Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handballbunds (DHB) höchstselbst hat kürzlich erklärt, dass München im Handball neue „Maßstäbe setzen“ werde. Mark Schober lobte die bayerische Landeshauptstadt als „Standort mit großer Tradition“, der herausragende Fan-Erlebnisse zu bieten habe. Natürlich sprach Schober von der deutschen Nationalmannschaft, die bei der Heim-Weltmeisterschaft im kommenden Januar im bereits ausverkauften SAP-Garden im Münchner Olympiapark ihre Vorrundengruppenspiele bestreiten wird.
Um sich an Vereinshandball erster Güte in München zu erinnern, muss man hingegen nicht nach vorn, sondern weit in die Vergangenheit blicken: in die späten Achtziger und frühen Neunziger, als sich die Spitzenteams MTSV Schwabing und TSV Milbertshofen heiße Duelle lieferten. Beide gewannen jeweils einmal den deutschen Pokal, wurden Vizemeister, Milbertshofen gewann 1991 sogar den Europapokal der Pokalsieger. Dann verschwanden beide Klubs nach krachenden Insolvenzen von der Bildfläche – und mit ihnen die Stadt München aus dem Profihandball.

Auch Dominik Klein will in München nun neue Maßstäbe setzen. Der frühere Nationalspieler, mittlerweile 42 Jahre alt, hat die Vision, Profihandball in der Landeshauptstadt wieder zu etablieren. Und der Weltmeister von 2007 ist überzeugt davon, dass die Stadt und das Umland beste Möglichkeiten dafür bieten. In München ist jede Halle mit Spitzenhandball im Handumdrehen voll zubekommen, jüngstes Beispiel war der Supercup im August des Vorjahres, als sich die Füchse Berlin und der THW Kiel vor 11 000 Zuschauern im SAP Garden duellierten. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten in der bayerischen Metropole sind groß, auch die Dichte an Handballvereinen in Stadt und Region ist vorhanden– allerdings nur im Amateursport.
Daher hat Klein zusammen mit Steffen Weinhold, ebenfalls ehemaliger Nationalspieler und Europameister von 2016, die Handballgemeinschaft (HG) München aus der Taufe gehoben. Die Idee hinter dem Projekt ist so einfach wie ambitioniert: Bisher mussten sich die größten Talente aus der Region verabschieden, um ihren Sport professionell auszuüben, ein bekanntes Beispiel ist Stefan Seitz. Der U21-Weltmeister und gebürtige Münchner wurde in Allach und Fürstenfeldbruck ausgebildet, spielt mittlerweile bei Eisenach in der Bundesliga und wurde für die EM 2026 von Bundestrainer Alfred Gislason in den Perspektivkader berufen. Es gibt viele solche Spieler, die einem Bundesligisten gut zu Gesicht stehen, dies mangels Perspektiven aber in der Fremde tun.
Nächste Saison spielt die HG in Bruck, dann soll der Umzug nach München erfolgen
Lediglich der TuS Fürstenfeldbruck konnte im vergangenen Jahrzehnt an die Pforten des professionellen Sports klopfen, spielte beständig und erfolgreich in der dritten Liga und krönte dieses Engagement 2020 mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga. Es blieb beim Abenteuer, denn die Brucker Panther stießen als Amateurverein sowohl sportlich als auch wirtschaftlich schnell an ihre Grenzen – und stiegen wieder ab. „Wir waren die letzten, die es als Amateurmannschaft bis in die zweite Liga geschafft haben“, erinnert der langjährige Brucker Trainer Martin Wild, der den Verein in jahrelanger Arbeit nach oben geführt hatte.
Nach seinem Abschied und einem großen Umbruch dümpelt der TuS aktuell am Tabellenende der 3. Liga und wird wohl in die Regionalliga absteigen. Und hier kommt die HG München ins Spiel: Klein, Weinhold und Wild kennen sich seit Jahren, hatten schon vor langer Zeit die Idee, den Münchner Profihandball zu reanimieren, nun soll es so weit sein: Am Montag verkündete das Trio die Fusion zur Handballgemeinschaft München-Fürstenfeldbruck, womit die Spielgemeinschaft ihrer Idee sofort gerecht wird, wie Wild erklärt. Denn ein Abstieg in die Viertklassigkeit würde wohl das sportliche Ende des TuS bedeuten, weil sich die größten Talente dann höherklassigen Klubs angeschlossen hätten.
Stattdessen soll mit der sportlichen Expertise der ehemaligen Nationalspieler und der Professionalität der HG der schnelle Wiederaufstieg angegangen werden, wofür auch Verstärkungen geholt werden, wie Klein wissen ließ. Eine Win-win-Situation, denn die HG hätte sonst den Spielbetrieb in der untersten Klasse beginnen müssen. Fernziel ist die Erstklassigkeit, erklärt Weinhold, wofür „erst die sportlichen und wirtschaftlichen Strukturen geschaffen werden müssen“. Für die wirtschaftliche Seite ist HG-Geschäftsführerin Lisa Bieberbach zuständig, die sich als Managerin und Betriebswirtin „immer gewundert“ habe, dass man bei diesem großen Handballinteresse kein „Produkt entwickeln kann, das passt“.

In der Tat klingt der Ansatz vielversprechend. Das Duo Klein, der nicht zuletzt als ARD-Experte ein sehr bekanntes Gesicht in der Szene ist, und Weinhold, 39, hat große Strahlkraft und ist bestens vernetzt. Zudem sei das Projekt beim Gros der Münchner Klubs auf große Zustimmung gestoßen, wie Klein sagt. Ein Beirat mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Sport ist bereits gegründet sowie im Funktionsbekleidungsunternehmen Haix der erste neue Sponsor an Bord. In der ersten Saison werden die Spiele in der Wittelsbacher Halle in Fürstenfeldbruck ausgetragen, der Verein bringt neben dem Mannschaftskern seine Sponsoren wie auch die große Fangemeinde ein. Dann wird die Halle saniert, die Münchner Panther werden in die Landeshauptstadt umziehen, eine Spielstätte gilt es noch zu finden. Man befinde sich aber „bereits in Gesprächen mit der Stadt“, so Weinhold.
In absehbarer Zukunft soll dann die zweite Mannschaft des TuS weiter in Fürstenfeldbruck spielen und möglichst hochklassig den Unterbau für die Spielgemeinschaft bilden, die HG plant zudem eine Frauenmannschaft sowie Jugendteams. Es werde aber auch „Event-Spiele“ der Profis in Bruck geben, verspricht Wild, der das Projekt von TuS-Seite sportlich verantwortet.
Es ist nicht der erste Versuch in diese Richtung, bisher allerdings blieb jeder Ansatz erfolglos. Bedarf für einen Münchner Handball-Bundesligisten sieht man im Übrigen nicht nur in der Region: „Ich finde es großartig, dass versucht wird, Profihandball in München zu etablieren“, sagt Bob Hanning. Der ehemalige DHB-Vizepräsident und Macher der Füchse Berlin hat reichlich Erfahrung darin, Erstligisten in Metropolen zu formen. Hanning leistete beim HSV Hamburg essenzielle Anschubhilfe, der HSV wurde später deutscher Meister und gewann 2013 sogar die Champions League. Anschließend formte Hanning aus den Reinickendorfer Füchsen eine der weltbesten Mannschaften.
„Es ist nicht so leicht, in einer Metropole ein solches Projekt zu stemmen, da hat man nicht so viel Zeit wie in einer kleineren Stadt“, erklärt Hanning: „Ich weiß aber aus Hamburg und Berlin, dass es geht.“ Hanning sagt, er könne nur hoffen, dass es gelingt, denn: „Die Bundesliga könnte München gut gebrauchen. Meine Stimme haben sie.“

