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Coronavirus:Handballer, die mit Maske spielen müssen

Handball, Spanien, CB Ademar Leon - Balonmano Sinfin, Komplettes Spiel mit Masken LE& 211;N, 10/10/2020.- El jugador del

Bizarre Szenen: Beim Erstliga-Spiel zwischen CB Ademar Leon und Balonmano Sinfin mussten die Spieler Schutzmasken tragen.

(Foto: J.Casares/imago images)

In Spaniens erster Liga dürfen Profis erstmals nur mit Mund-und-Nasenschutz auflaufen. Das führt bei den Spielern zu Atemnot - und zu harscher Kritik an der Politik.

Von Carsten Scheele

Erwin Feuchtmann ist auch in Deutschland ein kleiner Held des Handballs. Zwar spielt er zusammen mit seinen Brüdern Emil und Harald für die chilenische Nationalmannschaft; weil er aber einen deutschen Großvater hat und auch schon in der Bundesliga aktiv war, wurde er bei der WM 2019 in der Kölner Arena mit lautstarken "Erwin, Erwin"-Rufen gefeiert. Aktuell läuft Erwin Feuchtmann, 30, für den spanischen Erstligisten Ademar León auf, und war am Sonntag mittendrin in einer absurd anmutenden Versuchsanordnung, über die nun die ganze Handballgemeinde spricht.

Feuchtmann stand auf der Platte, als die Profis von Ademar León und Balonmano Sinfín nur mit Mund-und-Nasenschutz ihrem Job nachgehen durften. Kurz vor der Partie hatten die Behörden der Region Castilla y León verfügt, dass Kontaktsport in geschlossenen Räumen wegen der Corona-Pandemie nur noch mit Maskenschutz ausgeübt werden kann. Also auch beim Handball. Die Infektionszahlen in Spanien sind hoch, Tendenz steigend, deshalb die neue Maßnahme, obwohl die Erstligaspieler ohnehin wöchentliche Corona-Tests absolvieren.

Das führte zu irritierenden Bildern. Die Masken rutschten den Spielern während der Partie wild im Gesicht herum; der eine trug sie unter der Nase, der andere am Kinn. Einem weiteren Spieler rutschte das vom Atmen durchweichte Stückchen Stoff, nach einem beherzten Zugriff des Abwehrspielers, ganz vom Gesicht und musste nach dem Angriff wieder hinter den Ohren befestigt werden.

"Leute, die so etwas entscheiden, sind einfach nur Idioten"

Entsprechend deftig fiel auch die Kritik aus, die Feuchtmann dem Sender Sport1 gegenüber äußerte. Viele Spieler hätten unter der Maske schwere Atemprobleme gehabt. "Denen wurde schlecht, die waren kurz vorm Kollabieren. Ist ja logisch, wenn du die ganze Zeit deinen eigenes Kohlendioxid einatmest", sagte Feuchtmann. Am schlimmsten sei es in der zweiten Halbzeit gewesen, "da haben die meisten die Maske fast schon ganz unten gehabt". Was die Maßgabe der Behörden also bewirkte, war nicht ganz ersichtlich.

Schließlich kamen sich die Spieler trotzdem körperlich sehr nahe und krachten mit ihren Oberkörpern aneinander - diesmal eben mit verrutschtem, durchnässtem und auch klebrigem Mund-und-Nasenschutz, weil die Profis mit ihren vom Harz zugepappten Händen große Probleme hatten, das Stoffstück wieder von ihren Fingern zu bekommen. Für Sinfíns Coach Victor Montesinos war die ganze Szenerie "surreal, da die Spieler 60 Minuten vollen Körperkontakt hatten und die Maske so kaum eine Ansteckung verhindern konnte". Interessant gestaltete sich die Versuchsanordnung auch für die Schiedsrichter, die sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden konnten: Entweder sie schoben ihre Trillerpfeife vor jedem Pfiff unter die Maske. Oder sie behielten die Pfeife die ganze Halbzeit über im Mund.

Feuchtmann griff die behördliche Anordnung scharf an. "Das war eine der dümmsten Entscheidungen der Politik", echauffierte sich der Rückraumspieler: "Leute, die so etwas entscheiden, das derart an der Realität vorbeigeht, sind einfach nur Idioten." Dass nur das Spiel in León betroffen war und Tabellenführer FC Barcelona wenige Stunden zuvor ohne Schutzmaßnahmen gegen Valladolid antreten durfte, sorgte für weiteres Unverständnis. Doch aus Barcelona kam sogleich Unterstützung: Der Däne Caspar Ulrich Mortensen kommentierte ein Video des Spiels bei Twitter mit drei Smileys, die sich jeweils die Hand vor die Stirn klatschten.

Feuchtmann und sein Team drohen mit Boykott

In Deutschland ist ein ähnliches Szenario kaum denkbar, das hat Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), bereits ausgeschlossen. Eher würde man den Spielbetrieb einstellen, als die Spieler mit Maskenschutz auf die Platte zu schicken. Auch Holger Glandorf, der bei der SG Flensburg-Handewitt die Coronamaßnahmen koordiniert, zeigte sich entsetzt. Er könne sich "gar nicht vorstellen, darunter Luft zu bekommen", sagte Glandorf dem NDR.

Eine Annahme, die Erwin Feuchtmann bestätigen kann. Er schloss bereits aus, dass die Mannschaft von Ademar León ein zweites Mal mit Mund-und-Nasenschutz auflaufen wird. "Das nehmen wir nicht hin", sagte Feuchtmann, die Behörden haben nun immerhin etwas länger Zeit, über die viel kritisierte Maßnahme zu beraten. Denn das kommende Liga-Heimspiel von Ademar León muss wohl verschoben werden: Beim Gegner Morrazo Cangas wurden gleich mehrere Spieler positiv getestet.

© SZ vom 14.10.2020/ebc
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