Süddeutsche Zeitung

Handball:Grenzerfahrung

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Im Drittliga-Spitzenspiel der beiden ungeschlagenen Mannschaften gehen dem TuS Fürstenfeldbruck gegen die HSG Konstanz in der Schlussphase die Kräfte aus.

Von Heike A. Batzer

Am Schluss macht sich Jörg Lützelberger, 36, so richtig unbeliebt auf gegnerischem Terrain. 15 Sekunden vor dem Ende nimmt der Trainer der HSG Konstanz eine Auszeit, um sein Team noch einmal einzuschwören. Auf was eigentlich? Die Zuschauer in Fürstenfeldbruck, wo Lützelbergers Handballer zu Gast sind und uneinholbar mit 38:32 Toren in Führung liegen, schimpfen, Fürstenfeldbrucks Trainer Martin Wild ist aufgebracht. Eine Provokation sehen sie in der Auszeit, die den Handballteams eigentlich dazu dienen soll, die Taktik nachzujustieren oder einen Spielzug festzulegen. Aber zu dieser Spielzeit? Später beim öffentlichen Trainerstatement in der Halle ist es Lützelberger ein Anliegen, kundzutun, dass "das Timeout keine Respektlosigkeit war, im Gegenteil". Er habe einen "Riesenrespekt" vor dem TuS Fürstenfeldbruck, und deshalb sei möglicherweise auch die Tordifferenz wichtig, wenn am Ende der Runde der direkte Vergleich zwischen den Mannschaften entscheiden sollte.

Denn die Teams aus Konstanz und Fürstenfeldbruck, beide Absteiger aus Liga zwei, haben ihre Drittliga-Gruppe bisher nach Belieben dominiert. Beide gehen nach Traumstarts von 18:0 Punkten in das Spitzenspiel, beide Mannschaften verteidigen gewohnheitsmäßig offensiv und gehen im Angriff ein bedingungslos hohes Tempo. Diesmal tut die HSG Konstanz das am besten. Mit dem 38:32 (15:17)-Sieg setzt sie sich mit jetzt zehn Siegen in zehn Spielen zwei Punkte vom ärgsten Verfolger ab.

Schon zwei Tage vor der Partie und zum ersten Mal wieder in dieser langen Corona-Zeit ist die Halle ausverkauft, 750 Zuschauer werden eingelassen. "Zusammenrücken", empfiehlt der Hallensprecher, damit auch alle einen Sitz- oder Stehplatz finden. Zutritt erfolgt nach der 2-G-Regel, während des gesamten Aufenthalts in der Halle sind FFP2-Masken zu tragen.

"Wir waren heute zu schwach, und das meine ich wörtlich", sagt Fürstenfeldbrucks Trainer Martin Wild

Von Beginn an sind die Zwischenstände knapp, beim 11:10 (20.) gehen die Brucker Panther in Führung, den Zwei-Tore-Vorsprung vom 14:12 (24.) halten sie bis zum 17:15-Pausenergebnis. Louis Oberosler, der junge Schlussmann des TuS Fürstenfeldbruck, hält seine Vorderleute mit grandiosen Paraden im Spiel, ballt nach jedem gelungenen Einsatz die Fäuste und trommelt sich auf die Brust. Im Fürstenfeldbrucker Angriff läuft es derweil weniger glatt, ungewohnt viele Torchancen werden ausgelassen. Max Horner, dem gegen Balingen vier Wochen zuvor noch 16 Tore gelungen waren, scheitert immer wieder. Vier Tore macht er dann doch.

Als nach der Pause der knappe Vorsprung binnen einer Minute verspielt ist, holen sich die Gastgeber beim 21:20 (35.) zwar ein letztes Mal die Führung zurück, doch fortan lassen Antriebskraft und Abwehrarbeit nach. Pfosten- und Lattentreffer und ein verworfener Siebenmeter gesellen sich hinzu, so dass die Konstanzer Handballer ihre Führung vom 22:21 an (37.) Tor um Tor ausbauen können. "Es hat jeder gesehen, dass wir nicht die gewohnte Wurfqualität gezeigt haben, nicht die gewohnte Beinarbeit in der Abwehr, nicht die gewohnte Torwartleistung in der zweiten Halbzeit", fasst TuS-Trainer Martin Wild zusammen: "Wir waren heute zu schwach, und das meine ich wörtlich."

Noch immer fehlen im TuS-Kader einige Dauerverletzte, die Besetzung ist schon seit Wochen knapp. Die bisher tadellose Leistung im Saisonverlauf löste angesichts der personellen Voraussetzungen ohnehin Staunen aus. Gegen eine Mannschaft vom Kaliber der HSG Konstanz aber gerät das Brucker Rumpfteam an seine Grenzen. "Am Schluss haben uns die Kräfte gefehlt", erinnert sich auch Spielmacher Yannick Engelmann, der acht Tore beisteuert. Konstanz indes hat zu Saisonbeginn im ehemaligen Bundesligaspieler Jörg Lützelberger (Lemgo, Essen, Gummersbach) nicht nur einen neuen Trainer, sondern auch acht Verstärkungen auf dem Feld bekommen. Wie den 21-jährigen Torhüter Leon Grabenstein, der aus Minden kam und diesmal in Halbzeit zwei die TuS-Angreifer zur Verzweiflung treibt. Oder Kreisläufer Niklas Ingenpass, der im Vorjahr noch für TUSEM Essen in der Bundesliga im Einsatz war. Dagegen beim TuS: Polizist Max Horner war während der Woche mit dem Bayernteam bei der Deutschen Polizeimeisterschaft, Korbinian Lex und Tobias Prestele stiegen erst verspätet ins Training ein und Linksaußen Tim Kaulitz fiel erkrankt aus. "Wir konnten nur bruchstückhaft und in Ausschnitten trainieren", sagt Wild. All das war im Duell Erster gegen Zweiter nicht zu kompensieren.

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