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Handball:Novize mit besonderen Fähigkeiten

Michael Haaß HC-Erlangen-MT-Melsungen am 11.10.2020 in Nürnberg (Arena Nuernberger Versicherung), Germany, 3.Spieltag, L; Michael Haaß HC Erlangen Handball Bundesliga Trainer

Spielerversteher mit Autorität und Fachverstand: Michael Haaß.

(Foto: Boris Schumacher/HMB-Media/imago)

Michael Haaß hat direkt nach seiner Karriere den Trainerjob beim HC Erlangen übernommen. Er sorgt dafür, dass das aufregende Projekt der Franken floriert.

Von Ralf Tögel

Theoretisch, also rein rechnerisch, könnte der HC Erlangen am Donnerstag die MT Melsungen überholen. Die Partie der Hessen beim TSV Hannover-Burgdorf wurde abgesagt. Und dann, wie gesagt nur mal so vor sich hingedacht, würden die Erlanger die große SG Flensburg-Handewitt, die erst am Sonntag wieder ins Geschehen eingreift, vom vierten Tabellenplatz der Handball-Bundesliga verdrängen. Die gemeinhin als die beste Liga der Welt gilt. Vorausgesetzt natürlich, die Erlanger gewinnen ihr Heimspiel am Donnerstag gegen den HBW Balingen-Weilstetten. Was nach den jüngsten Leistungen erst recht nicht abwegig zu sein scheint und dem Gastgeber die Position des Favoriten einbringt. Nach dem verhaltenen Saisonstart mit drei Punkten aus fünf Partien, der allerdings Gegner wie Kiel und die Rhein-Neckar Löwen beinhaltete, findet das neu formierte Team zusehends zueinander. Carsten Bissel, Aufsichtsratsvorsitzender und starker Mann im Klub, hatte den Seinen sogar eine Schonfrist zugestanden. Er hatte keinen Zähler aus den ersten fünf Partien eingefordert. Die sah sein Drehbuch erst danach vor.

Das Sammeln von Punkten sollte danach beginnen, was die Protagonisten nicht nur umgesetzt haben, sondern sie geben dabei auch eine richtig gute Figur ab: Wie beim 34:25-Kantersieg gegen Stuttgart in der heimischen Arena, dem bekanntlich richtungsweisende Bedeutung zukam. Auch der souveräne 30:26-Auswärtssieg in Ludwigshafen am Samstag geriet zur sehenswerten Aufführung. Die Spieler scheinen zusehends in die ihnen zugedachten Rollen zu finden. Angesichts der Qualität der neuen Darsteller, wie den Nationalspielern Simon Jeppsson (Schweden), Sime Ivic (Kroatien) und Steffen Fäth (Deutschland), durfte man eine solche Performance schon erwarten.

Auch die wichtigste Personalie in diesem aufregenden Projekt ist neu besetzt, bemerkenswerter Weise von einem Novizen: Michael Haaß führte in den vergangenen Jahren zwar auf dem Spielfeld Regie, als Choreograf an der Seitenlinie hatte er indes nur bei den Erlanger A-Junioren etwas Erfahrung gesammelt. Nach der Entlassung von Interimscoach Rolf Brack, der kurz vorher an die Stelle von Adalsteinn Eyjolfsson gerückt war und den Schlingerkurs des HCE nicht korrigieren konnte, betrat er die große Bühne recht unvorbereitet. Eigentlich war ein fließender Übergang vom Isländer, dessen Vertrag nicht verlängert worden war, auf Haaß vorgesehen, aufgrund der Entwicklungen wurde der kurzerhand vorgezogen. So oder so eine Entscheidung, mit der die Verantwortlichen ins Risiko gegangen sind, ganz offenbar aber das richtige Näschen hatten. Denn der 36-Jährige führt das Team mit ruhiger Hand, behält stets Nerven und Übersicht.

Für Steffen Fäth war der Trainer ein wichtiges Argument, sich trotz alternativer Angebote Erlangen anzuschließen: "Ich kenne ihn schon lange, wir haben zusammen gespielt, ich dachte mir sofort, das kann passen." Wie Haaß das Spiel interpretiere, das decke sich mit seiner Spielidee: "Er war ein sehr kluger Spieler". Haaß passt auch hervorragend zur Erlanger Klubphilosophie, die zum einen Talente entwickeln soll, zum anderen allein aus finanziellen Vorgaben eine Art Zuflucht für Hochkaräter ist, deren Karriere gerade etwas stockt. Wie Fäth eben, der bei den Rhein-Neckar Löwen keine gute Zeit hatte, oder Simon Jeppsson, der in Flensburg nicht erste Wahl war. Haaß gibt ihnen Vertrauen und die Gelegenheit, regelmäßig zu spielen: "Ich weiß wie es ist, wenn man eine schwere Saison hatte", erklärt er, "ich war selbst ein paar Mal in einer solchen Situation." Es sei an ihm, eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen in der "sich jeder Spieler aufgefangen fühlt". Zudem gibt Haaß den Akteuren Freiraum im Spiel, sie sollen "auf Situationen reagieren, Überraschendes machen, die wissen schon, wie man Handball spielt". Und wer sollte das besser beurteilen können, als der Weltmeister, der den Spielern bis vor kurzem noch selbst auf dem Parkett begegnete.

Bliebe die Frage nach der Autorität. Haaß sagt, dass es ihm die Spieler "sehr einfach machen, so wie sie mitziehen". Zudem habe er den nötigen Abstand, erklärt Carsten Bissel die Entscheidung pro Haaß: "Er hat den Fachverstand und die Persönlichkeit", als Mannschaftskapitän habe er zudem zu aktiven Zeiten neben großer Kollegialität auch die nötige Autorität gezeigt. Das sei scharf von Kumpanei zu trennen, sagt Bissel, "denn wenn du drei, vier Kumpels hast und dann plötzlich Chef bist, wird es schwierig." So aber fühle sich kein Spieler benachteiligt, zudem kämen Haaß seine ausgezeichneten kommunikativen Fähigkeit zugute.

Natürlich weiß der Aufsichtsratsvorsitzende, dass es eine Momentaufnahme ist, aber "ich habe nie einen Zweifel gehabt, dass er der Richtige ist." Dann wagt Bissel noch einen Ausblick: "Unser Ziel ist ja, die Mannschaft so im Großen und Ganzen zu halten. Ich glaube, da kann etwas zusammenwachsen." Klingt nach Happy End.

© SZ vom 18.11.2020
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