Handball:Wenn nichts mehr geht: Kühn geht immer

Lesezeit: 3 min

Germany v Croatia - Handball Friendly Match

Comeback im Rückraum: Julius Kühn (mit Ball) überzeugte im Testspiel gegen Kroatien.

(Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Ein Jahr lang war Julius Kühn verletzt - nun ist er zurück in der Handball-Nationalmannschaft. Der Rückraumspieler könnte mit seinen Fähigkeiten das Puzzlestück sein, das bei der WM noch fehlte.

Von Carsten Scheele, Hannover

Einen Handballer auf seine Wurfkraft zu reduzieren, ist meist ungerecht. Auch Julius Kühn kann schließlich ein Spiel lesen, feine Pässe spielen, ist mit seinen mehr als 100 Kilo erstaunlich flink in der Abwehr. Doch diese krachenden Würfe: Wenn Kühn, 26, im linken Rückraum kurz die Lage checkt, seinen Körper in die Luft wuchtet und den Ball mit Höchstgeschwindigkeit ins Netz zischen lässt, geht ein Raunen durch die Halle, so wie am Samstag beim Länderspiel in Hannover gegen Kroatien, das die deutsche Nationalmannschaft am "Tag des Handballs" knapp 24:23 (11:13) gewann. Der lange verletzte Mann von der MT Melsungen ist zurück im DHB-Team, und könnte in naher Zukunft noch wichtig werden.

Für die Handball-Europameisterschaft im Januar, die diesmal in drei Ländern stattfindet (Schweden, Norwegen, Österreich), ist Kühn plötzlich eine wichtige Option im Rückraum. Er ist ein Typ Spieler, der zuletzt fehlte: einer für die so genannten einfachen Tore, wenn keine komplizierten Spielzüge nötig sind, sondern nur ein Pass auf Kühn im richtigen Moment. Vor dem die gegnerischen Abwehrspieler allein wegen seiner physischem Präsenz einen Mordsrespekt haben. In dieser Disziplin waren die deutschen Handballer zuletzt selten Weltklasse - ohne Kühn.

Der bitterste Moment in Kühns Handballerleben ist ziemlich genau ein Jahr her, am 28. Oktober 2018 riss ihm im EM-Qualifikationsspiel gegen den Kosovo das Kreuzband. Er verpasste dadurch die Heim-WM, was nicht nur für die deutschen Handballer, sondern auch für Kühn selbst einen schweren Schlag bedeutete. Er quälte sich durch die lange Reha, hatte mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Da lag er "nur auf dem Sofa und hatte zu nichts Lust. Ich habe oft nur die Decke angestarrt", sagte er der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen.

Den Ausfall des urgewaltigen Werfers hat das deutsche Team nicht kompensieren können

Jetzt ist Kühn zurück, und könnte genau jenes Puzzleteil im EM-Kader werden, das Bundestrainer Christian Prokop bei der Heim-WM im Januar 2019 noch fehlte. Als das deutsche Team in der Abwehr gut funktionierte, auch den Ausfall aller nominellen Mittelmänner kompensieren konnte, nicht jedoch, dass Kühn als urgewaltiger Werfer im linken Rückraum fehlte. "Wir brauchen diese Wucht", sagte Prokop am Samstag nach dem zweiten Spiel gegen Kroatien binnen weniger Tage. "Wir haben durch Julius ganz andere Möglichkeiten."

Das Hinspiel am Mittwoch in Zagreb, das das DHB-Team ebenfalls mit einem Tor Vorsprung gewinnen konnte, hatte Kühn in der zweiten Halbzeit nahezu an sich gerissen. Vier wichtige Treffer gelangen ihm, als hätte es seine Verletzung nie gegeben. Am Samstag in Hannover traf Kühn gegen Ende der ersten Halbzeit zweimal binnen 30 Sekunden, mitten rein in die stärkste Phase der Kroaten. Erst per Sprungwurf flach ins Eck, dann per Konter hoch ins Netz - es waren zwei dieser leichten Tore, die Prokop von ihm gefordert hatte. Die Mitspieler freute es sehr. Fabian Böhm, sein Kollege im linken Rückraum, sagte: "Julius ist einfach ein Spieler, den die Mannschaft braucht."

Noch nicht alles hatte geklappt, manchmal hatte Kühn überhastet agiert, nicht clever genug gespielt. "Da geht natürlich noch mehr", attestierte sich der Rückraumspieler selbst, der am Ende drei Treffer erzielt hatte. Das Wichtigste war jedoch, dass er im Kopf die schwere Verletzung gut verarbeitet hat. "Es ist unheimlich schön, wieder dabei zu sein", sagte Kühn, insbesondere nach den jüngsten Verletzungsnachrichten im deutschen Handball. Kreuzbandrisse scheinen sich zu häufen, es traf zuletzt Nationalspieler Simon Ernst von den Füchsen Berlin, dem das Band bereits zum dritten Mal gerissen ist und der mit 25 Jahren möglicherweise sogar vor dem Karriereende steht. "Es kann so schnell gehen", sagte Kühn. Umso wichtiger, dass er die beiden Kroatien-Spiele ohne Blessur überstanden hat.

Der entscheidende Mann im Rückspiel war dann nicht Kühn, sondern Torhüter Dario Quenstedt, der in der Schlusssekunde einen Siebenmeter parierte und so den Sieg festhielt. Bundestrainer Prokop war das nur recht. "Julius soll behutsam Schritt für Schritt machen", sagte er. Kühn kann dann bei der EM die Spiele entscheiden. Wenn er sich bis Januar, bitte, bitte, um Himmels willen, bloß nicht mehr verletzt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB