Qualifikation zur Handball-EMMethusalem muss es richten

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Lichtblick: U21-Weltmeister Mathis Häseler bleibt als Debütant mit vier Treffern bei vier Versuchen gegen den starken Schweizer Torhüter Nikola Portner fehlerlos.
Lichtblick: U21-Weltmeister Mathis Häseler bleibt als Debütant mit vier Treffern bei vier Versuchen gegen den starken Schweizer Torhüter Nikola Portner fehlerlos. Marco Wolf/dpa

Die deutsche Nationalmannschaft sichert sich mit dem 32:32-Remis in der Schweiz den ersten Gruppenplatz und wird bei der EM gesetzt. Torhüter Andreas Wolff überzeugt, die Teamleistung dürfte Trainer Gislason allerdings zu denken geben.

Von Ralf Tögel

Kleines Handball-Einmaleins zum besseren Verständnis: Wer in diesem Ergebnissport seine Chancen nicht verwertet, also das Torewerfen versäumt, wird auf internationalem Niveau kaum Spiele gewinnen. So gesehen ist es als Erfolg zu werten, dass die deutsche Handballnationalmannschaft das EM-Qualifikationsspiel in der Schweiz mit 32:32 Toren unentschieden gestalten konnte. Neben einer miserablen Chancenverwertung hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) auch weitere Grundregeln der Handballschule sträflich vernachlässigt. Jene etwa, nach der die Abwehr gelegentlich beherzt zupacken sollte, um leichte gegnerische Tore zu verhindern. Oder jene, die besagt, dass man es unterlassen sollte, dem Gegner den Ball im Angriff in die Hände zu spielen. Das Resümee des Bundestrainers fiel entsprechend aus: „Wir haben eine katastrophale erste Halbzeit gespielt.“

Den Versuch, den Verjüngungsprozess voranzutreiben und mit Blick auf die WM im eigenen Land in zwei Jahren weitere Talente in den Kader einzubauen, musste Gislason schnell korrigieren. Der Trainer hatte in Tim Freihöfer, 22, Renars Uscins, 23, und Nils Lichtlein, 22, drei U21-Weltmeister in die Anfangsformation gestellt. Zusammen mit dem 21-jährigen Marko Grgic stand am Mittwochabend im Zürcher Hallenstadion vor 8354 Zuschauern eine der wohl jüngsten Rückraumformationen der DHB-Geschichte in der Startauswahl für ein EM-Qualifikationsspiel auf dem Parkett.

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Doch bereits nach zehn Minuten, reihenweise vergebenen Großchancen und einem 1:5-Rückstand musste der Bundestrainer per Auszeit eingreifen. Und zwei Routiniers aufs Feld schicken, was bei Julian Köster, 25, und Juri Knorr, der am 9. Mai auch erst seinen 25. Geburtstag feiert, seltsam klingt. Beide hatten im Training vor den Qualifikationsspielen in der Schweiz und am Sonntag in Stuttgart gegen die Türkei (18 Uhr) eine Premiere erlebt, als sie beim Aufwärmkick im „Team alt“ standen. Nun aber konnten auch die Alten den grandiosen Fehlstart nicht mehr korrigieren, die Eidgenossen führten zur Pause hochverdient 14:11.

Immerhin brachten vor allem Knorr und später Luca Witzke, 26, Tempo und Wucht in den Angriff, waren mit sechs und fünf Toren beste Schützen. Knorr blieb es auch vorbehalten, die Partie per Siebenmeter zum 32:32 drei Sekunden vor der Schlusssirene zu einem versöhnlichen Ende zu bringen. Dabei hatte Gislason damit geliebäugelt, dem strapazierten Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen eine Pause zu gönnen. Wie auch Andreas Wolff, der aber ebenso einen Dienstauftrag erhielt, was sich als gute Idee erwies. Der Kieler Torhüter ist mit 34 Jahren der Methusalem im Team, seinen Paraden war es zu verdanken, dass die Schweizer nicht schon frühzeitig uneinholbar enteilten.

Die jungen Spieler haben in ihren Klubs tragende Rollen, sie wirken bei internationalen Aufgaben müde

Gislason wird auch nicht übersehen, dass die meisten Spieler trotz ihrer Jugend in ihren Vereinen tragende Rollen ausüben, was in der Bundesliga mit internationalen Wettbewerben und Nationalteam enorme Strapazen mit sich bringt. Renars Uscins etwa, bei Olympia wichtigster Torschütze, oder Johannes Golla, nicht zu ersetzender Abwehrchef, wirkten müde. Immerhin sah Gislason in der zweiten Halbzeit eine Steigerung, zu denken gab ihm die Vorstellung dennoch.

Denn die Schweizer sind nicht der Maßstab des Olympiazweiten. Zwar kennt Trainer Andy Schmid die Bundesliga, er wusste genau, wie er dieser juvenilen Gruppe Probleme bereiten konnte. So beorderte der ehemalige Weltklasse-Spielmacher im Angriff immer wieder den siebten Feldspieler aufs Feld, setzte auf eine aggressive Abwehr und ein daraus resultierendes Konterspiel. Gleichwohl stand in Torhüter Nikola Portner vom Doublesieger Magdeburg lediglich ein Akteur von Weltklasse im Team. Portner gelang es mit seinen Paraden auch schnell, sich Eindruck bei den deutschen Schützen zu verschaffen. Auch der neunmalige Torschütze Noam Leopold vom französischen Champions-League-Halbfinalisten Nantes sowie der wurfgewaltige Lenny Rubin vom Bundesligisten TVB Stuttgart überzeugten, gleichwohl ist die Schweiz europäisch eher der zweiten Reihe zuzuordnen – auch wenn sie den Abstand stetig verkürzen.

Der Punktgewinn genügte der DHB-Auswahl für den ersten Platz in der Qualifikationsgruppe, was in Bezug auf die EM im Januar 2026 in Dänemark, Schweden und Norwegen für die Setzliste von Bedeutung ist, um starken Gegnern in der Vorrunde zu entgehen. Juri Knorr erinnerte daran, dass man vor solchen Spielen gerade einmal zwei Tage Vorbereitung habe und „immer in einer neuen Gruppenkonstellation“ antrete. Und wann soll Gislason angesichts der künftigen Aufgaben neue Kräfte testen, wenn nicht in solchen Spielen? Zumal es auch ein positives Beispiel für diese Ausrichtung gab: Der Gummersbacher Rechtsaußen Mathis Häseler, ebenfalls U21-Weltmeister, hinterließ nicht nur wegen seiner vier Treffer einen ausgezeichneten Eindruck. Auch Linksaußen Tim Nothdurft blieb in seinem dritten Länderspiel mit drei Treffern fehlerlos.

Am Sonntag im finalen Qualifikationsspiel gegen Handballzwerg Türkei wird wohl nicht nur Torhüter Wolff eine Pause erhalten. Das gibt Gislason die Gelegenheit, weiteren Neulingen eine Chance zu geben. Er sollte sie nutzen.

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