Süddeutsche Zeitung

Handball: Problem Korruption:Götter in Schwarz - mit zu viel Bargeld

Dass Schiedsrichter bestechlich sein sollen, wirft den deutschen Handball um Jahre zurück. Er steckt in seiner schwersten Krise - und weiß nicht, wie er damit umgehen soll.

Der Handball-Schiedsrichter ist ein Gott in Schwarz. Blitzschnell muss er entscheiden in einer Sportart, die immer schneller geworden ist. Sein Pfiff entscheidet über Spiele und Meisterschaften.

Und nun sind die Referees ausgerechnet in Deutschland in den Mittelpunkt der Debatte gerückt - in jenem Land, das 2007 Weltmeister wurde und in dem die Welt-Spitzenmannschaft THW Kiel spielt. An der Förde ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft, ob die Kieler Handballer ihren Champions-League-Triumph vor zwei Jahren bei Schiedsrichtern erkauft haben. Angeblich sind zehn Spiele manipuliert worden.

In dieser Lage schwappt ein neuer Skandal hoch - weil die deutschen Spitzenschiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich vor Jahren schon nach einem Europacup-Spiel in Russland mit 50.000 Dollar im Gepäck erwischt wurden. Der Vorfall wurde erst jetzt bekannt, das Magdeburger Duo hatte den Zwischenfall seinerzeit nicht gemeldet - weist aber den Vorwurf der Manipulation von Spielen von sich.

Nach Meinung von Frank Bohmann, Geschäftsführer des Ligaverbandes HBL, sind Manipulationen aber weiter verbreitet als bislang bekannt. Er attestiert dem Handball ein Korruptionsproblem - und fordert ein Großreinemachen, bei dem nicht nur der Deutsche Handballbund (DHB), sondern auch der Weltverband IHF und die Europäische Handball-Föderation (EHF) gefordert seien.

Lemme und Ullrich stehen im Verdacht, bestochen worden zu sein. Haben Sie so etwas für möglich gehalten?

Bohmann: "Das nimmt Züge an, die katastrophal sind. Am Donnerstag habe ich gesagt, dass ich für deutsche Schiedsrichter die Hand ins Feuer lege. Die Hand ist verbrannt."

Was folgern Sie daraus?

Bohmann: "Dass es im Handball ein Korruptionsproblem gibt, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Ich sehe die einzige Chance darin, dass wir unter Zuhilfenahme von externen Experten den Sumpf trockenlegen müssen. Wenn wir Glaubwürdigkeit zurückgewinnen wollen - nicht behalten, sondern wiedergewinnen wollen - müssen wir diesen Weg gehen. Wenn nicht, können wir wieder in Schulsporthallen zurückgehen. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir das mit aller Konsequenz ausrotten müssen."

Wie soll das gelingen?

Bohmann: "Wir müssen korrupte Strukturen aufzeigen und bekämpfen. Es wird zivil- und strafrechtliche Konsequenzen haben, deswegen müssen wir das mit großer Sorgfalt machen. Wenn wir das halbherzig machen, können wir die Segel streichen. Wir müssen diesen Weg gehen, dafür will ich alles tun, auch wenn es schmerzhaft wird. Es geht um einen generellen Korruptionsverdacht. In Deutschland sind Ross und Reiter aufgezeigt worden, den Spuren müssen wir jetzt nachgehen."

Das Problem mit den womöglich käuflichen Schwarzkitteln rüttelt die Branche auf. Bundestrainer Heiner Brand hat als Reaktion auf die Manipulationsvorwürfe eine Reformation der Handball-Regeln gefordert. "Es ist eine der wenigen Schwächen unserer Sportart, dass die Interpretation der Regelauslegung einen zu großen Spielraum lässt". Und weiter: "Es wäre sinnvoll, die Regeln anders zu formulieren, damit der Spielraum der Schiedsrichter nicht so groß ist und sie weniger Einflussnahme auf ein Spiel ausüben können."

Für Weltmeister-Coach Brand wäre die Einführung von Profi-Referees ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu neuer Glaubwürdigkeit. "Das ist ein guter Vorschlag. Vor allem, weil Schiedsrichter dann professioneller arbeiten könnten" meinte der Gummersbacher.

Die bislang eher magere Vergütung der Unparteiischen ist für Brand keine Entschuldigung dafür, besonders empfänglich für Bestechungsangebote zu sein. "Das ist keine Frage der Entlohnung, sonders des Charakters. Man sieht es doch in der Wirtschaft: Da verdienen Leute mehrere Millionen und machen trotzdem Dummheiten - für ein paar Euro mehr", erklärte der 56-Jährige. Pro Bundesliga-Einsatz kassieren Schiedsrichter je 500 Euro, pro Europacup-Spielleitung je 400 Euro.

Gut zwei Jahre nach dem Gewinn des WM-Titels im eigenen Land sieht Brand den Handball in seiner vielleicht schwersten Krise. "Allein die Gerüchte tun enorm weh. Was im Falle einer Bestätigung käme, wäre vermutlich katastrophal für unsere Sportart", sagte der frühere Weltklassespieler, der nicht an mögliche Spielmanipulationen der Kieler glauben kann. Brand: "Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass das immer noch außerhalb meines Vorstellungsvermögens liegt."

Das attackierte Duo Ullrich/Lange war Ende April dem russischen Zoll am Moskauer Flughafen Scheremetjewo aufgefallen. Es fanden sich 50.000 US-Dollar Bargeld im Gepäck von Schiri Ullrich ("Wir sind gelinkt worden") gefunden. Ullrich und Lemme hatten in der russischen Hauptstadt das Finalrückspiel um den Europapokal der Pokalsieger zwischen Medwedi Moskau und BM Valladolid geleitet.

Die Spanier gewannen die erste Partie vor eigenem Publikum mit sieben Toren Vorsprung, verloren jedoch in Russland mit acht Toren Differenz. Das deutsche Duo hatten den Vorfall damals weder dem Deutschen Handball-Bund (DHB) noch der Europäischen Handball-Federation (EHF) gemeldet.

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