Süddeutsche Zeitung

Handball:Der Abstand zum Weltmeister ist groß

Lesezeit: 3 min

Zwei Niederlagen der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Dänemark im EHF Euro Cup offenbaren, dass vor der Heim-EM im kommenden Januar noch viel Aufholarbeit zu leisten ist.

Von Ralf Tögel

Absolut endgültig ist auch dieser Rücktritt nicht. Wenn Not am Mann ist, dann würde Johannes "Jogi" Bitter immer helfen. Ehrensache. Das hat er Axel Kromer, dem Sportvorstand des Deutschen Handballbunds (DHB), versichert. Doch die Dienste des mittlerweile 40-jährigen Weltmeisters von 2007, jenem Jahr, als die deutschen Handballer mit Bitter im Tor das Wintermärchen schrieben, werden nicht mehr vonnöten sein. Denn Nachfolger Andreas Wolff hat sich am Wochenende als einer der wenigen Nationalspieler im Team von Bundestrainer Alfred Gislason erwiesen, der die starke Form der Weltmeisterschaft im vergangenen Januar konservieren konnte. Dennoch ist nach dem 23:30 in Aalborg vom Donnerstag auch das zweite Testspiel gegen Weltmeister Dänemark im EHF Euro Cup verloren gegangen: In Hamburg unterlag die DHB-Auswahl chancenlos mit 21:28 Toren. Neben Wolff, der wie schon im Hinspiel ein Debakel verhinderte, wusste lediglich Spielgestalter Juri Knorr zu überzeugen.

Nach der Partie kam bei den 12 132 Zuschauern in der ausverkauften Barclays Arena dank der Verabschiedung Bitters nochmals Stimmung auf. Vorher gab es eher wenig zu feiern. Bitter war ja eigentlich schon nach Olympia in Tokio 2021 zurückgetreten, wurde für die chaotische Corona-EM im Vorjahr, als unter anderen die Torhüter reihenweise infiziert ausfielen, unverhofft reaktiviert und war direkt aus dem Urlaub eingeflogen. Nun also ist nach 175 Länderspielen in 20 Jahren (mit ein paar Unterbrechungen) endgültig Schluss mit einer großen Karriere, deren "Ausreißer nach oben", der WM-Titel im eigenen Land sowie die Olympia-Teilnahmen in Peking und Tokio waren, wie er selbst sagte. Beim Erstligisten HSV Hamburg, seinem Arbeitgeber, habe er indes noch einiges vor sich.

Das kann man auch für die deutsche Auswahl nach ihren beiden Auftritten sagen, soll die avisierte Medaille bei der Heim-EM im kommende Januar kein Wunsch bleiben. Der EHF Euro Cup wurde für die vorzeitig qualifizierten Teams geschaffen, um hochkarätig testen zu können. Gastgeber Deutschland tritt neben Weltmeister Dänemark auch gegen Europameister Schweden und den EM-Zweiten Spanien an, ist vor den Rückspielen gegen Schweden und Spanien Ende April punktlos Letzter - und hinterließ in Hamburg große Ernüchterung.

Lediglich Spielmacher Juri Knorr, der mit neun Treffern bester Schütze ist, zeigt eine ansprechende Leistung

Natürlich ist Dänemark, das kürzlich als erstes Team zum dritten Mal in Folge den Titel gewann, der derzeit größtmögliche Prüfstein. Allerdings nutzte Trainer Nikolaj Jacobsen die Vergleiche, um Nachwuchsspieler zu testen. Und im Gegensatz zu Gislason kann der dänische Trainer auf eine Ansammlung Hochtalentierter blicken, die der DHB-Auswahl weit einteilt ist. Akteure wie die Rückraumspieler Thomas Arnoldsen, Simon Pytlick oder Mathias Gidsel sind alle Anfang zwanzig, das Gros der Mannschaft nicht viel älter. Zudem haben die Dänen eine ganze Reihe starker Routiniers in der Hinterhand, Jacobsen verzichtete auf acht Weltmeister - ein Luxus von dem der DHB-Trainer nur träumen kann.

"Das war weit weg von dem, was ich sehen wollte", hatte Gislason schon nach Pleite in Aalborg festgestellt, auch nach dem Rückspiel in Hamburg sprach er von "großer Ernüchterung". Neben Juri Knorr strahlte kein Akteur wirkliche Torgefahr aus: Der Spielgestalter setzte immer wieder Nebenleute oder Kreisläufer ein und traf selbst neunmal. Aber der 22-jährige Knorr war allein auf weiter Flur, vor allem im Rückraum fehlte es an Durchschlagskraft. Immerhin fielen Lukas Stutzke mit seinen vier Treffern aus dem Rückraum und Kai Häfner (drei Treffer) phasenweise positiv auf. Gislason hatte auf den "Flow aus dem Januar" gehofft, musste aber frustriert feststellen, dass dieser Angriffsschwung verpufft ist: "Wir haben extrem viele freie Würfe verballert." Auch das gute Kreisspiel, bei der WM noch ein Trumpf im deutschen Spiel, wurde von den Dänen leicht verhindert.

Die DHB-Abwehr, die im Training klar im Fokus gestanden habe, so Gislason, war mit dem Tempo im dänischen Angriffsspiel völlig überfordert. Weil Julian Köster erkältet fehlte, der bei der WM mit Kapitän Johannes Golla noch einen starken Innenblock gebildet hatte, testete Gislason Alternativen. Doch weder Stutzke, noch Marian Michalczik oder Tim Zechel überzeugten. Gislason hat mit diesen beiden Spielen die Vorbereitung auf die Heim-EM im Januar eröffnet, Ende April stehen die letzten beiden Spiele im Euro Cup in Schweden und gegen Spanien an. Der DHB-Trainer schenkt erklärtermaßen den Spielern das Vertrauen, die bei der WM den guten fünften Platz erreichten. Nach diesen beiden Auftritten dürfte er sich auch mit einer Erweiterung des Kaders befassen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5767542
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.