Handballer Marcel Schiller:Locker aus dem Handgelenk

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Unerschrocken in kritischen Spielmomenten: Marcel Schiller ist einer, der mit Druck umgehen kann - und deshalb den Ball schon mal in Do-or-die-Situationen erhält. (Foto: Laci Perenyi/imago)

Marcel Schiller ist die Entdeckung bei den deutschen Handballern: Während er bei der Olympia-Qualifikation unverkrampft die richtigen Würfe auspackt, sitzt Kapitän Uwe Gensheimer häufiger auf der Bank.

Von Carsten Scheele, Berlin/München

Marcel Schiller hat am Samstag ein Tor erzielt, wie es nur Handballer tun, die wissen, dass bei ihnen gerade alles funktioniert. Schiller sprang von links außen ab, kurze Flugphase, der Winkel wurde nicht wirklich besser, also ließ er Sloweniens Torwart Urban Lesjak den Ball mit einem Handgelenksknicks über den Scheitel fliegen. Schiller weiß ja, dass Torhüter bei einem solchen Leger-Wurf selten die Arme rechtzeitig nach oben bekommen oder aber intuitiv davor zurückschrecken, den Kopf in die Flugbahn zu recken. Also sauste der Ball Zentimeter über Lesjaks Haaransatz ins Netz. Ein freches, ein gemeines, aber auch geniales Tor.

Schiller, 29, hat im Trikot der deutschen Handballer ein nahezu perfektes Wochenende erlebt. Das Team hat die so wichtige Olympia-Qualifikation geschafft und darf nun als eine von zwölf Mannschaften in Tokio um Gold spielen. Schiller ganz persönlich hat auf seiner Position gezeigt, dass er aktuell der beste Linksaußen des Landes ist. Im ersten, so wichtigen Spiel gegen den WM-Zweiten Schweden spielte die Mannschaft gar den letzten Ball auf Schiller - er nahm den Wurf, fünf Sekunden vor Schluss, eine Do-or-die-Situation. Schwedens Weltklassetorhüter Andreas Palicka machte sich so breit und groß wie möglich, Schiller aber sah, dass die Lücke zwischen Palickas Beinen größer war als sonst.

Also jagte er den Ball mit einem Aufsetzer unter Palickas Körper hindurch, wieder so ein freches Ding, aber der beste Wurf, den er in dieser Situation hätte wählen können. Sekunden später war die Partie vorbei, 25:25, Unentschieden. Dank Schiller.

"Er hat eine ganze Menge Druck von uns weggenommen", sagt der DHB-Präsident

Es bedarf nicht viel der Kaffeesatzleserei, um zu behaupten, dass das Olympia-Qualifikationsturnier fürs deutsche Team anders verlaufen wäre, hätte Schiller diesen Ball verworfen. Wäre das Spielgerät gegen Palickas Arm geprallt oder an den Pfosten geklatscht, wäre die Mannschaft danach nicht überglücklich auf Schiller zugestürmt, um den Punktgewinn in einem verloren geglaubten Spiel zu feiern. "Er hat eine ganze Menge Druck von uns weggenommen", sagte Andreas Michelmann, der Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB), als er nach Schiller befragt wurde. Und der Schütze selbst? "Ich musste das Tor werfen", sagte Schiller bloß, zuckte dabei mit den Schultern, als erschließe sich ihm die Intention der Frage nicht ganz: "Aber das ist bei mir auch im ersten Angriff so."

Er wirkt so unaufgeregt, so cool, als sei es das Normalste der Welt, als Spieler von Frisch Auf Göppingen (Platz sieben in der Bundesliga) plötzlich im Nationalteam die superwichtigen Bälle zu versenken. "Für mich ist es einfach nur ein Handballspiel", sagte Schiller nach dem Sieg über Slowenen, als er erneut bester Schütze der deutschen Mannschaft war. In der Liga ist er zuletzt auf Rang fünf der Torschützenliste gerückt, mit Göppingen hat er 2021 noch kein Spiel verloren. Spieler des Monats in der Bundesliga war er auch. Es läuft.

Seine Geschichte wird noch etwas größer, wenn man bedenkt, wen er da gerade verdrängt im Nationalteam. Uwe Gensheimer, 34, galt jahrelang als einer der wenigen Weltklasseakteure im deutschen Handball und als unangefochtener Chef auf Linksaußen. Er ist ein Spieler für die Highlight-Videos, er kann den Ball aus dem Handgelenk wild drehen und zwirbeln und hat spektakulärste Würfe drauf, Kapitän des Nationalteam ist er auch. Drei Jahre lang stand Gensheimer bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, wo die teuersten Handballer der Welt auflaufen, im Sommer 2019 ist er zu den Rhein-Neckar Löwen zurückgekehrt. Zuletzt war es schon ab und zu ein Thema, dass Gensheimer im Nationalteam immer etwas verkrampft wirkte, unter seinen Möglichkeiten blieb und mit dem DHB auch nie einen großen Titel gewinnen konnte. Gespielt hat er trotzdem meistens, weil er ja Uwe Gensheimer ist.

In Berlin war plötzlich Schiller die Nummer eins. Nicht nur bei den Siebenmetern, dort hat er schon bei der WM im Januar die meisten geworfen (und übrigens fast alle getroffen). Nun erhält er auch viele Spielanteile in den wichtigen Spielen. Fünf Tore gegen Schweden, sieben gegen Slowenien - während Schiller also rannte, wirbelte, traf und sich keinen Kopf machte, saß Gensheimer viele Minuten auf der Bank, den Kopf in ein Handtuch gehüllt. Er hat natürlich bemerkt, was passiert ist: Bundestrainer Alfreð Gíslason setzte gegen Schweden und Slowenien verstärkt auf Schiller, erst im dritten, vermeintlich leichtesten Spiel gegen Algerien, bekam Gensheimer mehr Anteile. "Die beiden teilen sich die Position", sagte Gíslason zwar. Er sei froh, "zwei starke Außen" zu haben.

Die Rollen, wer Nummer eins und wer Nummer zwei ist, schienen diesmal aber relativ klar verteilt zu sein.

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