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Handball-Nationalteam:Nur Kompromisse können Prokop retten

Christian Prokop

Seine Anweisungen kamen nicht immer gut an: Bundestrainer Christian Prokop bei der Handball-EM.

(Foto: Monika Skolimowska/dpa)
  • Die Handball-EM endete für Titelverteidiger Deutschland kürzlich mit einer riesigen Enttäuschung.
  • Jetzt gibt es Kritik an Bundestrainer Prokop, der die Mannschaft mit seinem Führungsstil verunsichert hat.
  • Seine Zukunft im Verband ist ungewiss - manche halten den Coach schlichtweg für "überfordert".

Von Ralf Tögel

Ein so genanntes Allstar Game wird von Verbänden gern genutzt, um ihre Sportart zu feiern. Im Handball misst sich dabei eine Auswahl der besten ausländischen Bundesliga-Profis mit der deutschen Nationalmannschaft, es ist ein unterhaltsames Schaulaufen, bevor die Liga ihren Betrieb wieder aufnimmt. Der war im Januar bekanntlich unterbrochen wegen der Europameisterschaft in Kroatien. Und die wiederum hat nun einen Schatten geworfen über das Allstar-Spiel an diesem Freitag (19.30 Uhr) in Leipzig.

Bundestrainer Christian Prokop, 39, ist mit seiner Auswahl vorzeitig und schwer angeschlagen aus Varazdin abgereist, zur Finalrunde nach Zagreb hat es der Titelverteidiger nicht geschafft. Nun sieht sich Prokop heftiger Kritik ausgesetzt. Am Rande der Show-Partie wird auch über seine Zukunft als Bundestrainer debattiert.

Zumindest fordert das die Handball-Bundesliga (HBL), deren Vertreter sich am Mittwoch in einer Telefonkonferenz ausgetauscht haben, wie HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann der dpa mitteilte: "Wir sehen es als notwendig an, dass schnell darüber entschieden wird", sagte er, "natürlich muss eine Analyse stattfinden. Aber die wollen wir mit mehr PS auf die Straße bringen." Er befürchte einen Imageschaden, wenn weiter so kontrovers über den Bundestrainer diskutiert werde, zumal das nächste Großereignis - die Weltmeisterschaft im Januar 2019 - in Deutschland und Dänemark stattfindet; und der Co-Gastgeber erwartet dabei eine Medaille.

Bob Hanning, der zuständige Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), hatte zwar erste Präsidiums-Gespräche an diesem Wochenende in Leipzig angekündigt, gleichwohl versucht er, Zeit zu gewinnen. Er hat sich vier bis sechs Wochen erbeten für eine fundierte Analyse des EM-Scheiterns. Eine Entscheidung für oder gegen Prokop ist vor dem Allstar-Spiel sowieso nicht zu erwarten: Der DHB hatte den Trainer ja aus Leipzig abgeworben, vom dortigen Bundesligisten; man mag sich das Pfeifkonzert der Zuschauer in der Halle nicht ausdenken, wenn sie erführen, dass der Coach entlassen ist.

Abwehrchef raus, Novize rein

Der Vorwurf, dass Prokop das EM-Turnier vercoacht hat, wird indes schwer zu entkräften sein. Der seit einem dreiviertel Jahr amtierende Bundestrainer hatte unmittelbar vor dem Turnier ohne Not Finn Lemke ausgemustert, den emotionalen Anführer und Abwehrchef der Europameister und Olympia-Dritten von 2016; dafür hatte er überraschend den Novizen Bastian Roschek von seinem ehemaligen Verein SC DHfK Leipzig mitgenommen. Im Verlauf der EM korrigierte Prokop diese Maßnahme zwar und tauschte die Spieler wieder aus. Aber Axel Geerken, Geschäftsführer von Lemkes Klub MT Melsungen, hat Prokop nach der EM stark kritisiert.

"Ich will ihm wirklich nichts Böses, aber als Bundestrainer scheint er überfordert" zu sein, sagte Geerken dem Fachmagazin Handballwoche und forderte, man müsse "sehr gründlich nachdenken", ob man mit Prokop in die Heim-WM im kommenden Jahr geht. "Verbrannt ist er schon heute", findet Geerken, der außer Lemke zwei weitere Nationalspieler in seinem Klub hat (Julius Kühn und Tobias Reichmann) und vermutlich etwas von der Stimmung in der Nationalmannschaft erzählt bekommen hat.

Atmosphärische Störungen

Ob die immer wieder kolportierten atmosphärischen Störungen zwischen Spielern und Trainer so weit zu kitten sein werden, dass die DHB-Auswahl in die Weltmeisterschaft 2019 und ein Jahr später in die Olympischen Spiele von Tokio mit begründeten Hoffnungen auf ein erfolgreiches Abschneiden gehen kann, ist nun eine zentrale Frage. Bei der EM war ja immer deutlicher zu beobachten gewesen, dass die Chemie zwischen Trainer und Spielern Schaden genommen hatte.

Prokop überforderte sein Team in Stresssituationen mit dezidierten und umfangreichen Vorgaben, gab in Auszeiten zu viel Input, anstatt sich auf klare und knappe Anweisungen zu beschränken. Bisweilen stellte die Mannschaft in ihrer Not das Abwehrsystem eigenmächtig um, teilweise wurden die hektischen Anweisungen des Trainers gar nicht umgesetzt. Selbst international erfahrene Spitzenkräfte wie Kapitän Uwe Gensheimer gerieten in eine Abwärtsspirale, die Akteure ließen sich von den vielen Wechseln des Trainers aus dem Rhythmus bringen.

Die Verunsicherung der Spieler kumulierte schließlich im entscheidenden Hauptrundenspiel gegen den späteren Europameister Spanien: Innerhalb von desaströsen zehn Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit verspielten die deutschen Handballer das Weiterkommen ins Halbfinale, nach dem klaren 27:31 war der Titel perdu. Essenziell wird nun sein, ob das DHB-Präsidium dem Trainer zutraut, aus seinen Fehlern zu lernen.

Und ob Prokop einsieht, dass er die Spieler nicht in ein starres System pressen kann, sondern die Spielweise den zur Verfügung stehenden Profis anpassen muss. Denn bessere Spieler wird er nicht finden, im Gegensatz zu den letzten Turnieren - EM und Olympia 2016 sowie WM 2017 - fehlte diesmal keiner wegen einer Verletzung, Prokop konnte also aus dem Vollen schöpfen. Und außerdem ist es sowieso illusorisch, in der Zeit bis zur WM den Kader radikal nach seinen strategischen Vorstellungen umzubauen, ohne die Aussicht auf ein erfolgreiches Abschneiden dort zu gefährden. All das wird Bob Hanning nun abwägen müssen, wenn er nach eingehenden Gesprächen mit Spielern, dem Bundestrainer und dem Präsidium über Prokops Zukunft zu entscheiden hat.

Dass er mit dem 39-Jährigen weitermachen will, hat er bekräftigt. Schon allein, weil er den Trainer gegen Widerstand und für eine hohe Ablösezahlung durchgesetzt hat. Beharrt der Bundestrainer aber auf seinem Konzept, ist er nicht zu Kompromissen bereit, hört er nicht auf die Spieler, wird er kaum zu halten sein. Hanning weiß das. Und er weiß auch, dass er selbst dann die nächste Personalie sein wird, die in Frage gestellt wird.

© SZ vom 01.02.2018/jbe

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