Handballer Sander Sagosen:Superheld vor dem Absprung

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Sander Sagosen ist mit dem THW Kiel noch bis 2023 verbandelt - aber was passiert danach? (Foto: Frank Molter/dpa)

Der THW Kiel will um Sander Sagosen seine Mannschaft der Zukunft bauen - doch der weltberühmte Norweger hat ein verlockendes Angebot aus seiner Heimat vorliegen.

Von Carsten Scheele

Es wäre allmählich interessant, eine wissenschaftliche Studie über den Ruf der Heimat in Auftrag zu geben, dem gerade einige führende Handballer erliegen. Da wäre der Däne Mikkel Hansen, der dreimalige Welthandballer, der aktuell bei Paris Saint-Germain spielt, im Sommer 2022 aber zu Aalborg Håndbold wechselt. Rein sportlich ist das ein Abstieg, Hansen geht vom finanzstärksten Klub der Welt (PSG) zum eindeutig kleineren Klub ins dänische Jütland, der zu guten Stücken dem Multimillionär Eigild B. Christensen gehört - und offenkundig anständige Gehälter zahlen kann.

Hansen erklärte seinen Vereinswechsel dagegen emotional. Er ist nun 33 Jahre alt, Hansen sagt, er freue sich darauf, im letzten Drittel seiner Karriere "zum dänischen Handball zurückzukehren". Es dürfte sein letzter, großer Wechsel sein, zurück nach Hause.

Nun lässt ein weiterer Fall aufhorchen, es geht erneut um einen der weltbesten Bällewerfer, der bei einem der besten Klubs spielt - und sich einem deutlich kleineren Verein anschließen könnte. Groß war das Aufsehen vor zwei Jahren, als sich der THW Kiel den Norweger Sander Sagosen angeln konnte.

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Die ganze Liga beglückwünschte die Kieler damals, denn Sagosen, 26, hat den Titel des Welthandballers zwar noch nicht gewonnen, er gilt aber für die kommenden Jahre als natürlicher Kandidat: Sagosen agiert im Rückraum auf den Königspositionen seines Sports, niemand spielt explosiver als er, wenn er wie ein Superheld durch die Lüfte schwebt. Eine Studie hat mal ergeben, wie weit im Voraus der Norweger seine Spielzüge plant: Manchmal hat der Angriff gerade erst begonnen, da weiß Sagosen bereits, in welcher Ecke des Tores er den Ball unterbringen wird.

Nimmt Sagosen das Angebot aus Kiel an? "Die Wahrscheinlichkeit schwindet von Tag zu Tag", sagt THW-Manager Szilagy

Doch das Kapitel Sagosen könnte in Kiel bald geschlossen werden, jedenfalls verdichten sich die Anzeichen, dass Sagosen den Mikkel-Hansen-Move hinlegen könnte. Weg aus Kiel, vom Champions-League-Sieger 2020 und Rekordmeister der Bundesliga, zurück nach Norwegen, zu seinem Heimatverein Kolstad, der noch nie Meister war, mithilfe neuer Investoren aber zur Nummer eins im nationalen Handball aufsteigen will. Die Pläne des Klubs sind klar formuliert: Erst will Kolstad in Norwegen durchstarten, dann in Europa. Sagosen soll das Gesicht, der Kopf der Mannschaft werden. Sein Vertrag in Kiel läuft 2023 aus.

Es ist seriös davon auszugehen, dass sich der Norweger geschmeichelt fühlt ob der Offerte - und auch ganz schön unter Druck steht. Sagosen wurde in Trondheim geboren, Kolstad ist ein Stadtteil der 200 000-Einwohner-Stadt. Er hat 2012/13 bereits eine Saison für den damaligen Zweitligisten absolviert, ehe er in die große Handballwelt hinausging, nach Aalborg, nach Paris, schließlich nach Kiel. Er wäre in Kolstad mehr als nur ein Weltklassespieler.

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Und mehr noch: Sein Vater Erlend ist aktuelles Mitglied in Kolstads Trainerstab, all dies erhebt den Verein in den Rang einer Herzensangelegenheit. Er liebe zwar "alles in Kiel", sagte Sagosen kürzlich den Kieler Nachrichten. Er vermisse aber seine Familie. "Wenn man mich fragt, ob Kolstad irgendwann eine Option ist", erklärte Sagosen offen, "muss ich das mit einem Ja beantworten."

Der THW Kiel beklagt den Druck, der in Norwegen erzeugt wird

Auch der THW Kiel will Sagosen langfristig halten und hat ihm ein Angebot vorgelegt, doch der zögert. In dieser Woche hat sich THW-Geschäftsführer Viktor Szilagy geäußert, eher unheilvoll, was eine mögliche Vertragsverlängerung angeht. "Die Wahrscheinlichkeit schwindet mit jedem Tag, an dem er unser Angebot nicht annimmt", sagte Szilagy bei Sky. Auch Kiel verfolgt einen Plan: Sagosen ist sieben Jahre jünger als der alte Anführer Domagoj Duvnjak, um ihn herum würden sie gerne ihr Team der Zukunft aufbauen. Sagosen wisse dies, sagt Szilagy: "Nur beim Faktor Heimatstadt können wir nicht mithalten."

Wirklich überzeugt von der Redlichkeit des Projekts aus Norwegen ist Szilagy ohnehin nicht. Kiel werde "nicht mit Mäzenen konkurrieren", sagte der THW-Manager. Es sei "schon heftig, wenn in Norwegen der Eindruck erweckt wird, ohne Sander werde es das Kolstad-Projekt nicht geben". Die Kieler hoffen darauf, dass Sagosen dem Druck standhalten und einsehen wird, dass Kiel über ein Team mit besten Perspektiven verfügt, bei dem er in jeder Saison um den Champions-League-Titel mitspielen kann.

In Kolstad dagegen sei einiges unsicher. Sagosen müsse bald entscheiden, wo er sich in Zukunft am besten aufgehoben fühlt, sagt Szilagy. Entweder in Kiel, das gerne noch einige weitere Jahre Sagosens Handball-Familie wäre. Oder in Kolstad, wo seine echte Familie auf der Trainerbank sitzt.

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