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Handball:Zur Pflege ein paar Tage ins Nationalteam

THW Kiel v Bergischer HC - LIQUI MOLY Handball Bundesliga

Steht in Kiel immer auf der Platte, häufig die ganzen 60 Minuten: Patrick Wiencek (rechts).

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Kaum ein deutscher Handballer verlangt seinem Körper gerade mehr ab als Patrick Wiencek. Der Kreisläufer des THW Kiel hätte bei den letzten Länderspielen vor Olympia pausieren können - doch er will spielen.

Von Carsten Scheele

Patrick Wiencek hat es nun offiziell: Er gehört in den Ältestenrat der deutschen Handballer. Auf den kindlichen Spitznamen Bamm-Bamm (wie der kleine Kraftprotz aus der TV-Serie The Flintstones) hört der Abwehrspezialist zwar immer noch, doch mit 150 Länderspielen ist eine gewisse Reife nicht wegzudiskutieren. Aktuell steht Wiencek bei 149, betritt er am Donnerstag im EM-Qualifikationsspiel in Bosnien-Herzegowina (16.10 Uhr, ARD) das Parkett, hat er die 150 erreicht. "Ich bin überrascht, dass es schon so viele sind", sagt der Kieler. Er fühle sich noch gar nicht so alt - da klang er fast ein bisschen beleidigt.

Wiencek, 32 Jahre alt, hätte das Jubiläumsspiel auch noch etwas hinauszögern können, die beiden letzten Länderspiele vor den Olympischen Spielen in Tokio hätte er jedenfalls gut und gerne auch auslassen können. Erstens haben die Partien in Bosnien und am Sonntag gegen Estland sportlich keine Brisanz mehr - das Team des Deutschen Handballbundes (DHB) ist längst für die Europameisterschaft 2022 in Ungarn und der Slowakei qualifiziert. Wiencek hätte in dieser kraftraubenden Corona-Spielzeit also eine Pause einlegen können, wie es sein Teamkollege Hendrik Pekeler tut: Der setzt aus, um eine Sprunggelenksverletzung zu kurieren. Um ihre Olympia-Nominierung müssen die beiden Spieler des Champions-League-Gewinners THW Kiel ja nicht bangen: Ohne Wiencek und Pekeler fährt Bundestrainer Alfred Gislason kaum nach Tokio. Sie sind gesetzt, wenn sie fit bleiben.

In Kiel ackert Wiencek quasi durch - 60 Minuten, Angriff und Abwehr

Doch Wiencek will nicht pausieren. Er ist bereit, er will spielen, wie immer in den vergangenen Monaten. Seit seiner persönlichen Absage für die WM in Ägypten (während der Pandemie wollte er nicht durch die Welt jetten) steht der Kreisläufer im Dauerrhythmus auf der Platte: alle zwei bis drei Tage ein Spiel. Bundesliga, Champions League, Bundesliga, immer hin und her. Da eine Nachholpartie, dort ein reingequetschter Zusatztermin. Immer weiter. Wiencek hat sich zum Vielspieler entwickelt; seit sein Abwehrkollege Pekeler diese Blessur mit sich herumschleppt, ackert er im Verein quasi durch. 60 Minuten, Angriff und Abwehr. Zuletzt ist Pekeler ab und zu aufs Feld gehumpelt, um Wiencek zumindest ein paar Minuten zum Durchschnaufen zu gestatten.

Das ist kein exklusives Problem der Kieler. In Flensburg, beim Tabellenführer, geht es Johannes Golla ganz ähnlich. Viele Mitspieler sind verletzt, also wird durchgespielt. Als er sich zuletzt am Fuß wehtat, setzte er sich immerhin ein paar Minuten auf die Bank. Dann stampfte Golla wieder aufs Feld.

Das Leben im Verein sei viel stressiger als beim Nationalteam, sagt Wiencek

Und jetzt ruft auch noch das Nationalteam. Die Reise nach Bosnien wird besonders zehrend, die deutschen Handballer fliegen an einem Tag hin und zurück, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Doch Wiencek lacht, er genießt die Zeit beim DHB-Team, das Leben im Verein sei viel stressiger, sagt er. Vier Tage Vorbereitung auf eine Partie, bei der er vermutlich nicht mal durchspielen muss, wann hatte er das zuletzt? "Bei der Nationalmannschaft kann ich mich ganz gut pflegen lassen", sagt Wiencek. Es tue ihm gut, dem Trott im Verein für ein paar Tage zu entfliehen: "Da spielt man immer mit den gleichen Leuten. Schön, mal jemand anderen zu sehen." Also lieber mal mit Golla oder dem Erlanger Sebastian Firnhaber den Mittelblock bilden, anstatt immer den Pekeler an der Seite zu haben.

Auch Bundestrainer Gislason weiß, welches irrwitzige Pensum Wiencek gerade abspult - und ist dankbar, dass der Kreisläufer sich trotzdem bereit erklärt, an den Abläufen für Olympia zu feilen. Es geht Gislason in den beiden Länderspielen nicht nur darum, 17 Spieler zu identifizieren, die er mit nach Tokio nehmen darf - 14 werden fest ins olympische Dorf einziehen, drei halten sich außerhalb als Ersatz bereit. Will Deutschland tatsächlich um die Medaillen mitkämpfen, wird dies nicht ohne eine harte, eingespielte Abwehr gehen, in der Wiencek eine zentrale Rolle einnimmt. Überfordern will Gislason seinen Schlüsselspieler aber nicht, Wiencek habe "sehr viel gespielt" zuletzt, das hat Gislason mit Sorge verfolgt und versprochen: "Er wird seine Pausen bekommen."

Denn eines soll nicht noch einmal passieren: Dass Wiencek alle ihm auferlegten Prüfungen bewältigt, zum Höhepunkt aber schlapp macht. Das war vor dem wichtigen Olympia-Qualifikationsturnier im März in Berlin so, da reiste Wiencek an, wirkte aber leergepumpt nach zehrenden Wochen in Kiel. Also stellte Gislason andere auf. Bevor sich die Mannschaft im Juli zur Olympia-Vorbereitung trifft, hofft Wiencek deshalb, dass er noch eine Woche freibekommt. Für echten Urlaub wird das kaum reichen, aber Wiencek ist in all dem Stress genügsam geworden. Sein Wunsch lautet lediglich: "Eine Woche nicht an Handball denken."

© SZ/moe/sjo
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