Handball-Nationalmannschaft der Frauen:Individuell gestärkt, aber rätselhaft als Team

Trier, Deutschland 10. Oktober 2021: EHF EM 2022 Qualifikation - Deutschland vs. Belarus v.li. Iryna Mokat (Belarus), E; Emily Bölk

Kapitänin Emily Bölk (Mitte) spielt beim Spitzenklub Ferencváros Budapest, blieb gegen Belarus aber ohne Tor

(Foto: Marco Wolf/Wolf-Sportfoto/Imago)

Das 24:24 der deutschen Handballerinnen gegen zweitklassige Belarussinnen wirft die Frage auf, ob unter Bundestrainer Henk Groener wirklich Fortschritte möglich sind. Das Team steht nun gleich doppelt unter Druck.

Von Ulrich Hartmann, Trier/München

Die markanten ersten Takte vom "Eye of the Tiger" haben sie am Sonntagabend in der Arena in Trier immer wieder über die Lautsprecher gejagt. Hätten die deutschen Handballerinnen nur halb so viel Überwindungskraft gezeigt wie einst der Filmboxer Rocky zu besagter Musik, dann wären sie jetzt nicht in der brenzligen Situation, in der sie um die Qualifikation zur Europameisterschaft Ende 2022 bangen müssen.

Gegen Belarus, das seit 13 Jahren bei keinem großen Turnier mehr dabei war und das durch die Niederlande, den Favoriten der Qualifikationsgruppe, wenige Tage zuvor noch mit elf Treffern Differenz brüskiert worden war, kamen die deutschen Spielerinnen nicht über ein enttäuschendes 24:24-Unentschieden hinaus. Dies ist im seit Jahren andauernden Kampf um den Anschluss an die Weltspitze ein neuerlicher Rückschlag für den deutschen Frauenhandball. Und das nur eine Woche, nachdem man auf dem Bundestag des Deutschen Handball-Bunds (DHB) voller Hoffnung ein umfassendes Strategiepapier verabschiedet hatte.

Die EM zu verpassen, wäre der Super-GAU

Der Ende des Jahres auslaufende Vertrag mit dem Frauen-Bundestrainer Henk Groener ist vorerst um vier Monate bis zum 30. April 2022 verlängert worden, damit nach der nun zunächst einmal anstehenden Weltmeisterschaft im Dezember in Spanien Zeit genug bleibt, um in Ruhe zu analysieren und über die Zukunft zu sprechen. Dass es beim DHB gewisse Zweifel an Groener gibt, zeigt sich schon daran, dass sie seinen auslaufenden Vertrag nicht bereits frühzeitig und langfristig verlängert haben. Man hat sich einen viermonatigen Aufschub verschafft.

Doch seit Sonntagabend, seit diesem bitteren Remis gegen international zweitklassige Belarussinnen, ist klar, dass man selbst nach der WM im Dezember noch gar nicht weiß, woran man mit Groener ist und wohin der Weg mit ihm führen wird. Nun wird die Ungewissheit noch länger andauern, Ende April 2022 steht das Rückspiel in der EM-Qualifikation in Minsk an - mit einer Niederlage droht das Verpassen der EM im Dezember in Slowenien, Nordmazedonien und Montenegro. Für die deutsche Frauenmannschaft, die schon seit zehn Jahren um internationale Etablierung kämpft, wäre das der Super-GAU. Und erst recht für den Niederländer Groener.

Vor dem Qualifikationsspiel gegen Belarus hatte Groener noch signalisiert, dass er seinen Posten als Bundestrainer gern über April 2022 hinaus behalten würde. "Ich finde, wir sind auf einem guten Weg", hatte er gesagt. Doch diese These werden er und die Mannschaft im Dezember in Spanien nun ultimativ beweisen müssen - am besten mit einem Einzug ins WM-Halbfinale. Genau dieses stets ersehnte Ziel hatte seine Mannschaft bei der EM 2018, der WM 2019 und der EM 2020 verpasst. Erneut nimmt sich Groener nun auch für sein viertes Turnier vor, einen Schritt Richtung Weltspitze zu machen, aber am Sonntag in Trier war nicht zu erkennen, dass die Handballerinnen dazu in der Lage sind. Und die WM beginnt schon in zwei Monaten.

Immer mehr Spielerinnen haben jetzt auch Champions-League-Erfahrung - doch das schlägt sich im Team nicht nieder

Dass sich die Frauen-Nationalmannschaft stets so schwer tut, wird immer rätselhafter, wenn man zugleich bedenkt, dass sich die Spielerinnen individuell verbessern und fünf von ihnen mittlerweile auch in der Champions League Hauptrollen spielen: die Torhüterin Dinah Eckerle im dänischen Esbjerg, die Rückraum-Shooterinnen Alicia Stolle und Emily Bölk in Budapest in Ungarn sowie die kleineren, flinken Spielerinnen Alina Grijseels und Amelie Berger beim deutschen Meister Borussia Dortmund, der in seiner Champions-League-Gruppe nach drei Spielen überraschend Tabellenführer ist.

Spielerinnen, die bei Topklubs auf latentem Champions-League-Niveau spielen, hat sich Groener seit seinem Amtsantritt 2018 immer gewünscht. Nun werden es sukzessive mehr solcher Spielerinnen, aber eine zunehmende Souveränität oder Durchschlagskraft im Nationalteam bemerkt man trotzdem nicht. "Wir waren zu inkonsequent", beklagte Bölk nach der Enttäuschung gegen Belarus. "Wir hatten zu wenig Power vor dem Tor", bilanzierte Groener. Man kann sich nach dieser Leistung nur schwer vorstellen, dass die Mannschaft bei der WM im Dezember plötzlich in ihrer Leistung explodiert.

Noch immer wähnt der Bundestrainer seine Mannschaft "in der Verfolgergruppe der Weltspitze". Verbesserungen, wie sie durch das jüngst verabschiedete Strategiepapier im DHB angedacht sind, "müssen nachhaltig sein", fordert er. Groener mahnt zu Geduld und würde den eingeschlagenen Weg gerne weitergehen. Doch dazu wären langsam erste erkennbare Fortschritte von Vorteil. Das nächste halbe Jahr wird zeigen, auf welchem Weg sich der leidgeprüfte deutsche Frauenhandball befindet - und ob man Groener weiterhin für den richtigen Trainer hält, um neue Erfolge auf den Weg zu bringen.

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