Süddeutsche Zeitung

Handball-Spitzenspiel Flensburg vs Kiel:Zupacken gegen die Übermannschaft

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Der ausgedünnte Kader spricht dagegen, die Form und die Statistik sowieso: Im 73. Nordderby gegen den THW Kiel peilt die SG Flensburg-Handewitt dennoch einen Sieg an - im deutschen Handball scheinen derzeit bereits kleine Anzeichen von Kieler Verwundbarkeit Hoffnungen zu wecken.

Von Saskia Aleythe

Es sind nervenaufreibende Wochen, die hinter dem deutschen Handball liegen. In der Bundesliga hatte sich ein Gefühl breitgemacht, das es dort lange nicht mehr gegeben hatte: Die vorsichtig aufkeimende Hoffnung, dass die deutsche Meisterschaft tatsächlich offen sein könnte. Rekordmeister THW Kiel, der 585 Tage ungeschlagen durch die Liga marschierte, war tatsächlich einmal als Verlierer vom Feld gegangen und musste sogar die Tabellenspitze abgeben. An die Rhein-Neckar Löwen, denen die Kieler zuvor die erste Saisonniederlage beschert hatten.

Die Kieler sind in den deutschen Handballhallen ein Publikumsmagnet - das gilt erst recht wenige Kilometer weiter nördlich der Stadt: An diesem Mittwoch (18.30h) erwartet den THW die SG Flensburg-Handewitt zum Nordderby, in der eigenen Halle, die mit 6300 Plätzen längst ausverkauft ist und den Beinamen "Hölle Nord" trägt. Allerdings wieder unter den gewohnten Vorzeichen: Pünktlich zum Weihnachtsfest läuteten die Kieler die besinnliche Zeit ein, vor allem für sich selbst.

Seit Sonntag steht Kiel wieder auf Platz eins in der Tabelle. Punktgleich mit den Rhein-Neckar Löwen - die gegen Göppingen nur Remis spielten - aber in der Tordifferenz beeindruckend überlegen: Während die Mannheimer 62 Treffer mehr erzielt haben als ihre Gegner, kommen die Spieler aus dem Norden auf 148 Tore Überschuss. Flensburgs Trainer Ljubomir Vranjes blickt dem großen Duell daher eher verhaltenen entgegen: "Gegen den THW ist keine Mannschaft der Favorit."

Keine zwei Monate ist es her, dass sich der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt letztmals gegenüberstanden, damals hielt die Serie der Kieler noch. Ein deutliches 34:27 bedeutete den 47. Bundesliga-Sieg in Serie. Über 45 Minuten konnten die Flensburger mithalten und dann geschah, was so oft geschieht: Kiel nutzte die Fehler in einer Konsequenz aus, die jeder Gegner so fürchtet wie die Mayas den Weltuntergang.

Was sich in der Zwischenzeit getan hat bei den Flensburgern? Die Personalnot hat sich zum einen nur leicht entspannt. Michael Knudsen und Lasse Svan Hansen sind im Vergleich zum letzten Derby wieder fit, dafür fehlen neben dem Langzeitverletzten Petar Djordjic auch weiterhin der angeschlagene Lars Kaufmann (nach einer Meniskus-OP) und Arnor Atlason (Achillessehnenriss). Wegen dieser Ausfälle rüstete der Verein nach - Zusatzeinkauf Olafur Gustafsson soll Abhilfe schaffen.

Zum anderen blicken die Flensburger, die mit fünf Punkten Rückstand Tabellenplatz drei belegen, auf erfolgreiche Wochen zurück: In den vergangenen zehn Partien durftend sie anschließend als Sieger unter die Dusche, einmal davon im DHB-Pokal und zweimal in der Champions League. Ausgerechnet vor dem Spitzenspiel gegen Kiel mühte sich das Team jedoch zu einem 27:24 - gegen Aufsteiger Tusem Essen.

Die Kieler hingegen warfen sich am Sonntag bereits in Form und demütigten den Krisen-Klub VfL Gummersbach mit einem 36:19. Ob damit die alte Dominanz zurück ist, muss sich zeigen. Nach jener überraschenden 25:29-Niederlage gegen Melsungen Anfang Dezember, über die fortan die ganze Liga sprach, musste sich der THW tatsächlich erst wieder fangen, auch Verletzungen plagten die Mannschaft nachhaltig. Es folgte ein knapper Zittersieg gegen die erstarkte HSG Wetzlar und ein souveräner Erfolg gegen den TV Großwallstadt - auch der gehört jedoch zu den Abstiegskandidaten.

Trainer Alfred Gislason, der sehr besonnen reden kann, war in den letzten Wochen mächtig erzürnt. Zuletzt wegen der Wahl der Mannschaft des Jahres, eine Auszeichnung, die der Isländer gerne in den Vereinsräumen im Norden gesehen hätte, die nun aber der deutsche Ruder-Achter trägt.

"Bei allem Respekt, den ich vor den Mannschaften habe, die vor uns platziert sind - für mich war der THW Kiel die Mannschaft des Jahres. Pech für uns, dass unsere Erfolge in ein olympisches Jahr gefallen sind", sagte Gislason. Die Kieler hatten in der vergangenen Saison ohne Verlustpunkte die deutsche Meisterschaft gewonnen, dazu den DHB-Pokal und die Champions League.

Was Gislason noch viel mehr verärgerte, waren aber die Schiedsrichter: Seine Mannschaft sei "zum Freiwild" geworden, beklagte er und monierte die harte und oft unbestrafte Gangart der Gegner, die ihm allmählich den Kader ausdünnte. Bei der Pleite gegen die MT Melsungen war Filip Jicha durch einen Griff in den Wurfarm verletzt worden, sodass er nur noch zum Bälleverteilen eingesetzt wurde. In der folgenden Partie erwischte es mit Daniel Narcisse den nächsten Rückraumspieler, ein Zweikampf endete für ihn mit einer Einblutung im Oberschenkel.

Sowohl Jicha als auch Narcisse sind im Spiel gegen Flensburg wieder einsatzbereit, Gislason ist in der komfortablen Situation, auf den gesamten Kader zurückgreifen zu können - ein enormes Plus gegenüber den Gastgebern. "Wir wollen wieder gewinnen, um das Jahr 2012 ganz oben in der Tabelle zu beschließen", sagt Rückraum-Spieler Momir Ilic. Neben der Form und dem starken Kader spricht auch die Statistik für den THW: In 72 Begegnungen mit Flensburg sind die Kieler 46 Mal als Sieger hervorgegangen.

Und doch ist da immer noch diese reizende Vorstellung bei den Flensburgern, die Vorstellung vom bezwingbaren THW Kiel. "Das letzte Jahr bot der THW eine nicht normale Leistung", sagt Torwart Mattias Andersson, "es ist aber normal, dass auch Kiel mal ein Spiel verliert." Auch wenn es bis zu dieser Feststellung 585 Tage gedauert hat.

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