Es rappelt in der Handball-Bundesliga, in der es sonst ja eher friedlich zugeht, hier kurz die Geschehnisse im Zeitraffer: Da bekommt ein Klub wegen finanzieller Schwierigkeiten erst Auflagen erteilt, dann die Lizenz entzogen; ein zweiter Verein, der absteigen sollte, freut sich, weil er offenbar in der Liga bleiben kann. Dann zieht jedoch der erste Klub vor Gericht, erhält wegen eines Formfehlers Recht – weshalb der zweite Verein doch Zweitligist werden muss. Und ebenfalls klagt.
Der erste Klub, das ist der Handball Sport Verein Hamburg, kurz genannt HSVH, weil das Team mit den prominenten Fußballern der Stadt nichts mehr gemein hat, außer, dass man direkt nebeneinander in den großen Arenen spielt. Der Verein hat bewegte Zeiten hinter sich, 2013 war man noch Champions-League-Sieger, es folgten jedoch Insolvenz, Lizenzentzug und der Neuaufbau in der dritten Liga. Seit der Rückkehr in die Bundesliga sind die Zeiten der finanziellen Sorglosigkeit der Hamburger wieder vorbei – und hier beginnt die Geschichte.
Im April erhielt der HSVH die Lizenz nur unter Auflagen. Als diese Anfang Mai nicht fristgerecht erfüllt wurden, entzog die Handball-Bundesliga (HBL) die Lizenz. Die Frist wurde offenbar nur um eine Stunde verpasst, doch ein erster Einspruch scheiterte. Nutznießer des Zwangsabstiegs wäre zu diesem Zeitpunkt der Bergische HC gewesen, der Erstligist der Städte Solingen und Wuppertal, eigentlich erster Absteiger, der nun in der Liga bleiben sollte. Die Bergischen hatten den Lizenzprozess der Hamburger kritisch verfolgt, forderten sogar eine Offenlegung der Unterlagen, um zu verhindern, dass der HSVH mit einem blauen Auge davonkommt. Die HBL reagierte erbost. Geschäftsführer Frank Bohmann sagte, der BHC „diskreditiert die Lizensierungskommission“, um eigene Fehlentscheidungen zu kompensieren. „Rufschädigend“ sei das, antwortete der Bergische HC.
Als letzte Möglichkeit, den Lizenzentzug abzuwenden, riefen die Hamburger ein Schiedsgericht an – und bekamen tatsächlich Recht, weil der Liga bei der Setzung der Frist ein Formfehler unterlaufen war. Hamburg war wieder Erstligist, musste jedoch bis zu diesem Mittwoch eine Bürgschaft von rund drei Millionen Euro auf dem Konto der HBL hinterlegen, was dem Klub am Dienstag gelungen ist. Am Mittwoch gab die HBL final grünes Licht. Der Bergische HC ist damit sportlich abgestiegen.
Im Jahr 2014 wurde die Liga auf 19 Vereine aufgestockt
Diese Wendung brachte den Klub um Geschäftsführer Jörg Föste so richtig auf Hundertachtzig. Der HSVH nehme „nachweislich seit mehr als einer Saison entgegen den für alle Klubs geltenden finanziellen Regeln am Spielbetrieb teil“, teilte der BHC mit: „Richtigerweise hätte die Lizenz für diese Saison nicht erteilt, jedenfalls aber schon längst entzogen werden müssen.“ Das Ergebnis: Am Montag reichte der Klub weitere Anträge sowie Eilanträge beim Schiedsgericht ein, weil die Lizenzvergabe an die Hamburger „den Zielen der Lizenzierung, verlässliche und glaubwürdige Management- und Finanzstrukturen auszubauen, diametral entgegen“ stehe.
Die Hamburger konterten kühl. Torwart Johannes Bitter sprach von „großer Erleichterung“, weil die Mannschaft von Trainer Torsten Jansen zuletzt „einen riesigen Rucksack mit sich rumgeschleppt“ habe. Nun könne man endlich für die nächste Saison planen. Und der Einspruch des BHC? Man lebe ja in einem Rechtsstaat, sagte Bitter bei Dyn: „Da hat jeder das Recht, das zu tun, was er möchte, was im Rahmen der Regeln ist.“ Mehr als „ein Geräusch am Rande“ sei das aber nicht.
So sind in der deutschen Handballliga die Zeiten des friedlichen Miteinanders, das noch während der Corona-Pandemie herrschte, erst mal vorbei. Klubs zerren einander vor Gericht, die Vorwürfe gehen hin und her, auch unbeteiligte Vereine äußern sich und kritisieren den gesamten Prozess, der so viel Aufsehen erregt. Der Fall sei „furchtbar für alle Beteiligten“, sagte Stefan Kretzschmar, der Geschäftsführer der Füchse Berlin. Auch vom deutschen Meister aus Magdeburg kam Kritik, Geschäftsführer Marc-Hendrik Schmedt sagte bei Dyn: „Wenn ich sehe, dass wir alle 38 Vereine einen Schiedsvertrag unterschreiben und uns auf ein Prozedere verständigen, dann muss das auch Rechtsbestand haben.“ Das Lizenzierungsverfahren müsse auf den Prüfstand.
Zur Erinnerung, im Jahr 2014 gab es eine ähnliche Situation, auch damals war der HSV Hamburg beteiligt, noch unter dem Mäzen Andreas Rudolph, der den Klub ein Jahr zuvor unter erheblichen finanziellen Zuwendungen bis zum Champions-League-Titel gepusht hatte. Der HSVH hatte die Lizenz wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten nicht erhalten, sich aber erfolgreich zurückgeklagt. Da die Liga den Absteiger HBW Balingen-Weilstetten, der sich zwischenzeitlich gerettet fühlte, nicht bestrafen wollte, wurde die Liga um einen Verein aufgestockt – auf 19 Klubs, mit Hamburg und Balingen.
Dass es diesmal zu einem ähnlichen Szenario kommt, ist nicht ausgeschlossen. Das Schiedsgericht wies am Mittwoch zwar die Eilanträge des BHC zurück, ein anderer Antrag liegt dem Schiedsgericht allerdings noch vor. Eine endgültige Entscheidung wird Mitte Juni erwartet.


