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Handball:Mit voller Wucht auf den Unterschenkel

THW Kiel - Paris St. Germain

Die Kieler ringen den Pariser Luc Steins (Mitte) nieder, im Fallen prallt Steins aber gegen das Wadenbein von Patrick Wiencek (links).

(Foto: Frank Molter/dpa)

Nationalspieler Patrick Wiencek verletzt sich schwer - und könnte für Olympia ausfallen. Die Handballer haben geahnt, dass Nachrichten dieser Art auf sie zukommen würden.

Von Carsten Scheele

Vermutlich hat Patrick Wiencek sogar noch Glück gehabt, dass ihm bloß der kleine Niederländer Luc Steins mit voller Wucht auf den Unterschenkel gefallen ist und nicht, sagen wir: der Lette Dainis Kristopans, 2,14 Meter groß, 135 Kilo schwer. Der Mittelmann Steins (1,74 Meter) gehört zu den flinken Leichtgewichten des Handballs, der Zusammenstoß im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen dem THW Kiel und Paris Saint-Germain (31:29) war dennoch folgenschwer für den Kieler Kreisläufer. Nach einigen zuvor bereits hart geführten Zweikämpfen hatte Mitspieler Pavel Horák Steins an der Stelle zu Boden gedrückt, an der Wienceks Bein stand. Der kam nicht mehr weg, und es machte knacks.

Wiencek, 32, lag zunächst auf dem Hallenboden, umringt von Mitspielern und Gegnern, die alle besorgt dreinblickten. Er wurde dann, links und rechts gestützt, unter großen Schmerzen vom Feld gebracht. Der Eisbeutel, der ihm aufs Knie gepackt wurde, brachte auch keine Linderung mehr. Bruch des oberen Wadenbeins, so die Diagnose von Mannschaftsarzt Frank Pries, mindestens vier Wochen Pause. Im Verein ist die Saison für Wiencek damit quasi beendet, er wird die weiteren Champions-League-Aufgaben verpassen, zunächst das Rückspiel gegen PSG am kommenden Mittwoch, sowie das deutsche Pokal-Final-Four Anfang Juni. In der Bundesliga kommt er allerhöchstens für die letzten Saisonspiele wieder in Frage. Und ob das alles dann für Olympia (23. Juli bis 8. August) reicht, ist ebenfalls ungewiss.

Die Handballer haben ja geahnt, dass Nachrichten dieser Art auf sie zukommen würden: Die Sportart erlebt aktuell die körperlich anstrengendsten Tage ihrer Geschichte, die Belastungen für die Spieler gehen in der Pandemie-Saison weit über das erträgliche Maß hinaus. Bis zu den Sommerspielen in Tokio wird trotzdem durchgeackert, die Spieler des THW Kiel etwa haben vor Olympia noch 16 Spiele vor sich, ohne Aussicht auf Regeneration. Europaweit mehren sich in fast allen Topklubs die Verletzungen. Aus gutem Grund hat sich Bundestrainer Alfred Gislason bislang bedeckt gehalten, welche 14 Spieler (plus zwei Nachrücker) er für den Jahreshöhepunkt zu nominieren gedenkt: Gislason, 61, muss abwarten, wer Anfang Juli, wenn sich das Nationalteam trifft, überhaupt noch stehen kann.

Ein weiteres Großereignis ohne das Herzstück des Kieler Abwehrblocks will niemand

Dass ausgerechnet Wiencek auszufallen droht, sei "ein harter Schlag", erklärte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbunds (DHB). Wie schwer der Kieler zu ersetzen ist, war zuletzt bei der Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten zu bestaunen, als Wiencek beschlossen hatte, das Turnier während der Pandemie zugunsten seiner Familie ausfallen zu lassen. Die WM beendeten die Deutschen blamabel auf Rang zwölf, ein weiteres Großereignis ohne das Herzstück des Kieler Abwehrblocks - das Wiencek gemeinsam mit Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold bildet - will so schnell niemand erleben. Wiencek sei "in seiner Komplettheit für keine Mannschaft ersetzbar", sagte Hanning. Der Kieler gilt in dreifacher Hinsicht als gesetzt: als Abwehrchef und als wuchtiger Kreisläufer, der trotz seiner Statur erstaunlich flott auf den Beinen ist. Aber auch als Führungsspieler und Frontfigur, an der sich die jüngeren Spieler zielsicher orientieren können.

Für eine Prognose, ob es noch klappt mit Olympia, sei es "viel zu früh", sagte Verbandsvize Hanning. Da Steins und nicht Kristopans auf Wiencek gelandet ist und "nur" das obere Wadenbein gebrochen ist, besteht zumindest Hoffnung, dass der Kieler noch fit wird - und bestenfalls sogar erholter als seine Mannschaftskollegen nach Tokio reisen kann. Bundestrainer Gislason muss irgendwann entscheiden, wie lange er Wiencek einen der Plätze im Olympiakader frei hält - reicht es nicht, würde dem Flensburger Johannes Golla wohl die Aufgabe zufallen, gemeinsam mit Pekeler den ersten Abwehrblock zu bilden.

Wobei Golla auch so ein Fall ist: Der Flensburger pflegt eine ähnlich kraftraubende Spielweise wie Wiencek, in Angriff und Abwehr, und spult obendrein ein ebenfalls irrwitziges Pensum ab. Soll er fitbleiben bis Tokio, braucht Golla nicht nur gute Knochen und Bänder, sondern auch ein bisschen Glück.

© SZ/tbr
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