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Start der Handball-Saison:Ein Horrorprogramm, das kaum zu schaffen ist

THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt

Zwei der Vielspieler: Kiels Steffen Weinhold (links) und Flensburgs Lasse Möller.

(Foto: dpa)

Handball-Topspieler können bis Ende Januar auf 40 Pflichtspiele kommen. Trotzdem sollen alle Wettbewerbe durchgezogen werden - auch die WM in Ägypten.

Von Carsten Scheele

Ab November beginnt der große Stresstest. Zum Beispiel für die Handballer des THW Kiel, die spielen im November fünfmal in der Bundesliga, zweimal in der Champions League, Anfang des Monats sind für die Nationalspieler zudem zwei Länderspiele in der EM-Qualifikation angesetzt. Neun Spiele in vier Wochen - das geht schon mal, wird aber schwierig, wenn ein solcher Dezember folgt. Und ein derartiger Januar. Im Dezember stehen sechs Bundesliga-Spiele und zwei Champions-League-Partien an, aus der aktuellen Saison. Der Hinweis ist geboten, schließlich wird Ende Dezember noch das aus dem Mai hinweg verlegte Finalturnier der vergangenen Saison nachgeholt. Weitere zwei Spiele, gegen die besten Teams der Welt.

Und dann, im Januar, nach einer kaum erwähnenswerten Erholungsphase, reist das Nationalteam zur Weltmeisterschaft nach Ägypten, die erstmals mit 32 Mannschaften ausgetragen wird. Topspieler können so allein bis Ende Januar auf 40 Pflichtspiele kommen.

Ist das alles zu schaffen? Kaum vorzustellen, nach den Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, als die Spieler bereits häufiger die Grenze der körperlichen Belastbarkeit überschritten haben. Trotzdem haben gerade 13 der 20 Bundesligaklubs in einer Umfrage dafür votiert, am gefassten Terminplan festzuhalten - und nicht beispielsweise auf die WM zu verzichten.

Die Saison startet nach 208 Tagen Corona-Pause

Dabei liegen die Vorbehalte auf der Hand: Weshalb mitten in der Pandemie ein Turnier spielen, zu dem Mannschaften aus aller Welt anreisen? Wenn die Nationalspieler ohnehin schon in kürzerer Zeit häufiger antreten müssen als sonst? Bei der SG Flensburg-Handewitt haben sich gerade zwei Kreisläufer verletzt, Johannes Golla und Jacob Heinl, noch bevor es richtig losgegangen ist. Weitere Verletzungen wegen überlasteter Muskeln und Bänder werden folgen.

Doch der Sport sieht sich gezwungen, am Horrorprogramm festzuhalten. Die WM ist für den nationalen Verband, den DHB, unverzichtbar, als wichtige Präsentationsfläche und wegen der vielen Sponsorenverträge; genauso wie die Spiele für die Klubs, die händeringend versuchen, wieder Zuschauereinnahmen zu generieren. Wenn an diesem Donnerstag nach 208 Tagen Pause die Bundesliga-Saison startet, dürfen nur 20 bis 25 Prozent der Zuschauer in die Hallen, fast überall ist zu hören: Lässt sich das Aufkommen im Saisonverlauf nicht erheblich steigern, wird es Insolvenzen geben.

Und die Spieler? Versuchen, sich mit der knallharten Saison zu arrangieren. Viele wollen ihrem Sport helfen und stellen ihre berechtigen Anliegen aus früheren Jahren zurück. Er sei heilfroh, wieder spielen zu können, sagt etwa Uwe Gensheimer, aber die Taktung werde "extrem" sein. Bundestrainer Alfred Gislason hat ein anderes Adjektiv gefunden, er sagt, die Saison werde "brutal". Gislason wird im Januar einen 20-Mann-Kader mit zur WM nehmen. Der besteht dann aus den besten Handballern des Landes, die aber eine wichtige Kernkompetenz mitbringen sollten: Sie müssen noch stehen und laufen können.

© SZ vom 01.10.2020/ebc
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