Übergriffe im Handball:Mindestens 30 Betroffene

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Übergriffe im Handball: "Diese Vorfälle sind nicht gut für unseren Sport", sagt der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Frauen, Markus Gaugisch.

"Diese Vorfälle sind nicht gut für unseren Sport", sagt der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Frauen, Markus Gaugisch.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Handball-Trainer André Fuhr soll über Jahre hinweg Spielerinnen gedemütigt, gestalkt und sexuell bedrängt haben. Zuletzt arbeitete er beim BVB und als U20-Nationalcoach. Es stellt sich die Frage, warum er immer wieder einen neuen Job fand.

Von Ulrich Hartmann

Am Wochenende war der Handballtrainer Markus Gaugisch mit seiner Bundesliga-Frauen-Mannschaft der SG BBM Bietigheim in Dänemark. In Odense verloren sie ein Champions-League-Spiel. Doch das geriet fast zur Nebensache.

Als Gaugisch am Samstag einen Artikel mit dem Titel "Psychoterror im Frauenhandball" las, ist er erschrocken. Der Spiegel beschrieb, wie der Trainer André Fuhr, 51, über Jahre hinweg auf seinen Stationen im ostwestfälischen Blomberg, im schwäbischen Metzingen und zuletzt im westfälischen Dortmund Spielerinnen gedemütigt, gestalkt und sexuell bedrängt haben soll. Laut 'Athleten Deutschland' haben sich zu diesem Fall mittlerweile 30 Personen an die Kontaktstelle 'Anlauf gegen Gewalt' gewendet, "darunter Betroffene und Umstehende, die entsprechende Vorfälle beobachtet haben". Fuhr, zuletzt Trainer bei Borussia Dortmund und deutscher U20-Frauen-Nationalcoach, hat beide Posten mittlerweile verloren.

Gaugisch ist derzeit Klubtrainer in Bietigheim und Frauen-Nationaltrainer zugleich. Er bleibt es noch bis zum Ende der laufenden Saison, danach wird er ausschließlich Bundestrainer sein. "Psychoterror im Frauenhandball" ist für ihn eine Schlagzeile des Schreckens. Seit Montag versucht er in Großwallstadt, die Nationalmannschaft auf die EM im November vorzubereiten. "Diese Vorfälle sind nicht gut für unseren Sport", sagt er, "wir sind, was das angeht, ganz bei den Spielerinnen und bieten ihnen allen Raum, darüber zu sprechen." Die Mannschaft gehe konstruktiv mit dem Thema um. Gaugisch wünscht sich nichts sehnlicher, als "dass alle Handballerinnen mit Freude spielen können".

Übergriffe im Handball: Soll über Jahre Spielerinnen gedemütigt, gestalkt und sexuell bedrängt haben: Handball-Trainer André Fuhr, hier noch in Diensten des BVB.

Soll über Jahre Spielerinnen gedemütigt, gestalkt und sexuell bedrängt haben: Handball-Trainer André Fuhr, hier noch in Diensten des BVB.

(Foto: Alexander Keppler/Imago)

An die Öffentlichkeit war die Angelegenheit vor wenigen Wochen gelangt, weil die Nationalspielerinnen Amelie Berger und Mia Zschocke bei Borussia Dortmund fristlos gekündigt haben mit Verweis auf Fuhrs Fehlverhalten. Zschocke spielt mittlerweile in Storhamar in Norwegen, Berger in Bensheim. Zschocke ist seit Montag auch beim Lehrgang der Nationalmannschaft dabei, Berger nicht, weil sie nach einem Kreuzbandriss immer noch in der langwierigen Reha steckt.

Die schmerzliche Frage: Warum fand der Coach trotz der Vorfälle immer wieder einen neuen Job?

Eine zusätzliche Dimension hat das offenbar jahrelange Fehlverhalten Fuhrs dadurch bekommen, dass der Deutsche Handball-Bund (DHB) ihn im September 2019 als Nachwuchstrainer auf Honorarbasis engagiert hatte und die Zusammenarbeit erst jüngst im September wieder beendete, als die Vorwürfe gegen Fuhr bereits erdrückend waren. Der DHB schreibt in einer Stellungnahme: "Fuhr hat von Ende November bis Anfang Dezember 2020 kurzzeitig auch bei der Frauen-Nationalmannschaft als Vertretung des corona-erkrankten Bundestrainers Henk Groener ausgeholfen. Weder als Vertreter bei der Frauen-Nationalmannschaft noch als verantwortlicher Trainer der weiblichen U20-Nationalmannschaft gab es Vorwürfe gegen den Trainer, die dem Vorstand des DHB bekannt geworden sind."

Nun ist eine der vielen schmerzlichen Fragen, die den deutschen Frauenhandball plagen, warum ein Trainer, der Spielerinnen anging, immer wieder einen neuen Job fand und warum niemand diesen Trainer anzeigte oder innerhalb der Branche anderweitig zu erwirken versuchte, dass so ein Mann keine Anstellung mehr bekommt. Bis zum DHB-Sportvorstand Axel Kromer waren Gerüchte über Fuhrs Fehlverhalten jedenfalls offenbar nicht vorgedrungen, als er diesen im Herbst 2019 zum Nachwuchstrainer berief. Jetzt schreibt der DHB: "Der Deutsche Handballbund (...) ermutigt die gesamte Handball-Familie, (...) eine Kultur des Hinsehens zu leben und gegenseitig aufeinander achtzugeben."

Nachfolger Fuhrs bei Borussia Dortmund wird Anfang November der Niederländer Groener, der bis zum Frühjahr die deutsche Frauen-Nationalmannschaft trainiert hat. Ihn ersetzte der DHB durch Gaugisch, der bei der Europameisterschaft ab 4. November in Slowenien, Nordmazedonien und Montenegro sein erstes Turnier als Bundestrainer bestreitet.

Die Stimmung im Vorbereitungslehrgang ist offenbar gut. "Ich glaube, dass wir hier gut miteinander umgehen", sagt Gaugisch. Es ist eine ungewohnte, neue Erfahrung, dass solche Sätze explizit formuliert werden müssen.

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