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Handball-Pokalsieger Lemgo:Der große Coup des Unterdogs

TBV Lemgo Lippe v MT Melsungen - REWE Final4 2020

Lemgo reckt den Pokal in die Höhe - wer hätte das vorher gedacht?

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Gegen alle Wahrscheinlichkeiten gewinnen die Handballer des TBV Lemgo-Lippe den DHB-Pokal - weil die Mannschaft zum besten Zeitpunkt weit über sich hinaus wächst.

Von Carsten Scheele

Auf die Handballer des TBV Lemgo-Lippe warten nun schwere Tage. Sie dürften, sie werden, nein: Sie müssen eigentlich in ein Loch fallen. Wer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen derart eindrucksvoll über dem Limit agiert, der muss irgendwann im harten Alltag aufschlagen. Doch das ist den Lemgoern gerade aber herzlich egal: Sie sind Pokalsieger, jetzt wird gefeiert.

19 Jahre nach dem bisher letzten Pokalerfolg (2002) und 18 Jahre nach dem letzten Meistertitel (2003) hat der merklich geschrumpfte frühere Spitzenklub die ganze Handballbranche verwundert: Lemgo hat das mit mehr als einem Jahr Verspätung ausgetragene Turnier um den DHB-Pokal 2020 gewonnen, am Freitagabend mit 28:24 (15:12) gegen MT Melsungen; einen Klub mit etlichen deutschen Nationalspielern, der den Lemgoern eigentlich hätte überlegen sein müssen.

Der Sieg im Finale war sogar nur die zweitgrößte Überraschung, tags zuvor hatte Lemgo im Halbfinale bereits den großen THW Kiel bezwungen, 29:28 nach Sieben-Tore-Rückstand zur Halbzeit, ein Ding also, dass es im Handball eigentlich gar nicht gibt. Zwei Siege als Underdog gegen finanziell deutlich potentere Gegner brachten Trainer Florian Kehrmann nah an den Rand der Fassung: "Der Handballsport ist unglaublich. Ich bin einfach begeistert."

Für Kehrmann ist es der erste Titel als Trainer. Beim letzten Lemgoer Pokalsieg stand der frühere Rechtsaußen, der 2014 seine Spielerkarriere beendet hat, noch als Kapitän auf der Platte, in der gleichen Halle wie damals. "Ich bin hier Meister und Pokalsieger geworden als Spieler, habe in Hamburg meinen ersten Sieg als Lemgo-Trainer gefeiert", sagte Kehrmann in der ARD: "Jetzt ist endgültig, dass es meine Halle wird."

"Glaube versetzt Berge", sagt Lemgos Kreisläufer Christoph Theuerkauf

Nur die wenigsten hätten bei diesem Starterfeld vor Beginn des Final-Four auf Lemgo gesetzt. Da war schließlich der THW Kiel, der Allesgewinner und große Favorit. Die MT Melsungen, die auch MT Deutschland genannt wird, weil so viele deutsche Nationalspieler hier unter Vertrag gehen. Nicht zuletzt die TSV Hannover-Burgdorf, die zum dritten Mal in Serie das Final-Four erreicht und sich den Ruf als Pokalspezialist erworben hatte.

Doch es war Lemgo, der Tabellenelfte der Bundesliga, der in den vergangenen Jahren häufiger gegen den Abstieg kämpfen musste, der sich sogar verdient durchgesetzt hat. Die Mannschaft hatte - ab der zweiten Halbzeit gegen Kiel - über zwei Tage hinweg in allen entscheidenden Situationen die Nerven behalten. "Glaube versetzt Berge. Ich bin so froh, dass wir uns als Mannschaft belohnt haben", sagte Kreisläufer Christoph Theuerkauf, der nach dem Spiel ergriffen auf einem Podium in der Hallenmitte saß und zusammen mit Trainer Kehrmann den Feierlichkeiten der Kollegen zusah. Theuerkauf attestierte sich selbst prophetische Fähigkeiten. Er habe die Auslosung im Oktober 2019 gesehen und anschließend den Pokaltitel vorhergesagt. "Ihr haltet mich alle für bescheuert", erklärte Theuerkauf, "aber ich habe das gesagt. Ich habe das jedem gesagt."

TBV Lemgo Lippe v MT Melsungen - REWE Final4 2020

Ergriffen nach dem Triumph: Christoph Theuerkauf (links) und Trainer Florian Kehrmann.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Auf Seiten der MT Melsungen war die Trauer dagegen groß. Der Klub will hoch hinaus, nie war die Chance so groß auf den ersten großen Titel der Vereinsgeschichte, sie wurde vergeben. "Wir waren alle heiß und wollten das Ding holen", berichtete Nationalspieler Kai Häfner: "Aber dann kommt man in einen Strudel hinein, in dem keine Angriffsaktion funktioniert und dann wird es schwierig." Torwart Silvio Heinevetter sagte: "Ich bin unfassbar traurig und ein bisschen leer."

Ein Sonderlob erhielt dagegen Lemgos junger Torwart Finn Zecher, der verletzungsbedingt eine schwere Saison durchlitten hatte, im Finale aber elf Paraden zeigte und die Melsunger verzweifeln ließ. "Mich freut es ganz besonders für den Jungen. Er war über das ganze Jahr vom Pech verfolgt", berichtete Kehrmann: "Ich habe den ganzen jungen Spielern gesagt: Irgendeiner wird über sich hinauswachsen müssen."

Im Finale war es Zecher, der 20-jährige Torwart spielt mit seiner Mannschaft im kommenden Jahr nun unerwartet im Europapokal. "Keiner hat geglaubt, dass wir Kiel besiegen und keiner dachte, dass wir Melsungen schlagen", sagte Zecher und kam zu dem einzigen logischen Schluss, der all dies erklärte: "Wir haben den Pokal geholt, weil wir einfach eine geile Mannschaft sind."

© SZ
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