Es waren ungemein erfolgreiche Sommermonate für den deutschen Handball. Das männliche U19-Team holte im August WM-Gold, die weibliche U19 gewann im Juli die Europameisterschaft. Beim Europäischen Olympischen Sommer-Jugendfestival sicherte die weibliche U17-Auswahl ebenfalls Gold, die männliche U17 Silber. Und dann traten auch noch zwei Teams bei den World Games im Beachhandball an, das Ergebnis: Gold für die Männer, Silber für die Frauen.
Während all das passierte, hatten die besten Profis aus der Handball-Bundesliga (HBL) eine Sommerpause, die diesen Namen tatsächlich verdiente. Drei bis vier Wochen Zeit zum Abschalten bekamen die meisten Spieler zugestanden, ehe die Vorbereitung in den Klubs wieder begann. Es war der dringend benötigte Break für die zahlreichen Nationalspieler nach dem extrem fordernden Olympia-Zyklus mit drei großen Turnieren (EM, Olympia, WM) binnen 13 Monaten. Endlich mal den Kopf freibekommen, endlich die Wehwehchen auskurieren.
„Die Spieler hatten endlich einen längeren Urlaub“, sagte Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert der Magdeburger Volksstimme, das habe sich aufs Training ausgewirkt: „Wir konnten an das Ganze mit dem Faktor Lust herangehen. Keiner hat geklagt, dass die Pause viel zu kurz war und er schon wieder hier sein muss.“ Das war in den Jahren zuvor ganz anders.
Die Füchse Berlin und der THW Kiel starten mit Trainerdiskussionen in die Saison
Wenn die weltweit stärkste Handballliga an diesem Mittwoch mit der Partie TSV Hannover-Burgdorf gegen den VfL Gummersbach (19 Uhr, live bei Dyn) in die neue Saison startet, können die Trainer tatsächlich auf eine deutlich größere Zahl fitter Spieler zurückgreifen. Doch wie lange wird dieser Zustand anhalten? Gerade in den ersten Wochen ist der Spielplan sehr fordernd; Wiegerts Magdeburger beispielsweise haben bis Ende Oktober 19 Partien zu absolvieren. Nicht nur die Bundesliga beginnt, auch der DHB-Pokal, die Champions League und die anderen Europapokale. Dann wird durchgespielt, bis Ende Dezember, ehe sich die Nationalspieler zur nächsten Europameisterschaft verabschieden.
Schon jetzt ist absehbar, dass es für einige Klubs eine wegweisende Spielzeit wird. Die Füchse Berlin (erstes Spiel gegen den Bergischen HC) wollen ihren Meistertitel verteidigen, der SC Magdeburg (Saisonauftakt in Lemgo) genau dies verhindern. Die Rhein-Neckar Löwen, in der Tabelle zuletzt bis auf Rang neun abgerutscht, wagen unter Trainer Maik Machulla den Neustart. Es gab große und bedeutende Wechsel, so spielt Schützenkönig und Nationalspieler Marko Grgic jetzt nicht mehr in Eisenach, sondern bei der SG Flensburg-Handewitt, die ebenfalls wieder oben angreifen will. Der THW Kiel hat sich die Dienste des spanischen Spitzentorwarts Gonzalo Pérez de Vargas gesichert, der fortan – wenn er von seinem Kreuzbandriss genesen ist – mit Andreas Wolff das beste Torhütergespann der Welt bilden dürfte.
In der geruhsamen Sommerpause ist den Leuten natürlich aufgefallen, dass in zwei Spitzenklubs die Verträge der jeweiligen Trainer auslaufen – und in beiden Fällen steht zu befürchten, dass sich die Angelegenheiten nicht unverzüglich lösen lassen. Sowohl die Füchse Berlin, bei denen Coach Jaron Siewert noch über ein bis Saisonende gültiges Arbeitspapier verfügt, als auch der THW Kiel, bei dem der Vertrag von Filip Jicha ausläuft, wollen sich in der Trainerfrage nicht unter Druck setzen lassen. Die Option, die Verträge vorzeitig zu verlängern, haben beide Klubs jedenfalls verstreichen lassen.
Beim Meister aus Berlin will sich Geschäftsführer Bob Hanning „nicht vor September, Oktober“ mit der Trainerthematik beschäftigen. Die vergangenen fünf Jahre unter Siewert waren erfolgreich, zuletzt gekrönt mit dem ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Doch Siewert ist erst 31 Jahre alt, er könnte eines Tages nach einer Luftveränderung streben, auch wenn er jetzt noch betont, dass die Füchse sein „Traumverein“ seien. Die Boulevardmedien spekulieren bereits, dass der Däne Nicolej Krickau (zuletzt in Gudme und Flensburg) als Favorit auf den Posten gilt.
In Kiel ist die Lage noch etwas brisanter, da die latente Unzufriedenheit – der Rekordmeister wurde zweimal Vierter und verpasste die Champions League – schon länger spürbar ist. Zwar hat Jicha, wie von ihm erwartet wurde, die Verjüngung des Kaders eingeleitet, die Frage ist trotzdem, ob ihm die Vereinsführung zutraut, die Mannschaft wieder an die Tabellenspitze zu führen. Einen verpatzten Saisonstart am Donnerstag in Erlangen sollte sich Jicha nicht erlauben; auch in seinem Fall wird schon eifrig spekuliert. Zu Jichas Pech gibt es quasi einen natürlichen Nachfolgekandidaten: Auch der Gummersbacher Trainer Gudjon Valur Sigurdsson hat eine Vergangenheit beim THW. Und für eines der größten Trainertalente der Szene dürfte Gummersbach eines Tages zu klein werden.


