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Handball:"Das ist der Preis, den wir zahlen"

THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt

Rückhalt mit Spannweite: Auch Kiels Torwart Dario Quenstedt (hier gegen Flensburgs Hampus Wanne) sicherte seinem Team den Supercup.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Der THW Kiel gewinnt gegen Flensburg den Supercup. Das ist ein Anfang - aber die Hallenprobleme belasten.

Von Carsten Scheele

Als die Handballer des THW Kiel die erste Trophäe der Saison eingeheimst hatten, ging es direkt zum Flieger. Darin saßen auch: die Spieler des Finalgegners, der SG Flensburg-Handewitt. Die Corona-Situation erfordert von den Handballklubs ganz neue Methoden, also haben sich die Erzrivalen aus dem Norden für die Reise zum Supercup nach Düsseldorf einen Charterflug geteilt. Gemeinsam hin, zusammen zurück, die Vorteile lagen auf der Hand: dividierte Kosten, eine gesparte Übernachtung in Düsseldorf; dazu die Sicherheit, dass alle Menschen, die den Flieger betraten, auf das Coronavirus getestet wurden. Die Flensburger reisten also in einem Flugzeug mit dem Pokal zurück, den sie nicht gewonnen hatten.

Der erste Schritt zurück in die Normalität war trotzdem geschafft, ein Handballspiel vor Zuschauern - das freute Kieler, Flensburger, Handballtreibende im ganzen Land. Wenn auch vor etwas geringerer Kulisse als erhofft: Das 28:24 (14:13) der Kieler über Flensburg hätten laut Behörden 2640 Zuschauer in der Düsseldorfer Arena verfolgen dürfen - unter Wahrung des Sicherheitskonzepts mit Abstandsregeln und Maskenschutz auf den Tribünen. Gekommen waren aber nur 2100. "Sehr, sehr ordentlich" sei dieser Zuspruch, sagte Frank Bohmann, Chef der Handball-Bundesliga (HBL) schließlich sei die Erlaubnis, die Zuschauerzahl von 999 auf 2640 aufzustocken, recht kurzfristig eingetroffen. "Alle Vorgaben wurden eingehalten", bestätigte Bohmann, "kein Zuschauer, Spieler oder Funktionär hat ein Gesundheitsrisiko eingehen müssen."

Zuvor hatten die Zuschauer einen rasanten Supercup erlebt, es war die erste von sechs Kieler Titelgelegenheiten in dieser Saison, und die Mannschaft von Trainer Filip Jicha hat gezeigt, dass sie kaum gedenkt, eine einzige davon auszulassen. Die Enttäuschung aus der Heimniederlage in der Champions League gegen Nantes (27:35) war flux abgeschüttelt, Kiel wählte häufig den Weg über Spitzenzugang Sander Sagosen, den Weltklassehandballer aus Norwegen, der zur neuen Saison aus Paris an die Förde gewechselt ist. Die beunruhigende Nachricht für die Konkurrenz: Sagosen war bereits ein entscheidender Faktor, obwohl ihm an diesem Abend längst nicht alles gelang. Er nahm sich auch die schwierigsten Würfe, stand am Ende bei sieben Treffern. "Das heute war der wahre THW Kiel", urteilte Sagosen. Zum Mann des Spiels wurde aber nicht der Norweger gewählt, sondern Dario Quenstedt, sein formidabel haltender Torsteher. Die Flensburger konnten mit dem Auftritt ebenfalls gut leben. Sein Team habe es "45 Minuten sehr gut gemacht", lobte Trainer Maik Machulla, "insgesamt war es ein Auftritt, der mir Mut macht".

Mut und Zutrauen ins eigene Konzept brauchen die Handballer auch für den bevorstehenden Start der Bundesliga-Saison ab Donnerstag. Mit 20 Prozent dürfen die Klubs ihre Hallen auslasten (in Schleswig-Holstein mit 25 Prozent). Für die Klubs ist das ein erster Schritt, mehr aber nicht. Man arbeite mit dieser Anzahl an Fans "höchstens im Bereich der Kostendeckung", sagt Flensburgs Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Die Einhaltung der Hygienekonzepte kostet viel Geld, es ist mancherorts genauso teuer, ein Heimspiel für 20 bis 25 Prozent der Zuschauer auszurichten, als für eine volle Halle. "Das ist der Preis, den wir zahlen, um die Sportart am Leben zu erhalten", sagt Schmäschke.

Die entscheidende Frage ist, wie sich die Infektionszahlen in Deutschland entwickeln, und was das für die Klubs bedeutet. Ein weiterer Lockdown - mit einer Einstellung des Spielbetriebs oder dem Komplettausschluss der Fans - wäre für viele Klubs wirtschaftlich nicht mehr zu stemmen. Schon in der aktuellen Situation halte man "mit Mühe und Not den Kopf über Wasser", sagt Schmäschke und rechnet vor: "Wenn wir wieder runter müssten, auf eine Hallenauslastung von zehn oder 15 Prozent, ginge das an den Rand der Existenz." Dann käme es wohl zu den befürchteten Insolvenzen unter den Klubs.

Die HBL hofft deshalb, dass die Probephase bis Ende Oktober zwischenfallfrei verläuft und die Liga dann gute Argumente vorweisen kann, bei der Politik für eine höhere Hallenauslastung zu werben. Damit die Klubs wieder Geld verdienen können. Ob das klappt? Flensburgs Trainer Machulla rechnet mit einer "schwierigen Saison mit vielen Fragezeichen". Er sagt aber auch: "Das Wichtigste ist, dass wir spielen."

© SZ vom 28.09.2020

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