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Handball:Nicht mal der Kapitän hat seinen Platz an Bord sicher

Sebastian Heymann (Deutschland 11), Deutschland vs. Estland, EM-Qualifikation, Handball, Herren, 02.05.2021 Deutschland

Sebastian Heymann (am Ball) setzt sich gegen Estlands Abwehr durch, Kollege Jannik Kohlbacher (rechts) beobachtet es mit Interesse.

(Foto: Michael Schmidt/Eibner/Imago)

In den letzten Pflichtspielen vor Olympia machen die deutschen Handballer dem Bundestrainer Alfred Gislason die Auswahl für Tokio noch einmal schwieriger

Von Joachim Mölter, Stuttgart/München

Die Woche hätte so schön enden können für die Mannschaft des Deutschen Handballbundes (DHB): Zum Abschluss der sowieso längst gesicherten EM-Qualifikation für 2022 hatte sie noch zweimal gewonnen, erst 26:24 in Bosnien und dann in Stuttgart 35:20 (17:10) gegen Estland. Alle Spieler im Kader waren zum Einsatz gekommen, alle hatten sich empfehlen können für die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Sommer. Und genau das machte dem Bundestrainer Alfred Gislason am Sonntagabend dann zu schaffen: "Ich denke, die Auswahl wird jetzt sogar schwerer."

Gislason darf ja nur ein streng limitiertes Kontingent mit nach Tokio nehmen: 14 Spieler mit einer sogenannten Vollakkreditierung, dazu drei Ersatzleute, die zwar Zugang zum Training erhalten, aber nicht im Olympischen Dorf wohnen und schon gar nicht beliebig ein- und ausgewechselt werden dürfen, wie die Handballer das von ihren Welt- und Europameisterschaften gewohnt sind. Den maximal also 17 freien Stellen steht derzeit ein Überangebot von Bewerbern gegenüber. "Wir haben 25 bis 30 Spieler im engsten Blickfeld", sagt Axel Kromer, der Sportvorstand des DHB.

Gislason hat jetzt die Gewissheit, für jede Position mindestens drei Spieler zu haben

Für die sportlich bedeutungslosen Partien hatte der Bundestrainer deshalb auf einige angeschlagene Stammspieler verzichtet - Kapitän Uwe Gensheimer, Abwehrchef Hendrik Pekeler, Torwart Johannes Bitter, Rückraumstratege Paul Drux. Stattdessen wollte Gislason die Partien nutzen, um anderen Akteuren die Gelegenheit zu geben, mal vorzuspielen für Olympia. Nun, nachdem alle überzeugten, hat Gislason die Gewissheit, für jede der sieben Positionen mindestens drei Leute zur Verfügung zu haben, die olympia-tauglich sind. "Natürlich hätte jeder Trainer gern noch mehr Weltklasse-Spieler, aber ich denke, wir sind sehr gut besetzt", resümierte der Isländer: "Ich habe eher die Sorge, dass sich ein Spieler verletzt und dann nicht mehr fit wird."

Der Rückraumspieler Julius Kühn, einer der verbliebenen Europameister und Olympia-Dritten des Jahres 2016, sagte am Sonntag: "Ich gehe mal davon aus, dass der Trainer schon ein gewisses Konstrukt im Kopf hat. Aber er hat sich dazu noch nicht gegenüber der Mannschaft geäußert." In der Tat habe er ein Gerüst, anhand dessen er seinen Olympia-Kader plane, gab Gislason zu, aber Namen wollte er nicht verraten: "Ich muss erst mal sehen, wen ich zur Verfügung habe Ende Juni."

Erst dann ist die Bundesliga-Saison zu Ende, bis dahin "kann noch so viel passieren", erinnert Spielmacher Philipp Weber, der in den beiden Spielen die Kapitänsbinde für den verhinderten Gensheimer übertragen bekam. "Das war ein schönes Zeichen von Alfred, dass ich eine wichtige Rolle spiele", sagte Weber - aber daraus einen Platz an Bord des Fliegers nach Tokio ableiten? "Gesetzt kann sich keiner fühlen", findet er. So sieht das auch der Kreisläufer Patrick Wiencek, der gegen Bosnien immerhin schon sein 150. Länderspiel absolvierte. "Zu glauben, dass man definitiv dabei ist, wäre der falsche Weg", sagte er: "Wir wissen, dass nicht jeder mit zu Olympia kann."

"Es ist ein großes Plus, wenn ein Spieler mehrere Positionen abdecken kann", sagt der Chefcoach

Innerhalb der Mannschaft sei nicht groß thematisiert worden, wie die Chancen der Einzelnen stehen, versichern die Spieler. Auch Gislason hat in der vergangenen Woche "eine positive Konkurrenz" beobachtet und festgestellt: "Sie gehen gut miteinander um." Der 61-Jährige moderiert mit seiner Erfahrung den Konkurrenzkampf allem Anschein nach sehr geschickt.

So lobt er zum Beispiel den von seinem Vorgänger Christian Prokop ausgemusterten Finn Lemke, den Verteidigungschef bei der EM 2016: "Er ist sicher einer der besten Abwehrspezialisten, die es gibt." Ohne ihm damit freilich zu große Hoffnungen zu machen. "Nehme ich einen Abwehrspezialisten mit oder drei Kreisläufer - oder Spieler, die auf der Halbposition und in der Mitte spielen können?", gewährte Gislason einen Einblick in seine strukturellen Gedanken. "Ich weiß noch nicht, wie das aussehen wird", versicherte er, "aber es ist ein großes Plus, wenn ein Spieler mehrere Positionen abdecken kann."

Unter dieser Prämisse käme Lemke freilich kaum in Betracht, weil er für gewöhnlich nur selten im Angriff zum Einsatz kommt. Allerdings fiele dann auch Philipp Weber aus dem Raster, weil der im Grunde nur in der Offensive zu gebrauchen ist und bei gegnerischen Angriffen schnell wieder auf die Bank flitzt.

In den Partien gegen Bosnien und Estland puzzelte Gislason vor allem im Abwehrzentrum herum, um mögliche Alternativen zu testen für die Zwei-Meter-Männer Pekeler und Wiencek. Die bilden auch beim Champions-League-Gewinner THW Kiel den Innenblock und dürften für Tokio gesetzt sein, wenn sie gesund bleiben. Als Entlastung oder im schlimmsten Fall Ersatz bieten sich Gislason nun gleich fünf Spieler an, alle mit einer ordentlichen Größe: der 2,10-Meter-Mann Lemke eben, Johannes Golla (1,95), der die Abwehr bei der WM in Ägypten zusammengehalten hat, Routinier Fabian Böhm sowie die Neulinge Sebastian Firnhaber und Sebastian Heymann (alle 1,98). Allein an dieser Position wird schon deutlich, wie schwer die Auswahl für Gislason noch werden wird.

© SZ/vk
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