Handball-Nationalmannschaft:Glanzlos nach Wien

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Handball EM: Lettland - Deutschland

14 Treffer bei 16 Versuchen: Nach drei Partien ist Julius Kühn, 26, der erfolgreichste Torschütze des deutschen Teams.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Mit einem mühevollen 28:27-Sieg über Lettland qualifizieren sich die deutschen Handballer für die EM-Hauptrunde. Kapitän Uwe Gensheimer rät vor der nächsten Partie gegen Weißrussland, die Ansprüche zu drosseln.

Von Joachim Mölter, Trondheim

Hauptsache gewonnen, Hauptsache weiter, alles andere war den deutschen Handballern am Montagabend erst einmal egal. In ihrem letzten Vorrundenspiel bei der Europameisterschaft waren sie noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Vor 3540 Zuschauern im Spectrum von Trondheim hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes 28:27 (16:11) gegen Lettland gewonnen, den zweiten EM-Neuling, mit dem sie es zu tun bekommen hat. Den ersten, die Niederlande, hatte sie am vorigen Donnerstag 34:23 bezwungen. Somit beendet die deutsche Mannschaft die erste Etappe des durch Norwegen, Österreich und Schweden führenden Turniers mit 4:2 Punkten. Zum nächsten Abschnitt, der Hauptrunde in Wien, nimmt sie allerdings bloß das Ergebnis gegen den ebenfalls vorrückenden Titelverteidiger Spanien mit, also 0:2 Punkte und 26:33 Tore.

"Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen, weil es noch einmal richtig eng wurde", gab Bundestrainer Christian Prokop nach dem Zittersieg über die Letten zu; Prokop sprach von einem "psychologisch schwierigen Spiel". Es war zumindest schwieriger, als es hätte sein müssen. Nach einem komfortablen Vorsprung (24:17/43. Minute) war seine Mannschaft in der letzten Viertelstunde drauf und dran, alles zu verspielen - den Sieg, das Weiterkommen, womöglich sogar Prokops Job.

"Wir müssen uns in vielen Bereichen steigern", resümierte Rechtsaußen Tobias Reichmann, der drei Siebenmetertore beigesteuert hatte: "Jedes Spiel ist jetzt ein Endspiel." Zum ersten kommt es am Donnerstag gegen Weißrussland, zum zweiten am Samstag gegen Kroatien, die beiden weiteren Hauptrundengegner werden erst am Dienstag ermittelt. Kapitän Uwe Gensheimer gab zu, "dass es hier noch nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben. Vielleicht tut es uns ganz gut, wenn wir nicht ganz so weit nach vorne schauen". Das vor der Europameisterschaft gesteckte Ziel, das Halbfinale, gerät jedenfalls zunehmend außer Sicht.

Vor der Partie in Trondheim hatte Prokop seine Mannschaft vor allem vor dem lettischen Linkshänder Dainis Kristopans gewarnt: "Er ist ein außergewöhnlicher Spieler, allein schon von seiner Erscheinung her." Mit seinen 2,14 Metern wäre der 29-Jährige selbst für einen Basketballer hochgewachsen, für einen Handballer ist er es noch mehr. Er überragt sogar den deutschen Innenblock mit den Zwei-Meter-Männern Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek. "Wir haben einen Plan, wie man ihn aus dem Spiel nehmen kann", versicherte Prokop.

"Wir müssen uns in vielen Bereichen steigern", fordert Rechtsaußen Tobias Reichmann

So viele Gedanken hätten sich die deutschen Handballer im Grunde gar nicht machen müssen. Kristopans steht zwar beim europäischen Topklub Vardar Skopje unter Vertrag, seine Nebenleute spielen aber bestenfalls für Zweit- und Drittligisten in Deutschland oder Frankreich. Selbst die Niederlande hatten im Duell der EM-Debütanten keine große Mühe mit den Letten gehabt und 32:24 gewonnen.

Erstaunlicherweise brauchte die deutsche Mannschaft trotzdem eine Viertelstunde, ehe sie sich absetzen konnte, von 6:6 auf 9:6. Danach schien freilich alles den erwarteten Gang zu nehmen. Vor allem der an diesem Abend besonders dynamische Julius Kühn sorgte dafür, dass der Vorsprung stetig wuchs. Mit insgesamt acht Treffern bei neun Versuchen war der Rückraumspieler der mit Abstand erfolgreichste Werfer der DHB-Auswahl. Linksaußen Gensheimer, Rechtsaußen Timo Kastening und Spielmacher Paul Drux brachten es auf je vier Treffer.

"Es sah lange gut aus", fand Drux, "aber dann kam ein Bruch ins Spiel." Im Angriff häuften sich unerklärlicherweise Fehlpässe und Fehlwürfe, und in der Abwehr taten sich plötzlich Lücken auf - nicht nur, weil die deutsche Mannschaft durch zwei Zeitstrafen innerhalb von nur zwölf Sekunden dezimiert war. "Es ist schwer, zu verteidigen, wenn man Vier gegen Sechs spielt", versuchte Drux zu erklären, warum die Letten immer näher heran kamen, erst auf drei Tore (25:22/50.), dann auf zwei (27:25/56.), und 50 Sekunden vor Schluss schließlich auf nur einen Treffer. Sehr viel länger hätte die Partie nicht mehr dauern dürfen, mit letzter Kraft rettete sich die DHB-Auswahl über die Zeit.

Dainis Kristopans, der vom Bundestrainer so gefürchtete Riese, hatte im Übrigen siebenmal ins Tor getroffen. Was immer Prokops Plan gewesen sein mag gegen den herausragenden Letten: So richtig hatten ihn die deutschen Handballer nicht aus dem Spiel nehmen können.

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