Siebenmeterwerfen, auch das noch! Als hätten die Nerven der Handballer des THW Kiel in den vergangenen Wochen nicht ausreichend gelitten, mussten die Spieler am Dienstagabend kurz vor halb elf auch noch in ein Shootout. Das kommt im Handball selten vor, häufiger werden Spiele in der Verlängerung entschieden. Doch jetzt: maximaler Druck am Siebenmeterstrich.
Vier Kieler traten an, Lukas Zerbe, Magnus Landin, Bence Imre und Eric Johansson. Alle verwandelten. Die Torhüter Andreas Wolff und Gonzalo Pérez de Vargas parierten je einen Wurf der Spieler des kroatischen Klubs Nexe Nasice. Mit letzten Kräften hüpften die Kieler durch die Halle. „Das war ein Sieg der Willenskraft“, sagte Nationalspieler Zerbe. Oder: gerade noch mal gutgegangen.
Es gab Zeiten, da wäre ein Klub wie Nexe Nasice gar kein ernst zu nehmender Gegner gewesen. Europäische Mittelklasse, bestenfalls. Doch aktuell muss der THW froh sein, solche Spiele zu gewinnen, und sei es im Siebenmeterwerfen nach einem 30:33 im Hinspiel und 30:27 im Rückspiel. Im kleinen Europapokal, der European League, steht Kiel jetzt im Final-Four-Turnier, das am 30./31. Mai in Hamburg ausgetragen wird. Gegner dort werden die Bundesliga-Kollegen aus Flensburg und Melsungen sein, Montpellier HB aus Frankreich komplettiert das Feld. Für die Kieler ist sogar noch ein Titelgewinn möglich; anders als in der Bundesliga.
Dort hat der THW verheerende Wochen hinter sich. Das Derby gegen die SG Flensburg-Handewitt konnte Kiel Mitte März noch gewinnen, danach gab es eine Pleite gegen Melsungen, zwei schwer erklärbare Unentschieden in eigener Halle gegen den Tabellenletzten SC DHfK Leipzig und den ThSV Eisenach. Und, vor wenigen Tagen, eine krachende 25:33-Niederlage bei der HSG Wetzlar.
„Wir haben heute abgeliefert, gegen alle Widrigkeiten“, sagt der Schwede Eric Johansson
30 Saisonspiele, sechs Niederlagen, acht Unentschieden – das sind Werte, die in Kiel nur schwer zu akzeptieren sind. In der Tabelle ist der THW Fünfter, 14 Punkte hinter dem Ersten SC Magdeburg, sieben hinter dem Zweiten Flensburg. Die direkte Qualifikation über die Liga für die Champions League, die für Kiel so wichtig wäre, ist damit passé. Selten lag Stefan Kretzschmar, der frühere Sportvorstand der Füchse Berlin, mit einer Prognose so daneben wie mit jener, dass Kiel im Saisonendspurt „kein Spiel mehr verlieren“ werde und deshalb Tabellenzweiter werde.
Am schwersten wog die Acht-Tore-Pleite beim Abstiegskandidaten Wetzlar, weil sie die Kieler Defizite rücksichtslos aufdeckte. Da war zum einen die Verletzungsproblematik, die dem Klub zu schaffen macht. Auf seinen kompletten Stammrückraum musste Trainer Filip Jicha verzichten: Emil Madsen, Elias Ellefsen á Skipagötu, Eric Johansson, Nikola Bilyk – alle verletzt. Natürlich hat eine Mannschaft wie Kiel immer noch ausreichend Topkräfte im Kader, von Torwart Andreas Wolff über die kroatische Handballlegende Domagoj Duvnjak bis zu Lukas Zerbe, Rune Dahmke, Hendrik Pekeler, Harald Reinkind, Veron Narcinovic, Bence Imre. Alles große Namen, alles Nationalspieler.
Am Ende waren es jedoch der 18-jährige Rasmus Ankermann und der 19-jährige Johan Rohwer, die sich in Wetzlar gemeinsam im Rückraum gegen die Niederlage stemmten. Große Teile der Mannschaft wirkten schwer verunsichert, zwischendurch legte der Gegner gar einen 8:0-Lauf hin: acht Tore für Wetzlar, keins für Kiel. Als eine der „schwierigsten Phasen, die ich in dem Verein miterlebt habe“, bezeichnete Trainer Jicha die Situation. Mit zwei Jahren Unterbrechung gehört er dem Klub seit 2007 an, erst als Spieler, dann als Coach. Ähnlich formulierte es Geschäftsführer Viktor Szilagyi, der neben Jicha an vorderster Stelle in der Verantwortung steht – und ebenfalls Kritik abbekommt.
Auf schnelle personelle Konsequenzen deutet derweil nichts hin. Eher will Kiel die Chance nutzen und die vermaledeite Spielzeit über die European League retten. Zwei Spiele stehen beim Final Four an, Halbfinale und Finale. Werden beide gewonnen, ist zum einen die Schmach einer weiteren titellosen Saison abgewendet. Außerdem könnte der Sieger der European League von der Europäischen Handballföderation (EHF) durch die Hintertür noch mit einem Startplatz für die kommende Spielzeit in der (eindeutig lukrativeren) Champions League belohnt werden. Das ist nicht sicher und hängt von weiteren Faktoren ab, etwa dem Abschneiden der deutschen Klubs in der Champions League. Für Kiel wäre es aber das bestmögliche Szenario.
Bis dahin muss sich aber das Lazarett lichten. Gegen Nexe kehrte immerhin schon Eric Johansson (Knieblessur) zurück, was sich augenblicklich als wertvoll erwies. Der Schwede warf aus dem Rückraum nicht nur zehn Tore, er trat auch im Siebenmeterwerfen zum letzten Wurf an. Einmal angetäuscht, dann unten rechts ins Eck versenkt. „Wir haben heute abgeliefert, gegen alle Widrigkeiten“, sagte Johansson später. Es wurde mal wieder Zeit.


