts entgegenzusetzen. Egal, was die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) unternahm, es war nahezu immer von Erfolg gekrönt. Juri Knorr zog gekonnt im Rückraum die Fäden, setzte seine Mitspieler in Szene, fand den Kreis oder traf selbst. Die Kreisläufer Johannes Golla und Jannik Kohlbacher waren von den körperlich unterlegenen argentinischen Abwehrspielern sowieso nicht zu halten. Und die Außenspieler Patrick Groetzki und Lukas Mertens stürmten ein ums andere Mal per Konter auf das Tor des bemitleidenswerten Keepers Juan Manuel Bar zu, oder vollendeten fein herausgespielte Spielzüge.

Handball-WM: Trefferquote von 81 Prozent bei der deutschen Mannschaft - auch, weil Lukas Mertens gegen Argentinien wie fünf seiner Teamkollegen ohne Fehlversuch bleibt.

Trefferquote von 81 Prozent bei der deutschen Mannschaft - auch, weil Lukas Mertens gegen Argentinien wie fünf seiner Teamkollegen ohne Fehlversuch bleibt.

(Foto: Marco Wolf/wolf-sportfoto/Imago)

24:11 führte der Favorit zur Halbzeit, das Spiel war längst entschieden. Auf der argentinischen Bank machte sich zusehends Verzweiflung breit, ob des einfach nicht nachlassenden Gegners. Egal was Trainer Guillermo Milano versuchte, ob mit zwei Kreisläufern oder einem siebten Feldspieler - seine Pläne gingen angesichts der hoch konzentrierten deutschen Defensive einfach nicht auf.

Selbst der Bundestrainer gab hernach zu, dass ihn diese Leistung schon ein wenig überrascht habe, einen derart fehlerfreien Auftritt habe er von einer Nationalmannschaft noch nicht gesehen. Und eine Anweisung wie in der letzten Auszeit kurz vor der Halbzeit, habe er auch noch nie gegeben. Mit zwei Codewörtern gab er erst den taktischen Rahmen vor, dann fügte er an: "Spielt doch, was ihr wollt." Das sei zum einen Ausdruck des großen Vertrauensverhältnisses zwischen Trainer und Spielern, zum anderen seine Arbeitsweise: "Ich aktiviere die Jungs, dass sie viel kommunizieren." Gislason ist Verfechter einer flachen Hierarchie und überträgt seinen Akteure so Verantwortung.

Besonders freute ihn die zweite Halbzeit. "Dass auch die Jungs, die nach der Pause kalt reinkamen, genauso weitergemacht haben und im Angriff und in der Abwehr ihre Leistung gebracht haben", sagte Gislason. "Das macht mich stolz und hilft uns für unser Selbstvertrauen." Lediglich acht Tore erlaubte die DHB-Auswahl den konsternierten Argentiniern im zweiten Durchgang, im Angriff stand nach dem Sieg eine unwirklich erscheinende Trefferquote von 81 Prozent. In Groetzki, Golla, Mertens, Rune Dahmke, Christoph Steinert und Paul Drux blieben gleich sechs Akteure, die zusammen 22 Treffer erzielten, also drei mehr als der Gegner insgesamt, ohne einen einzigen Fehlversuch. "Wir haben die Argentinier wirklich überrannt, 24 Tore in der ersten Halbzeit, das ist schon Wahnsinn, das muss man erst mal hinkriegen", sagte Linksaußen Lukas Mertens, "das war wirklich überragend."

Gislason war auch von "einer extrem gut eingespielten ersten Formation, die sich sehr gut versteht", angetan und wenn er sehe, "dass die Spieler, die weniger spielen auch immer besser reinkommen, dann bringt mir das als Trainer eine Lockerheit und macht mich stolz auf die Jungs". Nun also warten am Samstag (20.30 Uhr) die Niederländer, vor denen der Isländer trotz aller Lockerheit warnt: "Die sind in den vergangenen Jahren immer besser geworden, haben eine extrem schnelle Rückraum-Reihe mit vielen Spielern aus der Bundesliga und internationalen Topvereinen. Die sind einfach gut."

Ein weiterer Sieg würde den Einzug in das Viertelfinale bedeuten, Mertens sprach vom "ersten Matchball". Gislason wollte nichts dazu sagen, er lächelte nur.

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