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Handball:Gut fürs Gefühl

11.10.2020 - Handball - 1. Bundesliga LIQUI MOLY HBL - Saison 2020 2021 - 03. Spieltag: HC Erlangen Metropolregion Nürnb; Handball - Erlangen - Hampus Olsson

Dürfte bald bei mehr Spitzenklubs auf der Wunschliste stehen: Erlangens neuer Rechtsaußen Hampus Olsson.

(Foto: Zink/imago images)

Der HC Erlangen gewinnt nach zwei Auswärtsniederlagen im Heimdebüt gegen hoch eingeschätzte Melsunger mit 31:21. Trainer Michel Haaß sieht in dem Erfolg auch das Ergebnis einer großen Willensleistung - Zugang Hampus Olsson sticht als bester Werfer heraus.

Von Ralf Tögel

Schreiben Sie das nicht", sagt Carsten Bissel. Irgendwann stimmt er dann doch zu, dass dieser Transfer als sein Werk bezeichnet werden darf. Es geht um Hampus Olsson, den neuen Rechtsaußen des HC Erlangen, der kurz vor Saisonstart verpflichtet worden war. Als Ersatz für Johannes Sellin, der eigentlichen Stammkraft auf dem rechten Flügel. Sellin hatte sich zum wiederholten Mal eine üble Fingerverletzung an der Wurfhand zugezogen. Die ist operativ wieder in Ordnung gebracht, der ehemalige deutschen Nationalspieler wird zwecks Genesung aber bis mindestens Dezember fehlen. Weil den Verantwortlichen das Risiko zu gewagt erschien, auf Sellins Vertreter Florian von Gruchalla und den aus der U21 in den Profikader beorderten Jonas Poser zu setzen, wurde kurzfristig nachverpflichtet.

Nicht hektisch, Spielerberater waren ja reichlich vorstellig geworden, sondern mit Bedacht. Und da kommt der Aufsichtsratsvorsitzende ins Spiel: "Ich hatte Olsson schon schön länger im Blick, genauer gesagt seit dem EHF-Pokalspiel zwischen Berlin und Malmö". Vor knapp einem Jahr traf der schwedische Linkshänder zwölfmal gegen die Füchse - und den Nerv von Bissel. Vor der Saison sah er die Zeit gekommen, "sich ernsthaft um ihn zu bemühen".

Finanziert wurde der Zugang aus dem Gesellschafterkreis, erklärt Bissel, woran er ebenfalls federführend beteiligt gewesen sein dürfte. Bei der Frage nach den Kosten allerdings findet das informelle Entgegenkommen des HCE-Chefs ein abruptes Ende, man möge sich damit zufrieden geben, dass der "Transfer außerhalb des Etats" gestemmt worden sei. Olsson war mit 181 Toren in 31 Spielen Torschützenkönig der schwedischen Liga, zu deren wertvollstem Spieler er in der Vorsaison gewählt wurde. Für Erlangen war fast wichtiger, dass der 1,87 Meter große und knapp 90 Kilogramm schwere Athlet auch große Qualitäten im Abwehrspiel vorweisen kann. Vor zwei Jahren von Karlskrona nach Malmö gewechselt, startete er nach einem weniger auffälligen Jahr in seiner zweiten Saison beim schwedischen Topklub so richtig durch. Daher stand er wohl bei nicht allzu vielen Spitzenvereinen auf der Wunschliste, was er nun in der weltbesten Liga ändern kann - sicher ein Argument für den Wechsel. Zudem werden in Corona-Zeiten kaum ausufernde Forderungen aufgerufen, in jedem Fall darf sich der Klub glücklich schätzen, dass ein Sponsor den Transfer noch ermöglicht hat.

Von der Qualität des Neuen durften sich immerhin 1720 Zuschauer überzeugen, die trotz des strengen und vor Ort durch die Gesundheitsbehörde überprüften Hygienekonzepts Einlass in die Nürnberger Arena fanden. Olsson steuerte als bester Werfer sieben Treffer zum famosen 31:21-Sieg der Erlanger gegen die MT Melsungen bei, ein Gegner, der mit deutschen Nationalspieler gespickt und vor dem HC einzuordnen ist: Neben Torhüter Silvio Heinevetter standen Julius Kühn, Kai Häfner, Finn Lemke, Tobias Reichmann sowie Timo Kastening, Senkrechtstarter der Handball-EM, auf dem Parkett. Was nur bis zum Wechsel für ein ausgeglichenes Spiel reichte. Nach der 13:9-Halbzeitführung zog der HCE unaufhaltsam weg, spielte phasenweise wie im Rausch und den Gegner an die Wand. Was natürlich nicht nur an Olsson lag, der nicht einmal zu den großen Namen im Kader zählt - dazu gehören Nationalspieler wie Steffen Fäth, der Kroate Sime Ivic oder der Schwede Simon Jeppsson. Trainer Michael Haaß will folglich keinen Akteur herausheben, spricht von einem Erfolg des Kollektivs, weiß aber, dass er an Olsson und Torhüter Klemen Ferlin nicht vorbeikommt.

Denn neben dem besten Torschützen war es der slowenische Nationaltorhüter, der mit seinen 17 Paraden in das Kurzzeitgedächtnis der Fans einzog. Haaß, Weltmeister und vor einem Jahr selbst noch Spieler, bevorzugt die tiefe Analyse und landet dabei schnell beim Innenblock. Kapitän Nico Link, Petter Overby, Sebastian Firnhaber und Jan Schäffer hätten dort die "Drecksarbeit verrichtet, nur davon spricht man weniger". Jeder Spieler habe funktioniert, besonders gefiel ihm, "dass sie miteinander gespielt haben". Haaß war Mittelmann, er zieht ein kreatives Spiel mit situationsbezogen Lösungen dem Abarbeiten von einstudierten Spielzügen vor.

Nach zwei Niederlagen beim Titelverteidiger THW Kiel und dem heimstarken Bergischen HC sieht Haaß in dem Erfolg auch das Ergebnis einer großen Willensleistung, er habe gespürt, "dass die Mannschaft unbedingt gewinnen will". Was "sehr viel Energie freigesetzt hat, dann können wir auch mal so einen Gegner beherrschen". Ob die Leistung Ausdruck des Potenzials im Erlanger Kader sei, der nie zuvor nominell so stark besetzt war? Haaß erbittet Geduld: "Wir können das zwei Tage genießen, dann geht es in dieser Liga von vorne los". Gut fürs Gefühl sei der Erfolg allemal, auch für ihn, schließlich war es der erste Sieg für den Trainer Michael Haaß in einem Pflichtspiel.

Carsten Bissel pflichtet ihm bei, schöne Momentaufnahme, ja, super für die Fans, die mit der erzeugten Stimmung ihren Anteil gehabt hätten. Aber: "Nach zwölf Spielen kann man einen ersten Strich ziehen. Das können sie schreiben."

© SZ vom 14.10.2020

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