Süddeutsche Zeitung

Handball:Den großen Knall abgewendet

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Niederlagen in der Liga, Fehler in der Kaderplanung, international raus: Die einst so erfolgreichen Rhein-Neckar Löwen erleben eine schwierige Phase - da tut bereits ein Sieg im DHB-Pokal gut.

Von Michael Wilkening, Mannheim

Beim Blick an die Wände ihres Büros muss Jennifer Kettemann in die Versuchung kommen, die Realität für ein paar Momente auszublenden. Hinter Glas jubeln auf großen Bildern junge Männer in gelben und mit Harz verschmierten Handball-Trikots. Auf einem Foto prangt die Zahl 2016, auf dem anderen 2017. Es ist noch nicht lange her, dass die Rhein-Neckar Löwen regelmäßig Anlass für Motive für Fotografen boten, die sich anschließend repräsentativ an Wände hängen lassen konnten. 2016 und 2017 wurde der Klub aus Mannheim deutscher Meister, ein Jahr später gewannen die Löwen den DHB-Pokal. Zwischen 2014 und 2019 holte kein Klub mehr Punkte als die Badener. Die Spieler, der Trainer und der Klub standen für Siege - es war die Ära des Erfolgs.

Jennifer Kettemann war als Geschäftsführerin dabei und erhielt wie viele andere während der Feierlichkeiten Sektduschen. Zunächst taugten die gerahmten Zeugnisse des Erreichten als Motivation, das Level zu halten. Wenn Kettemann heute auf die Bilder schaut, stehen sie als Mahnung, irgendwann mal wieder dahin zu gelangen. "Das kann fünf oder sechs Jahre dauern und ist mit viel harter Arbeit verbunden", sagt Kettemann entwaffnend ehrlich. Die 39-Jährige, seit 2016 im Amt, erlebt die schwierigste Phase als Chefin der Rhein-Neckar Löwen. Vom eigenen Anspruch, die Meisterschaft zu gewinnen, ist der Klub trotz nationaler Spitzenkräfte wie Uwe Gensheimer, Jannik Kohlbacher oder Juri Knorr im Moment weit entfernt.

Den großen Knall wendeten Spieler und Trainer am Dienstagabend in Leipzig ab. Mit einer so nicht vorhersehbaren abgeklärten Leistung schafften die Löwen mit einem 31:24-Sieg beim SC DHfK Leipzig den Sprung ins Achtelfinale des DHB-Pokals. Nach dem Schlusspfiff war in den Gesichtern der Akteure Freude abzulesen, aber auch eine enorme Erleichterung ließ sich in den Augen und der Mimik erkennen. Bei einer Niederlage in Leipzig wäre die aktuelle Saison bereits Anfang Oktober ein kompletter Scherbenhaufen gewesen - so bleibt immerhin eine Titelchance bestehen.

Ab dem kommenden Sommer ruhen die Hoffnungen auf Sebastian Hinze

In der Liga haben die Badener an den ersten fünf Spieltagen mit Niederlagen gegen Magdeburg, beim Aufsteiger HSV Hamburg und TVB Stuttgart aufgezeigt, dass sie keine Spitzenmannschaft sind. In der European League, gemessen an den eigenen (Champions-League-)Ansprüchen ein Cup der Verlierer, flogen die Löwen in der Qualifikation gegen das zweitklassige Benfica Lissabon raus. Die Vorstellungen der Löwen in den ersten Wochen der Saison lassen Zweifel aufkommen, dass es in der kommenden Spielzeit die Chance gibt, es auf internationalem Parkett besser zu machen.

Die Rhein-Neckar Löwen sind vergleichbar gut durch die Corona-Krise gekommen, gehören wirtschaftlich immer noch zu den großen Klubs in Deutschland - sportlich ist der Anschluss jedoch verlorengegangen. Unter Trainer Nikolaj Jacobsen, der 2014 nach Mannheim kam, gewannen die Löwen Titel. Der Däne überdeckte mit seiner Arbeit die strukturellen Defizite, die es schon vor 2019 und dem Weggang Jacobsens gab. Nachdem er sich auf seine Arbeit als Nationaltrainer konzentrierte, wurden die Probleme von Jahr zu Jahr offensichtlicher.

Nachfolger Kristjan Andresson musste nach einem halben Jahr gehen. Das darauffolgende spektakuläre Comeback von Martin Schwalb auf der Trainerbank endete ein Jahr später wenig spektakulär, aktuell trägt der ehemalige Assistent Klaus Gärtner als Trainer die Verantwortung für einen Kader, der nicht homogen ist. Es gibt nur wenige Akteure, die im Angriff und in der Verteidigung ähnlich gute Qualitäten haben. Drei Abwehrspezialisten stehen im Kader und zu wenige Rückraumspieler, die gut decken können. Der Handball verlangt immer deutlicher nach Allroundern, während das Aufgebot der Rhein-Neckar Löwen einer Ansammlung von Spezialisten gleicht. Nach der Ära des Erfolgs kam bei den Löwen die Ära der Kompromisse.

Kettemann vermeidet einen direkten Vorwurf an Roggisch, fordert aber eine bessere Kaderplanung

Oliver Roggisch, bislang Sportlicher Leiter, wurde im Sommer zum Sportkoordinator degradiert. Der Weltmeister von 2007 war für die Zusammenstellung des aktuellen Kaders verantwortlich und wird im Umfeld kritisch gesehen. Kettemann vermeidet einen direkten Vorwurf, formuliert aber eine Forderung: "Wir müssen in der strategischen Kaderplanung besser werden." Künftig soll ein Gremium bei Neuverpflichtungen aktiv werden. Der Klub ist bestrebt, die Fehler der Vergangenheit abzustellen.

Vom kommenden Sommer an ruhen die Hoffnungen auf Sebastian Hinze, der als Trainer vom Bergischen HC nach Mannheim kommt. Der 42-Jährige genießt in Fachkreisen einen exzellenten Ruf und hat mit bescheidenen Mitteln beim BHC beachtliche Erfolge erzielt. Er soll die Löwen zurück in die nationale Spitze führen. "Wir haben einen Kader mit Potenzial, werden aber Zeit brauchen", sagt Kettemann. Von Titeln und neuen Bildern für ihr Büro ist der Klub aktuell ziemlich weit weg.

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