Handball-Nationalteam:Bangen bis zum ersten Wurf

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Handball: Alfred Gislason beim Spiel Rhein-Neckar Löwen gegen den THW Kiel

Erfolgstrainer beim THW Kiel, als Bundestrainer muss er sich in Geduld üben: Alfred Gislason

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Seit acht Monaten ist Alfred Gislason Bundestrainer der deutschen Handballer - spielen konnte er mit seinem Team bisher nicht. Nun soll sein Debüt nach einer weiteren Zitterpartie stattfinden.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

Am Sonntagabend war Alfred Gislason zum ersten Mal als Handball-Bundestrainer Studiogast in der ARD-Sportschau, und sein erster Satz lautete: "Mir bleibt nichts erspart." Hätte sich der 61 Jahre alte Isländer in seinem Leben jemals ausgemalt, als deutscher Bundestrainer in der Sportschau zu gastieren, dann wäre ihm ein derart dahingeseufzter erster Satz bestimmt nie eingefallen.

Es wäre ihm aber natürlich auch nie eingefallen, dass sein erstes Länderspiel (im vergangenen März) in Magdeburg gegen die Niederlande kurzfristig abgesagt wird, dass er danach als Bundestrainer acht Monate nichts zu tun hat und dass auch seinem nächsten geplanten Länderspiel-Debüt am Donnerstag in Düsseldorf gegen Bosnien-Herzegowina womöglich die Absage droht. Deshalb waren Gislasons erste vier Wörter in der Sportschau der Lage und der Ungewissheit durchaus angemessen. "Eigentlich ist es ein Traumjob", sagte er: "Wenn man endlich mal spielen könnte."

Eineinhalb Wochen ist es her, dass die Klubs der Handball-Bundesliga überlegt hatten, die nächsten Länderspiele zu boykottieren, weil sie nicht sicher sein konnten, dass ihre Handballer nach dem zweiten Spiel in dieser Woche am Sonntag in Tallinn/Estland nicht womöglich in Quarantäne müssen. Der Boykott ist vom Tisch, am Montag war Anreisetag für die Nationalspieler in Neuss. Aber sicher ist Gislason trotzdem nicht, dass das Spiel angepfiffen wird im ISS-Dome im Düsseldorfer Norden.

Erstens weiß niemand, wie viele positive Fälle bis dahin im deutschen Handballteam auftreten könnten, und zweitens weiß erst recht niemand, ob die Bosnier wirklich anreisen. Ihren Lehrgang in Sarajewo haben sie zwar begonnen, nach Angaben des bosnischen Verbands kamen jedoch nur 14 Spieler zusammen, zwölf mussten wegen positiver Coronatests oder Quarantänemaßnahmen passen. Der Auftaktgegner der DHB-Auswahl in der EM-Qualifikation für 2022 beantragte bei der Europäischen Handball-Föderation (EHF) bereits die Verlegung der Partie, scheiterte aber mit dem Begehren. Das Spiel so wie geplant stattfinden.

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Was alles passieren kann, das zeigt exemplarisch auch der Fall Leipzig. Der Trainer des Bundesligisten SC DHfK, André Haber, ist positiv auf Corona getestet worden, weshalb nun das ganze Team in Quarantäne ist und der wichtigste deutsche Nationalspieler für den zentralen Rückraum, Philipp Weber, nicht zur Nationalmannschaft reisen konnte. Gislason hat Weber für Donnerstag oder Sonntag allerdings nicht ganz abgeschrieben. "Ich hoffe, dass er nach zwei negativen Tests noch nachkommen kann", sagt der Bundestrainer. In der Zwischenzeit meldeten die Leipziger aber drei weitere Corona-Fälle in der Mannschaft.

Nicht nach Düsseldorf kommen wird wegen der Infektionslage vorsichtshalber der für den polnischen Meister Kielce spielende Torwart Andreas Wolff. Er ist zwar corona-negativ, es gibt aber ein paar positive Fälle in seiner Mannschaft. Deshalb bleibt Wolff dort. Rückraumspieler Christian Dissinger, der bereits von seinem Klub Vardar Skopje angereist war, wurde am Montag zur Rückreise nach Nordmazedonien geschickt - aufgrund mehrerer Corona-Fälle im Umfeld seines Vereins. Dissinger war zwar schon im Quartier der Nationalmannschaft eingetroffen, soll nach Verbandsangaben aber keinen Kontakt zu DHB-Spielern gehabt haben.

Dass auch der für den rechten Rückraum vorgesehen Steffen Weinhold nicht zur Nationalmannschaft kommt, liegt daran, dass der Kieler sich bereits am vorvergangenen Samstag eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Für Wolff und Weinhold nominierte Gislason den Wetzlarer Torwart Till Klimpke und den Berliner Rückraumspieler Paul Drux nach.

Dass die Vorbereitung auf die ersten beiden Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft im Januar 2022 in Ungarn und der Slowakei nicht optimal verläuft, hat Gislason schon akzeptiert. Am Montag sollten sich alle Spieler einem Test unterziehen, am Dienstag will Gislason Abwehr trainieren und am Mittwoch Angriff. Es ist aber ohnehin alles ein bisschen fragwürdig und zweifelhaft, denn man wird trainieren, ohne zu wissen, ob es auch wirklich zu den beiden Spielen kommt. Außerdem, sagt Gislason, "kommen die Spieler mit einer hohen Belastung zu mir". Sie haben die ersten Ligapartien in den Knochen und müssen darüber hinaus verarbeiten, dass ab sofort keine Zuschauer mehr zu den Spielen zugelassen sind und ihre Vereine darum wirtschaftlich weiterhin sehr stark belastet werden. Da wird die absolute Konzentration auf die Länderspiele schon schwerfallen.

"Ich verstehe die Sorgen der Spieler gut", sagt Gislason und nimmt damit Bezug auf explizit geäußerte Zweifel einiger seiner Auswahl-Handballer. Der Kieler Kreisläufer Hendrik Pekeler hatte die Länderspiele als "nicht sinnvoll und nicht zumutbar" bezeichnet, "zumal wir nicht wissen, wie intensiv und genau woanders getestet wird". Der Kapitän Uwe Gensheimer fragte, "ob es in dieser Phase der Saison sinnvoll ist, dass die Nationalspieler kreuz und quer durch Europa reisen?" Niemand könne abschätzen, wie sich die Lage entwickele: "So besteht die Gefahr, dass Spieltage in der Bundesliga abgesagt werden müssen." Zehn EM-Qualifikationsspiele sind von der EHF bereits abgesetzt worden; eine generelle Absage lehnte der Verband bislang jedoch ab.

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